Klima
Hitzekrise bedroht die Produktivität der Schweizer Arbeitskräfte
Ein Bericht der WHO und der WMO warnt vor den Auswirkungen extremer Hitze auf Schweizer Arbeitskräfte. Die Grünen fordern besondere Massnahmen, darunter kürzere Arbeitszeiten und Mietzinsanpassungen während Hitzewellen.

Extreme Hitze ist längst keine saisonale Unannehmlichkeit mehr, sondern eine ausgewachsene Krise der öffentlichen Gesundheit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) haben einen eindringlichen gemeinsamen Bericht veröffentlicht, der bestätigt, dass die Klimakrise die Sicherheit der globalen Arbeitskräfte aktiv untergräbt. 2024 wurde als wärmstes Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen bestätigt, mit Temperaturen, die 1,45 °C über dem vorindustriellen Niveau lagen. Die Daten zeichnen ein erschreckendes Bild unserer neuen Realität.
Der Sommer 2025 hat diese Belastung weiter verschärft, als die Temperaturen in Europa regelmässig die 40-°C-Marke überschritten. Rüdiger Krech, WHO-Direktor für Umwelt, Klimawandel und Gesundheit, fand bei einer jüngsten Medienkonferenz deutliche Worte: «Extreme Hitze ist eine Krise der öffentlichen Gesundheit. Sie schadet bereits der Gesundheit und den Lebensgrundlagen von Milliarden Arbeitskräften auf der ganzen Welt.» Das ist keine Prognose für die Zukunft, es geschieht jetzt. Während die Schweiz mit diesen beispiellosen Veränderungen ringt, ist die Warnung klar: Die Zeit, in der thermische Belastung ignoriert werden konnte, ist vorbei. Die Kosten des Nichthandelns werden in Menschenleben gemessen.
Die Produktivität sinkt mit steigenden Temperaturen
Die Schweizer Wirtschaft wird durch eine stille, unsichtbare Bremse belastet: Hitzestress. Die jüngsten Empfehlungen der WHO und der WMO zeigen einen frappanten Zusammenhang zwischen steigenden Temperaturen und sinkender Leistung. Die Produktivität der Arbeitskräfte sinkt um entscheidende 2 bis 3 Prozent pro zusätzlichem Grad, um den die Feuchtkugel-Globus-Temperatur über 20 °C steigt. Diese Kennzahl berücksichtigt Luftfeuchtigkeit, Wind und Sonneneinstrahlung und belegt, dass selbst mässige Hitze die Effizienz stark beeinträchtigen kann.
Dabei geht es nicht bloss um Unbehagen. Es ist eine mathematische Gewissheit, die Verluste in Milliardenhöhe nach sich ziehen könnte. Wenn der Körper darum kämpft, seine Kerntemperatur unter 38 °C zu halten, nehmen die kognitiven und körperlichen Fähigkeiten rasch ab. Für eine Hochkosten- und Hochleistungsgesellschaft wie die Schweiz ist dieser Produktivitätsverlust nicht tragbar. Meteorologinnen und Meteorologen sagen zwar für den Rest dieses Sommers vorübergehend kühlere Temperaturen voraus, doch der langfristige Trend ist unbestreitbar. Die Branchen können sich nicht einfach über die Gesetze der Physik hinwegsetzen. Mit steigenden Temperaturen brechen die Gewinne ein.
Schweizer Grüne fordern weitreichende Kühlungsmassnahmen
Bern kommt ins Schwitzen, und die politische Temperatur steigt ebenso schnell wie das Klima. Um künftigen Krisen zuvorzukommen, fordern die Grünen mutig ein sofortiges Eingreifen der Regierung, um die Bevölkerung vor der «Hitzefalle» zu schützen. Ihre Vorschläge sind weitreichend und umstritten: Sie verlangen gesetzlich vorgeschriebene kürzere Arbeitszeiten während Hitzewellen und, besonders bemerkenswert, Mietzinsreduktionen für Mieterinnen und Mieter in schlecht isolierten, überhitzten Wohnungen.
Die unmittelbare Wetterprognose deutet für Ende August 2025 zwar auf eine Abkühlung hin, doch die Grünen argumentieren, dass reaktive Massnahmen für eine unberechenbare Zukunft nicht ausreichen. Sie setzen sich für eine grundlegende Neuausrichtung des Umgangs der Schweiz mit extremen Wetterereignissen ein. Dazu gehören «Kühlungsmassnahmen», bei denen die menschliche Gesundheit Vorrang vor starren Zeitplänen erhält. Die Debatte dürfte das Parlament entfachen: Kann sich die Schweizer Wirtschaft an ein Modell anpassen, bei dem die Arbeitszeiten mit dem Thermometer schwanken, oder halten traditionelle Arbeitsstrukturen der wachsenden Klimakrise stand?
Die tödlichen Folgen für Arbeitskräfte an vorderster Front
Hinter den Wirtschaftsstatistiken verbirgt sich eine düstere Bilanz menschlichen Leidens. Weltweit sind mittlerweile unglaubliche 2,4 Milliarden Arbeitskräfte übermässiger Hitze ausgesetzt. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) bezeichnet diese als «eine der schwerwiegendsten beruflichen Gefahren in der heutigen Arbeitswelt». Die Folgen sind tödlich. Hitzestress verursacht jedes Jahr über 22 Millionen Arbeitsunfälle und erschütternde 19 000 Todesfälle.
Schweizer Arbeitskräfte in der Landwirtschaft und im Baugewerbe stehen an vorderster Front dieses Kampfes. Die gesundheitlichen Folgen sind schwerwiegend und oft irreversibel: chronische Dehydrierung, akute Nierenerkrankungen und neurologische Funktionsstörungen. Symptome werden häufig falsch diagnostiziert oder ignoriert, bis es zu spät ist. Joaquim Pintado Nunes von der ILO betont, dass es sich um eine weitverbreitete Gefahr und nicht um einen Einzelfall handelt. Da Schweizer Sommer zunehmend jenen Südeuropas ähneln, muss sich das Land der Realität stellen: Für im Freien arbeitende Menschen wird ein sonniger Tag immer mehr zur Todesfalle.
Ungleichheit in der Hitzezone
Die Hitzekrise trifft nicht alle gleich, sondern verschärft die Ungleichheit auf brutale Weise. Der Bericht der WHO und der WMO hebt einen deutlichen Gegensatz hervor: Während sich besser gestellte Berufstätige in klimatisierte Büros zurückziehen können, sind Menschen mit niedrigem Einkommen und Arbeitskräfte in körperlichen Berufen den Elementen ausgesetzt. Der Bericht warnt, dass Hitzestress am Arbeitsplatz die Bemühungen zur Armutsbekämpfung gefährdet und die ärmsten Familien am härtesten trifft.
In der Schweiz wirft dies unbequeme Fragen zur sozialen Gerechtigkeit auf. Mieterinnen und Mieter in älteren, nicht renovierten Gebäuden leiden besonders stark, was den Ruf der Grünen nach Mietzinsanpassungen befeuert. Wenn die Möglichkeit, der Hitze zu entkommen, zum Luxusgut wird, droht das soziale Gefüge des Landes zu zerreissen. Mit Blick auf 2026 und die Zeit danach steht die Schweiz vor einer nicht nur meteorologischen, sondern auch moralischen Herausforderung. Wir müssen entscheiden, ob wir zulassen, dass die Klimakrise die Kluft zwischen den wenigen Geschützten und den vielen Ausgesetzten weiter vertieft.