Politik
Historische Premiere: Frau zur Landammann im letzten Schweizer Kanton mit Frauenstimmrecht gewählt
Angela Koller wird die erste Frau im Amt der Landammann im konservativen nordostschweizerischen Kanton, der Frauen erst vor drei Jahrzehnten das Stimmrecht gewährte.

Im Herzen der konservativen Schweiz wurde Geschichte neu geschrieben. In einem eindrücklichen Zeichen des Fortschritts für eine Region, die einst von ihrem Widerstand gegen Veränderungen geprägt war, hat Angela Koller einen überwältigenden Sieg errungen. Sie wurde als erste Frau überhaupt zur Landammann von Appenzell Innerrhoden gewählt. Die 41-jährige Anwältin und Kandidatin der Mitte hat nicht einfach gewonnen: Sie hat eine patriarchalische Bastion erschüttert, die seit Jahrhunderten bestand, und sich gegen drei weitere Kandidaten durchgesetzt, um den höchsten Sitz in der Kantonsregierung zu übernehmen.
Dieser Sieg ist nicht bloss ein Wechsel an der Spitze, sondern ein tiefgreifender kultureller Wandel. Für einen Kanton, der Frauen erst vor gerade einmal 34 Jahren das Stimmrecht gewährte, steht Kollers Aufstieg für eine rasche und unbestreitbare Modernisierung. Während sich der Rest der westlichen Welt schon vor Jahrzehnten mit der zweiten Welle des Feminismus auseinandersetzte, blieb Appenzell Innerrhoden stehen. Heute ist diese Stagnation offiziell vorbei. Koller steht nun an der Spitze genau jener Regierung, die Frauen ihres Geschlechts zu ihren Lebzeiten rechtlich vom demokratischen Prozess ausgeschlossen hatte. Ihre Wahl ist eine deutliche Absage an die Vorstellung, Tradition müsse stets auf Kosten der Gleichstellung gehen.
Eine widerwillige Geschichte des Stimmrechts
Die historische Bedeutung dieses Augenblicks lässt sich kaum überschätzen, ohne sich mit der umstrittenen Vergangenheit des Kantons auseinanderzusetzen. Appenzell Innerrhoden hat den zweifelhaften Ruf, als letzte Schweizer Bastion Frauen das Stimmrecht verweigert zu haben. Während Frauen ab 1971 an den eidgenössischen Wahlen teilnehmen konnten, hielt diese nordöstliche Enklave noch weitere qualvolle 20 Jahre daran fest. Es handelte sich nicht um eine freiwillige Entwicklung, sondern um eine Vorgabe des Bundes.
1991 schritt das Bundesgericht in Bern ein. Weil es die Situation international als peinlich und rechtlich unhaltbar einstufte, zwang es den Kanton auf beispiellose Weise zum Einlenken. Damit wies es die Appenzeller Männer faktisch an, ihre Mütter, Ehefrauen und Töchter in den Abstimmungskreis aufzunehmen. Hätte Bern nicht mit solcher Entschlossenheit eingegriffen, würden Frauen heute vielleicht noch immer an den Rand gedrängt. Dieser Hintergrund macht Kollers Sieg umso aussergewöhnlicher. Sie führt eine Bevölkerung, die vor weniger als einer Generation rechtlich dazu verpflichtet werden musste, sie überhaupt abstimmen zu lassen, geschweige denn, ihr die Regierung anzuvertrauen. Der Weg vom Ausschluss vom Stimmrecht bis ins höchste Amt in etwas mehr als drei Jahrzehnten zeigt, wie stark sich die gesellschaftliche Akzeptanz beschleunigt hat.
Demokratie per Handerheben
Der Weg zu Kollers Sieg ist ebenso bemerkenswert wie das Ergebnis selbst. Es gab weder geheime Stimmzettel noch elektronische Abstimmungsmaschinen oder Wahlkabinen mit Vorhängen. Wie es der Tradition am letzten Sonntag im April entspricht, fand die Wahl auf dem Landsgemeindeplatz statt, einer Versammlung unter freiem Himmel, bei der Demokratie unmittelbar und greifbar ist. Dieser Brauch, der bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht, verlangt persönliche Anwesenheit und öffentliche Überzeugung.
Die Stimmberechtigten, nun Männer und Frauen gleichermassen, füllten den Platz, um ihre Führungspersonen und Richterinnen und Richter mit einem einfachen, eindrücklichen Handzeichen zu wählen. Diese unverfälschte Form der direkten Demokratie lässt keinen Platz, sich zu verstecken. In diesem Meer erhobener Hände war die Unterstützung für Koller sichtbar und unmissverständlich. Die Landsgemeinde ist ein einzigartiges kulturelles Erbe der Schweiz. Sie wird oft wegen der fehlenden Geheimhaltung kritisiert, zugleich aber für die Beteiligung der Gemeinschaft geschätzt. Eine Frau im Zentrum dieser mittelalterlichen Tradition zu sehen, die sich des Respekts der Versammlung erfreut, schafft einen eindrücklichen visuellen Gegensatz: uralter Brauch verbindet sich nahtlos mit modernem Fortschritt.
Eine neue Ära für die Mitte
Kollers Triumph ist ein wichtiger Erfolg für die Mitte und festigt ihren Einfluss in der Region. Indem die Partei eine Kandidatin aufstellte, die die konservativen Wurzeln des Kantons mit dem Bedürfnis nach moderner Repräsentation verbinden kann, ist ihr ein Meisterstück gelungen. Koller ist von Beruf Anwältin und bringt als Landammann ein Mass an Fachkompetenz in die Funktion ein, das für die Bewältigung der komplexen modernen Kantonsverwaltung unerlässlich ist.
Mit ihrem Amtsantritt richtet sich der Blick der Eidgenossenschaft auf Appenzell Innerrhoden. Die Wahlergebnisse deuten darauf hin, dass die Stimmberechtigten nicht mehr allein entlang von Geschlechtergrenzen oder nach archaischer Tradition wählen, sondern auf Kompetenz und Weitsicht setzen. Der Kanton kam spät zur Gleichstellung, doch dieser Aufschwung legt nahe, dass er die verlorene Zeit aufholt. Angela Kollers Regierung dürfte genauer unter die Lupe genommen werden als jede zuvor, doch ihr Auftrag ist klar. Das Volk hat gesprochen, mit erhobenen Händen, und damit signalisiert, dass selbst in den traditionellsten Ecken der Schweiz die gläserne Decke endgültig durchbrochen ist.