Umwelt
Schweizer Gletscher gehen mit gefährlich geringer Schneedecke in den Sommer
Gemäss dem Schweizerischen Gletschermessnetz (GLAMOS) gehen die Gletscher mit deutlich unterdurchschnittlicher Schneedecke aus dem Winter hervor und sind dadurch der sommerlichen Schmelze ausgesetzt. Dieser Artikel beleuchtet die besorgniserregenden Daten und die unmittelbaren Folgen für den Zustand der Gletscher sowie für die langfristige Wasserversorgung der Schweiz.

Die eisigen Riesen der Schweiz stehen der Sonne schutzlos gegenüber. Auf den Schweizer Alpen liegt 25 % weniger Schnee als im Durchschnitt des letzten Jahrzehnts. Damit sind unsere Gletscher zu Beginn der wechselhaften Sommermonate gefährlich ungeschützt. Das ist keine geringfügige Schwankung, sondern eine kritische Verwundbarkeit. Schnee dient als wichtigste Schutzschicht für das Gletschereis: Er reflektiert die Sonneneinstrahlung und nimmt die erste Wärme der Saison auf. Ohne diese schützende weisse Decke ist das uralte blaue Eis darunter gezwungen, der Sommerhitze direkt und vorzeitig entgegenzutreten. Daten des Schweizerischen Gletschermessnetzes (GLAMOS) bestätigen, dass Messungen an 25 wichtigen Gletschern eine nur noch ein bis vier Meter dicke Schutzschicht zeigen. Dieses Defizit bedeutet, dass die saisonale «Schmelzuhr» vorgespult wurde. Wenn der Schnee verschwindet, stirbt das Eis. Die Folgen für die Schweizer Landschaft sind unmittelbar und sichtbar: Die ikonischen weissen Gipfel auf unseren Postkarten weichen grauem, vernarbtem Fels und dunklem Eis in einer sich erwärmenden Welt. Wir erleben, wie den Alpen systematisch ihre wichtigsten Schutzschichten entzogen werden.
Ein trockener Winter lässt die Hochalpen darben
Ein knochentrockener Winter hat den Alpen ihre jährliche Auffüllung praktisch vorenthalten. Während die Temperaturen in grossen Höhen unter dem Gefrierpunkt blieben, blieb der Niederschlag schlicht aus. Damit wiederholten sich die katastrophalen Dürrebedingungen von 2022 und 2023. Dieser Niederschlagsmangel ist die Hauptursache der aktuellen Krise. Der April, normalerweise ein Monat mit viel Schneeansammlung in hohen Lagen, verschärfte die Katastrophe zusätzlich, denn er blieb hartnäckig warm und trocken. Statt an Masse zuzulegen, begannen die Gletscherzungen bereits zu schrumpfen und zu schmelzen, noch bevor der Sommer offiziell begonnen hatte. Matthias Huss, Leiter von GLAMOS, warnt, dass dieser frühe Beginn der Schmelzsaison zunehmend zu einem alarmierenden Trend und nicht mehr zu einer Ausnahme wird. Beginnt der Massenverlust so früh, ist eine Erholung nahezu unmöglich, insbesondere wenn die Sommertemperaturen auf die Rekordwerte der vergangenen Jahre steigen. Die Hochalpen sind kein Zufluchtsort ewigen Winters mehr, sondern stehen nun an vorderster Front im Kampf gegen ein austrocknendes Klima. Der Rhythmus der Jahreszeiten ist gestört, und der «Wasserturm Europas» hat einen leeren Speicher, gerade dann, wenn er ihn am dringendsten braucht.
Regionale Defizite treffen das Engadin besonders hart
Die Krise trifft nicht alle Regionen gleich, doch die Defizite in gewissen Gebieten sind schlicht atemberaubend. Die Südostschweiz leidet unter den stärksten Rückständen: Der Blockgletscher Murtèl weist im Vergleich zum Durchschnitt von 2010 bis 2020 ein massives Defizit der Schneehöhe von 42 % auf. In der Nähe kämpft der Persgletscher im Engadin mit einem Fehlbetrag von 39 %. Auch die grossen Namen der Schweizer Alpen sind nicht verschont: Der Grosse Aletschgletscher, eine UNESCO-Welterbestätte, kämpft mit einer um 32 % geringeren winterlichen Schneedecke. Der Rhonegletscher weist unterdessen ein Defizit von 26 % auf. Diese Zahlen stellen eine deutliche Abweichung von den historischen Werten dar. Während die Gletscher im westlichen Berner Oberland und in Teilen des Wallis näher an den saisonalen Durchschnittswerten geblieben sind, zeigt sich für das Land insgesamt ein Bild des Rückgangs. Dieser regionale Kontrast zeigt, dass die lokalen Wettermuster die schützende Schneedecke, auf die diese Eismassen angewiesen sind, nicht liefern. Das Engadin, bekannt für seine glitzernden Winterlandschaften, ist nun das Epizentrum einer Schneekrise, die das Relief Graubündens dauerhaft zu verändern droht.
Eine durstige Zukunft für den Wasserturm Europas
Die Schweiz ist der «Wasserturm Europas», doch seine Leitungen versagen. Die gefährlich geringe Schneedecke, die wir heute beobachten, ist ein Vorbote einer gravierenderen Wasserknappheit, die weit über die Berge hinaus Folgen haben wird. Gletscher sind natürliche gefrorene Speicher. In den heissesten und trockensten Zeiten des Jahres geben sie Wasser ab und speisen damit Rhein, Rhone und Po. Wenn diese Gletscher zu schnell und zu früh schmelzen, gerät der Zeitpunkt der europäischen Wasserversorgung durcheinander. Wir geraten in einen Kreislauf, in dem das Wasser im Frühling als Abfluss verloren geht und im heissen August nichts mehr übrig ist. Das beeinträchtigt alles, von der Stromproduktion aus Wasserkraft, dem Rückgrat der Schweizer grünen Energie, bis zur Landwirtschaft und zur Flussschifffahrt auf dem ganzen Kontinent. Die aktuellen Daten von GLAMOS sind ein unüberhörbares, klares Signal: Die Reserven sind aufgebraucht. Mit Blick auf die Zukunft hängt das Überleben dieser Gletscher von einem kühlen und nassen Sommer ab. Eine solche Aussicht scheint angesichts der aktuellen Entwicklung unseres Klimas zunehmend unwahrscheinlich. Die Schweiz muss sich nun mit einer Zukunft auseinandersetzen, in der ihre bekannteste natürliche Ressource keine dauerhafte Gegebenheit mehr ist, sondern ein verschwindendes Erbe.