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Swiss Observer

Das weltweite Wiederaufflammen der Masern: Die Impfherausforderung für die Schweiz

Während die Masernfälle weltweit stark ansteigen, betonen die Schweizer Gesundheitsbehörden, wie wichtig eine hohe Impfquote ist, um Ausbrüche zu verhindern. Die internationale Besorgnis wächst.

Das weltweite Wiederaufflammen der Masern: Die Impfherausforderung für die Schweiz
AISWI swissinfo.ch

Masern sollten eigentlich ein Relikt der Vergangenheit sein. Stattdessen erleben sie ein tödliches Comeback. In einer erschütternden Umkehr des Fortschritts im Bereich der öffentlichen Gesundheit starben 2023 weltweit über 107'000 Menschen an Masern, die meisten davon Kleinkinder. Das ist keine geringfügige Schwankung, sondern ein massives Wiederaufflammen. Der Weg zur weltweiten Ausrottung der Masern, durch den zwischen 2000 und 2022 schätzungsweise 57 Millionen Todesfälle verhindert wurden, ist abrupt verlassen worden.

Im Westen leuchten die Warnsignale rot auf. Der Februar 2025 markierte einen düsteren Meilenstein: Nach einem Ausbruch in Texas kam es in den USA zum ersten masernbedingten Todesfall seit einem Jahrzehnt. Diese Tragödie unterstreicht eine bittere Realität: Bei Infektionskrankheiten ist kein Land eine Insel. Obwohl 82 Länder das Virus zuvor ausgerottet hatten, ist der aktuelle Rückschritt sowohl tragisch als auch vermeidbar. Wie Hans P. Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa, unverblümt sagte: «Die Masern sind zurück, und das ist ein Weckruf.» Die Welt ringt nun mit einem Erreger, der sich schneller ausbreitet, als wir reagieren können.

Der Schutz der Schweiz: Warum 95 Prozent entscheidend sind

In der Schweiz ist die unmittelbare Gefahr einer Krise weiterhin gering, doch Selbstzufriedenheit ist keine Option. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) stellt klar: Eine hohe Impfquote ist der einzige Schutzwall gegen eine Katastrophe. Masern sind äusserst ansteckend: Bei einem Kontakt mit dem Virus infizieren sich neun von zehn nicht geimpften Personen. Diese extreme Übertragbarkeit erfordert eine ebenso starke Abwehr: eine Impfquote von 95 Prozent, um eine Herdenimmunität zu erreichen.

Für Schweizer Familien steht unglaublich viel auf dem Spiel. Masern werden oft als eine Art Übergangsritus im Kindesalter abgetan, können aber tödlich sein. Sie können zu Lungenentzündung, Hirnentzündung und lebenslanger Behinderung führen. «Die Impfung verhindert in praktisch 100 Prozent der Fälle schwere Komplikationen und Todesfälle durch Masern», bestätigt das BAG. Damit die Schweiz eine Festung gegen dieses Wiederaufflammen bleibt, muss die zweifache MMR-Impfung konsequent eingehalten werden. Eine Impfquote unter 95 Prozent lässt dem Virus die Tür offen, damit es sich ausbreiten und besonders gefährdete Menschen schwer schädigen kann, darunter auch Personen, die nicht selbst geimpft werden können.

Der unsichtbare Feind: Immunamnesie

Die Gefahr durch Masern geht weit über den anfänglichen Ausschlag und das Fieber hinaus. Das Virus verfügt über eine heimtückische, verborgene Waffe, die als «Immunamnesie» bekannt ist. Wenn ein Kind an Masern erkrankt, kann die Infektion das Gedächtnis des Körpers für frühere Immunitäten auslöschen und so das Immunsystem gewissermassen zurücksetzen. Diese biologische Taktik der verbrannten Erde macht Überlebende anfällig für andere Krankheiten, die sie zuvor abgewehrt hatten oder gegen die sie geimpft worden waren.

Dieses Phänomen kann die Abwehrkräfte eines Menschen noch Monate oder sogar Jahre nach der Genesung schwächen. Es ist ein doppelter Schlag: Die betroffene Person leidet nicht nur an Masern, sondern ist danach auch einer Vielzahl anderer Krankheitserreger schutzlos ausgeliefert. Dieser Mechanismus des «Vergessens» macht die Masernimpfung wohl zur wichtigsten Impfung im Impfplan eines Kindes: Sie schützt nicht nur vor einer Krankheit, sondern bewahrt die gesamte Immunitätsbibliothek des Körpers. Wer diese Impfung auslässt, riskiert nicht nur Masern, sondern auch den vollständigen Verlust der erworbenen Immunabwehr.

Der Schatten des Betrugs: Der Kampf gegen historisches Misstrauen

Das aktuelle Wiederaufflammen wird durch ein Gift aus der Vergangenheit angeheizt: den «schädlichsten medizinischen Betrug der letzten 100 Jahre». 1998 veröffentlichte Andrew Wakefield in The Lancet eine betrügerische Studie, die einen Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und Autismus herstellte. Die auf manipulierten Daten von nur zwölf Kindern beruhende Studie war von nicht offengelegten finanziellen Interessenkonflikten geprägt und eine Lüge. Dennoch löste sie einen Einbruch des öffentlichen Vertrauens aus, dessen Folgen die Gesundheitsbehörden noch immer zu überwinden versuchen.

Der Schaden war verheerend. Im Vereinigten Königreich sank die Impfquote von 92 Prozent auf nur noch 58 Prozent in Teilen Londons, wodurch die Herdenimmunität zerstört wurde. Obwohl Wakefield die ärztliche Zulassung entzogen und die Studie zurückgezogen wurde, hält sich das Gerücht, verändert sich und verbreitet sich über die sozialen Medien. 2023 lag die weltweite Impfquote für die zweite Dosis des MMR-Impfstoffs bei besorgniserregenden 74 Prozent. In dieser Lücke kann sich das Virus ausbreiten. Wir bekämpfen nicht nur einen Krankheitserreger, sondern auch die langfristigen Folgen einer jahrzehntealten Lüge, die Kinder weltweit weiterhin gefährdet.

Eine kontinentale Krise: Die Fallzahlen in Europa explodieren

Europa ist derzeit das Zentrum einer dramatischen Verschärfung der Lage. Im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) verzehnfachte sich die Zahl der Masernfälle 2024 auf alarmierende 32'212 gemeldete Infektionen, gegenüber nur 3'973 im Vorjahr. Auf einem Kontinent, der über die Mittel verfügt, dies zu verhindern, breitet sich die Krankheit explosionsartig aus.

Der Anstieg fällt regional unterschiedlich aus, ist aber alarmierend. Allein auf Rumänien entfielen über 27'000 dieser Fälle, was den regionalen Anstieg massgeblich antrieb. Doch die Ansteckungen breiten sich weiter aus. Auch Österreich, Belgien, Irland und Italien kämpfen mit steigenden Fallzahlen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation haben die Fallzahlen in der gesamten europäischen Region einen Höchststand seit 25 Jahren erreicht. Diese Zahlen sind nicht bloss Zahlen: Sie stehen für ein Versagen der öffentlichen Gesundheitsinfrastruktur und einen Sieg der Impfskepsis. Solange die Grenzen offen bleiben und weiterhin gereist wird, wird aus dem «europäischen Problem» ein Schweizer Problem. Das Virus kennt keine Grenzen, und ohne eine gemeinsame Impfstrategie steht Europa eine unberechenbare Zukunft bevor.