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Swiss Observer

Glarner Demokratie-Fest zieht rekordverdächtig viele Teilnehmende an

Die jährliche Landsgemeinde unter freiem Himmel zieht Tausende an und zeigt die älteste Form der direkten Demokratie der Schweiz in Aktion.

Glarner Demokratie-Fest zieht rekordverdächtig viele Teilnehmende an
AISWI swissinfo.ch

Erstaunliche 3'000 Bürgerinnen und Bürger strömten an diesem Sonntag auf den Stadtplatz von Glarus und verwandelten die ruhige Kantonshauptstadt in das pulsierende Herz der Schweizer direkten Demokratie. Während sich der Rest der Welt mit politischer Apathie auseinandersetzt, schlägt Glarus die entgegengesetzte Richtung ein und macht Politik zu einem mitreissenden Spektakel unter freiem Himmel. Das ist die Landsgemeinde: eine Mischung aus Volksfest und Gesetzgebung mit grosser Tragweite, die sich modernen Gepflogenheiten widersetzt.

Schon in den frühen Morgenstunden pulsiert die Stadt vor Energie. Züge und Busse, an diesem Tag kostenlos, bringen Scharen von Stimmberechtigten, Soldaten und Touristinnen und Touristen in eine Szenerie, die wirkt, als sei sie in der Zeit stehen geblieben, und doch ganz unmittelbar ist. Vor dem Rathaus erschallen lautstark die Blasmusiken, und die Luft ist erfüllt von Spannung, vielleicht auch vom Duft des frühen Morgenbiers. Das ist nicht bloss eine Tradition, sondern ein «Happening», ein Schnellkurs in Politikwissenschaft, bei dem der öffentliche Platz zum Klassenzimmer und die Stimmberechtigten selbst zu den Gesetzgebern werden. Für die Einheimischen ist dies der Höhepunkt des Jahres, ein Tag, an dem die Distanz zwischen Regierung und Regierten auf null schrumpft.

Ritual und Macht: Einblick in den Ring

Die Wurzeln der Versammlung reichen tief ins 14. Jahrhundert zurück. Sie ist eine Lehrstunde in der Macht des Rituals. Punkt 9.30 Uhr tritt der Landammann, der höchste Amtsträger des Kantons, auf die Bühne, nicht als Diktator, sondern als Moderator des Volkswillens. Die Feier beginnt mit einer feierlichen Reihe von Eidesleistungen, die das Geschehen in Jahrhunderten bürgerlicher Pflicht verankern. Dann ertönt der Aufruf: «Das Wort ist frei.»

Hier wird Demokratie auf ihren Kern reduziert. Es gibt keine Wahlkabinen, keine geheimen Stimmzettel und keinen Ort, an dem man sich verstecken könnte. Die Entscheidungen fallen offen, im grellen Tageslicht. Wird ein Gesetz vorgeschlagen, schnellen Tausende orangefarbene Karten in die Höhe. Das Meer aus Farben signalisiert den Willen der Mehrheit. Es ist eine visuelle und körperliche Manifestation von Macht, die keine digitale Abstimmung nachbilden kann. Das Verfahren ist schonungslos effizient: Folgt auf einen Vorschlag Stille, ist das Gesetz sofort angenommen. Gibt es Widerspruch, beginnt die Debatte. Es ist ein Hochseilakt der Regierungsführung, bei dem jede stimmberechtigte Person das Potenzial hat, die Menge umzustimmen.

Das Wort ist frei: Die Stimmberechtigten übernehmen das Ruder

Während die Steuersätze ohne Widerspruch angenommen wurden, entfachte sich in der Versammlung eine lebhafte Debatte über Lebensstil und Umwelt. Ein umstrittener Vorschlag, rund um einen lokalen See «autofreie» Tage einzuführen, stiess sofort eine spontane Diskussion an. Ein halbes Dutzend Rednerinnen und Redner begab sich ans Podium und hielt sich an die lokale Maxime: «Mut ist wichtiger als Perfektion.» Sie sprachen langsam, sachlich und mit Überzeugung und liessen sich von der einschüchternden Grösse der Menge nicht beirren.

Hier zeigt die Landsgemeinde ihre Stärken. Es ist kein Ort für Zwischenrufe oder lautstarken Applaus. Der Landammann mahnt ausdrücklich: «Applaudieren Sie nicht einzelnen Voten.» Es ist ein Ort respektvoller, direkter Auseinandersetzung. Das Ergebnis des Aushandelns? Man einigte sich auf einen Kompromiss mit drei «Slow Sundays». Damit wurde das Gesetz in Echtzeit vom Volk und für das Volk angepasst. Auch neugierige Fragen, etwa ob E-Bikes an autofreien Tagen zugelassen seien, wurden ernsthaft beantwortet. Dieses dynamische Zusammenspiel beweist, dass die Versammlung kein Museumsstück ist, sondern eine funktionierende Gesetzgebungsmaschine.

Ein bleibendes Erbe im digitalen Zeitalter

In einer Zeit, die von digitaler Entfremdung und polarisierten Online-Schreiduellen geprägt ist, setzt Glarus ein trotziges Zeichen für die persönliche Begegnung. Die Zahl der Teilnehmenden wird geschätzt und nicht gezählt, doch der sichtbare Beleg für 3'000 engagierte Bürgerinnen und Bürger ist unbestreitbar. Der aus Glarus stammende Politikwissenschaftsprofessor Sean Müller hält fest, dass dieser Anlass für einen kleinen Kanton, in dem «nicht viel passiert», das entscheidende «Happening» bleibt, das die Gemeinschaft zusammenhält.

Doch ist das bloss ein Volksfest? Ganz und gar nicht. Es ist die reinste Form direkter Demokratie, die in der modernen Welt fortbesteht. Sie stellt die Vorstellung infrage, Politik müsse fern, bürokratisch und komplex sein. Wenn die orangefarbenen Karten wieder gesenkt werden und sich die Menschenmenge zu den Strassenständen zerstreut, bleibt eines klar: Glarus stimmt nicht einfach ab, sondern kommt zusammen, spricht und entscheidet. Für die übrige Schweiz und tatsächlich die ganze Welt hält diese uralte Versammlung eine provokante Lehre bereit: Demokratie ist am stärksten, wenn man einander in die Augen schaut.