Zum Inhalt springen
Swiss Observer

Regierungsbericht warnt: Zunehmender Antisemitismus gefährdet das Ansehen der Schweiz

Ein neuer Bericht des Bundes bezeichnet die Zunahme antisemitischer Vorfälle als «ernste Herausforderung» für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und als potenzielles Risiko für die Aussenpolitik und das internationale Ansehen der Schweiz.

Regierungsbericht warnt: Zunehmender Antisemitismus gefährdet das Ansehen der Schweiz
AISWI swissinfo.ch

Das sorgfältig gepflegte internationale Image der Schweiz sieht sich einem mächtigen neuen Gegner im eigenen Land gegenüber. Ein am Freitag veröffentlichter zentraler Regierungsbericht warnt ausdrücklich, dass die zunehmende Welle des Antisemitismus nicht länger nur ein innenpolitisches gesellschaftliches Problem ist. Sie stellt eine direkte Bedrohung für die Aussenpolitik und das internationale Ansehen des Landes dar. Als Depositarstaat der Genfer Konventionen trägt die Schweiz eine besondere Verantwortung für die Einhaltung des humanitären Völkerrechts. Jedes vermeintliche Versäumnis beim Schutz von Minderheiten im Inland wirkt sich über diplomatische Kanäle auch im Ausland aus.

Die Regierung hat diese Entwicklung als «ernste Herausforderung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt» bezeichnet und anerkannt, dass die Welt aufmerksam zusieht. Zwar weisen die Behörden darauf hin, dass es derzeit keine Hinweise auf konkrete internationale Kritik an der Schweiz gibt, doch der Bericht macht deutlich: Die Wahrnehmung der Schweizer Neutralität und ihrer humanitären Führungsrolle ist fragil. In einer Zeit, in der Soft Power eine wichtige Währung ist, könnte die Unfähigkeit, Hassrede einzudämmen, die Schweiz ihren Platz am Tisch der moralischen Autorität kosten. Viel steht auf dem Spiel, denn der Bericht stellt einen direkten Zusammenhang zwischen dem internationalen Ruf des Landes und seiner inneren Sicherheitslage her.

Hass im digitalen Raum steigt um 37 Prozent

Die Zahlen zeichnen das beunruhigende Bild einer Gesellschaft, die mit zunehmender Toxizität im digitalen Raum zu kämpfen hat. Gemäss den neuesten Daten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds stieg die Zahl antisemitischer Vorfälle im digitalen Raum 2025 gegenüber dem Vorjahr drastisch um 37 Prozent. Es handelt sich nicht um einen allmählichen Anstieg, sondern um einen deutlichen, unbestreitbaren Sprung, der die Schwankungen der globalen Geopolitik widerspiegelt.

Seit dem Angriff der Hamas auf Israel im Herbst 2023 und der anschliessenden militärischen Vergeltung sind die Schleusen für Hass im Internet geöffnet. Das Internet ist zum wichtigsten Schauplatz geworden, auf dem Vorurteile verstärkt und mit beispielloser Geschwindigkeit verbreitet werden. Die Regierung hält fest, dass dieser Anstieg Teil eines breiteren Trends in Europa und Nordamerika ist, doch die lokalen Zahlen für die Schweiz bleiben alarmierend. Der digitale Raum ist keine separate Sphäre mehr, sondern ein Gradmesser für den gesellschaftlichen Zustand des Landes. Und derzeit sind die Messwerte kritisch. Dieser dramatische Anstieg der gehässigen Äusserungen im Internet kündigt eine Spaltung im realen Leben an und stellt das Fundament des Schweizer Zusammenhalts infrage.

Von Hass im Internet zu Gewalt auf der Strasse

Die Bedrohung ist nicht länger auf die Schatten des Internets beschränkt, sondern hat sich mit Gewalt auf die Schweizer Strassen verlagert. Der Bericht unterstreicht die düstere Realität, dass Worte Folgen haben, und verweist auf den brutalen Angriff von 2024 in Zürich, bei dem ein orthodoxer Jude bei einem Messerangriff lebensgefährlich verletzt wurde. Dieser Vorfall ist ein blutiges, eindringliches Zeugnis für die Gefahren einer unkontrollierten Radikalisierung.

Solche Gewalttaten erschüttern das Gefühl der Sicherheit, das viele Schweizerinnen und Schweizer für selbstverständlich halten. Die Regierung hat erneut betont, dass der Schutz der Grundfreiheiten und der Menschenwürde eine «zentrale Aufgabe des Staates» ist. Der Übergang von digitaler Belästigung zu körperlicher Gewalt markiert jedoch eine gefährliche Eskalation. Die Sicherheitsdienste sehen sich nun mit einer hybriden Bedrohungslage konfrontiert, in der sich die Radikalisierung im Internet im öffentlichen Raum zeigt. Der Angriff in Zürich bildet einen erschütternden Schwerpunkt des Berichts und belegt, dass die von den Behörden erwähnte «ernste Herausforderung» keine theoretische Gefahr ist. Sie stellt für jüdische Menschen in der Schweiz ein konkretes, unmittelbares Risiko dar.

Bern hält an bestehenden Massnahmen fest

Trotz der deutlichen Warnsignale und des Eingeständnisses einer «ernsten Herausforderung» hält der Bundesrat an seiner Linie fest. In einem Schritt, der einige Beobachter überraschen dürfte, hat die Regierung erklärt, dass derzeit keine zusätzlichen Massnahmen nötig seien. Stattdessen setzt Bern verstärkt auf die bestehenden Instrumente und verweist insbesondere auf die kürzlich verabschiedete Nationale Strategie gegen Rassismus und Antisemitismus 2026 bis 2031.

Die Behörden argumentieren, der bestehende Rahmen, zu dem eine erhöhte finanzielle Unterstützung für den Schutz bedrohter Minderheiten und der Nationale Aktionsplan 2023 bis 2027 gegen Radikalisierung gehören, reiche aus, um der Entwicklung standzuhalten. Dieser Kurs nach dem Motto «weiter wie bisher» beruht stark auf der Annahme, dass die bestehenden internationalen und nationalen Instrumente robust genug sind, um mit dem Anstieg umzugehen. Die Regierung verspricht zwar, die Bedrohungslage weiterhin genau zu beobachten, doch der Verzicht auf neue, weitreichende Eingriffe setzt die Umsetzung der bestehenden Strategien stark unter Druck. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob diese etablierten Verfahren die zunehmende Hasswelle tatsächlich eindämmen können oder ob sie gegen eine Waffe des digitalen Zeitalters nur Papierschilde sind.