Umwelt
Hitzewelle und Dürre richten in der ganzen Schweiz schwere Schäden an
Die anhaltende Hitzewelle und die Dürre verursachen im ganzen Land weitreichende Probleme: von gefährlich niedrigen Reservoirständen und zunehmenden Risiken in den Alpen bis hin zum politischen Druck auf den Umweltminister.

Die Schweiz ist mit einer Klimanotlage konfrontiert, die das Land an seine Belastungsgrenze gebracht hat. Das Frühjahr 2026 ist offiziell als eines der trockensten seit Beginn der landesweiten Messungen im Jahr 1864 in die Rekordbücher eingegangen. Die Landschaft ist ausgedörrt, die Bevölkerung verwundbar. Das ist keine blosse saisonale Abweichung, sondern ein systemischer Schock. Vom Flachland bis zu den höchsten Gipfeln ist die Hitzewelle unerbittlich. Sie brennt sich durch den traditionellen Schweizer Sommer und lässt üppig grüne Weiden trocken und gelb zurück. Die Bäuerinnen und Bauern flehen verzweifelt um Hilfe, weil die Ernten ausfallen und das Vieh kaum Wasser findet. Zugleich sind die Pegel der für das Land so typischen Flüsse derart tief gesunken, dass massenhaftes Fischsterben zum düsteren Alltag wird. Die Dringlichkeit ist spürbar, doch die Hitze lässt nicht nach. Das zwingt die Schweiz dazu, ihre ökologische Widerstandsfähigkeit grundlegend zu hinterfragen.
Wasserkraftreserven auf dem tiefsten Stand seit 20 Jahren
In den für die Schweiz wichtigen Stauseen sind nur noch 46 Prozent der Kapazität verfügbar. Das ist der tiefste saisonale Stand seit mehr als zwei Jahrzehnten. Daten des Bundesamts für Energie (BFE) zeigen ein kritisches Defizit: Der Füllstand liegt derzeit 16,4 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt der vergangenen 20 Jahre. Ursache für diese Erschöpfung ist die katastrophale Kombination aus geringem Schneefall im Winter und einem beispiellosen Mangel an Frühlingsregen. Bundesvertreter wie Andreas Jöckel von der ElCom betonen zwar, dass die Stromversorgung im Winter nicht unmittelbar gefährdet sei, doch der Spielraum ist verschwunden. Grosse Betreiber wie Alpiq setzen derzeit auf die beschleunigte Gletscherschmelze, um die Lücken zu füllen. Das ist jedoch ein zweischneidiges Schwert: Die Schmelze sorgt zwar vorübergehend für einen Schub, kündigt aber zugleich den endgültigen Rückgang der Gletscher an, die als «Wassertürme» der Schweiz dienen. Sind diese Eisriesen einmal verschwunden, fällt das Sicherheitsnetz für die Schweizer Energieversorgung im Sommer für immer weg.
Die Alpen bröckeln, während der Permafrost taut
Das Matterhorn zerfällt buchstäblich. Die intensive, anhaltende Hitze taut den Permafrost in grosser Höhe auf, der in den Alpen wie «Klebstoff» wirkt. Dadurch werden bekannte Kletterrouten zu gefährlichen Schussbahnen für Steinschlag. In Zermatt und Chamonix raten Bergführerinnen und Bergführer Bergsteigerinnen und Bergsteigern in einem beispiellosen Schritt davon ab, ihre Gipfelträume weiterzuverfolgen. Diese Woche wurde die Lage tragisch, als an einem einzigen Tag zwei Bergsteiger am Mont Blanc ums Leben kamen. Die Gefahr ist jedoch nicht nur geologischer, sondern auch menschlicher Natur. Edith Lehner, Hüttenwartin der Hörnlihütte, warnt vor einer Zunahme «menschengemachter Felsstürze»: Unerfahrene Touristinnen und Touristen, getrieben vom Prestige in den sozialen Medien, verlassen die markierten Wege und lösen lose Steine aus, die auf darunterliegende Gruppen stürzen. Die Berge verzeihen weniger, doch die Zahl ungenügend vorbereiteter Bergsteigerinnen und Bergsteiger steigt weiter. So entsteht eine tödliche Mischung aus ökologischer Instabilität und menschlicher Rücksichtslosigkeit.
Politischer Sturm erfasst das Umweltdepartement
Die Hitzewelle hat in Bern einen heftigen politischen Streit entfacht. Die Präsidentin der Grünen, Lisa Mazzone, fordert die sofortige Absetzung von Umweltminister Albert Rösti. Mazzones Kritik ist scharf: Sie wirft der Regierung vor, «in den Ferien» zu sein, während das Land brenne und Fische in ausgetrockneten Flüssen sterben. Rösti habe mit seiner Führung in der Klimapolitik eine Reihe von Rückschritten zu verantworten, argumentiert sie, und fordert einen radikalen Kurswechsel hin zu mehr Begrünungsinitiativen und Schutzmassnahmen am Arbeitsplatz. Die Sozialdemokraten und die Grünliberalen teilen zwar die Sorge über die «spürbaren Auswirkungen» des Klimawandels, verzichten aber weitgehend darauf, eine Umbildung des Bundesrats zu fordern. Sie befürchten, dies könnte das Organ Bundesrat schwächen. Die Schweizerische Volkspartei (SVP) wiederum hat die Angriffe als blosse Suche nach Aufmerksamkeit abgetan. Diese politische Blockade macht eine wachsende Kluft in der Schweizer Gesellschaft sichtbar: Wie lässt sich die traditionelle konsensorientierte Regierungsführung mit den dringenden, entschlossenen Massnahmen in Einklang bringen, die eine sich rasch erwärmende Welt verlangt?
Ein Land muss sich mit dauerhaftem Extremwetter auseinandersetzen
Die Schweiz muss sich nun mit der Realität auseinandersetzen, dass dieser «extreme» Sommer bald zur neuen Normalität werden könnte. Die aktuelle Krise ist ein Weckruf für ein Land, das stolz auf seine Stabilität und Weitsicht ist. Während sich die Gletscher zurückziehen und die Stauseen Rekordtiefstände erreichen, ist das Schweizer Energie- und Tourismusmodell existenziell bedroht. Im Vordergrund stehen weiterhin die öffentliche Sicherheit und die Wasserbewirtschaftung, doch die langfristigen Folgen reichen weit. Werden die Alpen ein geeignetes Ziel für den Alpinismus bleiben? Kann der «Wasserturm Schweiz» Mitteleuropa weiterhin mit Strom versorgen? Die Antworten hängen davon ab, wie schnell sich das Land anpasst. Von der Begrünung der Städte bis zur Neuausrichtung des Hochtourismus: Die Entscheidungen, die in diesem glühend heissen Juli getroffen werden, werden die Schweizer Landschaft über Generationen prägen. Die Hitzewelle ist kein vorübergehendes Wetterereignis mehr, sondern verändert das Leben in der Schweiz dauerhaft.