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Swiss Observer

Die Zukunft des historischen Grandhotels Giessbach unter ökologischer Führung

Vera Weber, die Tochter renommierter Umweltschützer, führt vorübergehend das ikonische Grandhotel Giessbach und setzt gleichzeitig ihre Naturschutzarbeit fort. Damit zeigt sie, wie Denkmalschutz und Umweltaktivismus ineinandergreifen.

Die Zukunft des historischen Grandhotels Giessbach unter ökologischer Führung
AISWI swissinfo.ch

Vera Weber ist in die Bresche gesprungen. Die 50-jährige Präsidentin der Franz Weber Stiftung ist nun interimistische Direktorin des Grandhotels Giessbach und verbindet damit die oft weit auseinanderliegenden Welten der gehobenen Hotellerie und des kompromisslosen Umweltaktivismus. Das ist nicht bloss ein beruflicher Wechsel, sondern eine Begegnung von Kulturerbe und Überzeugung. Während sie den Alltag dieses historischen Juwels hoch über dem Brienzersee organisiert, bleibt Weber standhaft: Ihre Amtszeit ist vorübergehend, ihre Wirkung aber dauerhaft.

«Es ist weder eine Rolle noch eine Pflicht, sondern eine tiefe Überzeugung», sagt Weber über ihre Lebensaufgabe. Sie bewegt sich durch die prachtvollen Korridore eines Belle-Époque-Hotels mit derselben Intensität, mit der sie sich auf politischem Parkett engagiert. Zwar sagt sie mit Blick auf das Hotel, das ihre Eltern gerettet haben: «Ich fühle mich hier zu Hause.» Gleichzeitig sucht sie aktiv nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger. Ihr Blick bleibt auf die Zukunft des Naturschutzes gerichtet. Sie zeigt damit, dass sich die Vergangenheit würdigen lässt, ohne den Einsatz für die Zukunft aufzugeben.

Ein Vermächtnis bewahren: Die Wiedergeburt des Giessbachs

Das Grandhotel Giessbach hat überlebt. Das architektonische Meisterwerk wurde zwischen 1873 und 1875 erbaut und stand 1981 kurz vor der Zerstörung: Es sollte abgerissen werden, um Platz für eine Betonüberbauung zu schaffen. Der Einsatz von Franz und Judith Weber, Veras Eltern, brachte die Abrissbirne zum Stillstand. Heute ist das Hotel nicht nur eine Unterkunft, sondern auch ein Denkmal für die Kraft des Naturschutzes.

Für Vera ist die Verbindung ganz unmittelbar. Als Kind verbrachte sie ihre Wochenenden auf dem Gelände und erlebte die aufwendigen Renovationsarbeiten der 1980er-Jahre aus nächster Nähe. Hier gehen Denkmalpflege und Umweltschutz Hand in Hand. Das Überleben des Hotels zeugt davon, dass die Familie Weber sich weigerte, die Zerstörung von Schönheit zugunsten des Profits hinzunehmen. Wenn sie nun als interimistische Direktorin durch die Gänge geht, trägt sie die Last dieser Geschichte mit sich. Sie ist eine lebendige Erinnerung daran, dass der Schutz der Schweizer Schätze ständige Wachsamkeit erfordert.

Unermüdlicher Einsatz: Gewonnene und verlorene Kämpfe

Webers Werdegang ist von Widerstand geprägt. Seit über zwei Jahrzehnten engagiert sie sich für die Franz Weber Stiftung und hat Kampagnen angeführt, die die Schweizer Politik verändert haben. Ihre Hartnäckigkeit zeigt sich besonders im zehnjährigen Kampf gegen das Ozeanium-Projekt des Basler Zoos. Diesen Kampf gewann sie letztlich, als die Bevölkerung das Aquarium ablehnte. «Es war ein Erfolg des ganzen Teams», sagt sie und weist damit die Anerkennung von sich, obwohl sie die treibende Kraft war.

Doch Aktivismus ist ein hartes Feld. 2024 stellte sich Weber ganz allein gegen das Schweizer politische Establishment und grosse Umweltorganisationen, um das neue Stromgesetz zu bekämpfen. Das Gesetz wurde zwar angenommen, doch ihre Bereitschaft, allein Stellung zu beziehen, zeugt von einer seltenen Form von Mut im heutigen Engagement. «Auch die Wut über Ungerechtigkeit ist eine Kraftquelle», betont sie. Ob gegen kanadische Robbenjäger oder politische Gegnerinnen und Gegner in Bern: Weber setzt ihre Überzeugungen wie eine Waffe ein und lässt sich von den Widrigkeiten nicht abschrecken.

Unbeugsamer Geist: Der Preis der Überzeugung

Das Leben einer radikalen Naturschützerin fordert einen hohen Tribut. Weber scherzt, ihre «Tage hätten 25 Stunden», ein Hinweis auf einen Alltag, der keinen Platz für Konventionelles lässt. Sie hat sich bewusst gegen Kinder entschieden und ist oft auf sich allein gestellt. Diese Eigenschaft entwickelte sich früh: Niemand kam zu ihrem neunten Geburtstag, weil ihre Eltern umstritten waren. So hat sie sich einen Schutzpanzer gegen Anfeindungen zugelegt. «Ich habe viele Feinde, das ist eben so, wenn man Stellung bezieht», sagt sie unverblümt.

Unter diesem Schutzpanzer verbirgt sich jedoch die Sehnsucht nach Ruhe. Sie träumt davon, für Monate in einem mexikanischen Dschungel zu verschwinden und dort eine Stille zu finden, die ihr das heutige Leben verwehrt. Vorerst sucht sie Zuflucht in Fantasy-Romanen und zieht sich in Welten zurück, die «etwas besser» sind als diese. Während sie das Grandhotel Giessbach durch diese Übergangszeit führt, bleibt Vera Weber eine beeindruckende Kraft: eine Frau, die nachts trotz ihrer Erschöpfung ruhig schläft und nicht gebrochen ist, angetrieben von den Kämpfen, die andere zermürben würden.