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Swiss Observer

Verhandlungen über Plastikvertrag in Genf scheitern unter dem Druck der Industrie

Internationale Bemühungen um einen verbindlichen Vertrag gegen die Plastikverschmutzung scheitern in Genf. Fachleute nennen Lobbyarbeit aus öl- und kunststoffproduzierenden Ländern als zentrales Hindernis.

Verhandlungen über Plastikvertrag in Genf scheitern unter dem Druck der Industrie
AISWI swissinfo.ch

Das Urteil fiel im Morgengrauen nicht mit einem Knall, sondern mit einem Wimmern. «Wir werden hier in Genf keinen Vertrag gegen die Plastikverschmutzung zustande bringen», erklärte der norwegische Vertreter und zerschlug damit die Hoffnungen von Umweltschützerinnen und Umweltschützern weltweit. Nach zehn zermürbenden Verhandlungstagen, die sich bis in eine durchwachte Nacht hineinzogen, scheiterten die Gespräche am Freitag um 6.00 Uhr offiziell.

Das Scheitern ist vollständig. Trotz der Anwesenheit von 185 Delegationen im Palais des Nations gelang es der internationalen Gemeinschaft nicht, eine Kluft zu überbrücken, die sich seit den vorherigen Gesprächen in Busan nur noch vergrössert hat. Das Ziel war klar: einen Kompromisstext zur Bewältigung einer planetaren Krise fertigzustellen. Stattdessen löste sich die Plenarsitzung in Ablehnung auf. Der Entwurf blieb in mehr als 100 entscheidenden Punkten vage und war damit für die grosse Mehrheit der anwesenden Länder inakzeptabel. Dies ist nicht bloss eine Verzögerung, sondern eine deutliche diplomatische Niederlage, die die internationale Gemeinschaft ohne Fahrplan zur Bekämpfung eines der weitverbreitetsten Schadstoffe unserer Zeit zurücklässt.

Sabotage durch die Petro-Staaten

Dieser Zusammenbruch war kein Zufall, Kritikerinnen und Kritiker sprechen von einer gezielten Demontage. Ein mächtiger Block öl- und kunststoffproduzierender Länder, insbesondere Saudi-Arabien, Russland, Iran und China, erstickte den Konsens faktisch. Ihre Strategie war eindeutig: den Vertrag strikt auf die Abfallbewirtschaftung zu beschränken und gleichzeitig die Ursache des Problems, die Produktion, vehement zu schützen.

David Azoulay, Direktor des Center for International Environmental Law (CIEL), fand klare Worte für die in Genf beobachtete Blockadehaltung. «Einige Länder sind nicht hierhergekommen, um einen Text fertigzustellen, sondern um genau das Gegenteil zu tun: jeden Versuch zu blockieren, einen tragfähigen Vertrag voranzubringen», sagte Azoulay. Der Einfluss der Industrielobby war deutlich spürbar. Der diplomatische Verhandlungssaal wurde zum Schlachtfeld, auf dem wirtschaftliche Interessen Vorrang vor dem ökologischen Überleben hatten. Indem diese Länder eine Begrenzung der Produktion ablehnten, sorgten sie dafür, dass der Hahn weit offen bleibt, und machten Bemühungen zur nachgelagerten Beseitigung weitgehend zunichte.

Das erschreckende Ausmass der Krise

Während die Diplomatinnen und Diplomaten stritten, liefen die Fabriken weiter. Die Zahlen sind schlicht erschreckend. Weltweit stellen wir jedes Jahr sage und schreibe 400 Millionen Tonnen Plastik her. Die Hälfte davon ist für den einmaligen Gebrauch bestimmt, wird in Sekunden hergestellt und für immer weggeworfen. Der Mythos des Recyclings ist weitgehend zerbrochen: Weniger als 10 Prozent des gesamten Plastiks werden überhaupt recycelt. Der Rest verstopft unsere Deponien, vergiftet unsere Böden und treibt in unsere Ozeane.

Die Entwicklung ist noch alarmierender. Laut OECD hat sich die weltweite Plastikproduktion in den letzten 20 Jahren bereits verdoppelt und dürfte bis 2060 auf das Dreifache steigen, wenn nichts unternommen wird. Dabei handelt es sich nicht nur um ein Umweltproblem, sondern um einen Gesundheitsnotfall. Mikroplastik zersetzt sich inzwischen weiter und dringt so umfassend in Ökosysteme ein, dass es in den menschlichen Blutkreislauf gelangt. Ohne eine verbindliche Obergrenze für die Produktion droht der Welt ein unumkehrbarer Sättigungspunkt.

Die Schweiz und die Kluft bei den Ambitionen

Die Schweiz befindet sich auf der Verliererseite eines noblen Kampfs. Als Mitglied der von Norwegen und Ruanda angeführten «High Ambition Coalition» setzte sich die Schweiz nachdrücklich für ein Mandat ein, das den gesamten Lebenszyklus von Kunststoffen umfasst, von der Gewinnung der Rohstoffe bis zur Entsorgung. Die Koalition forderte ein verbindliches Ziel, die Produktion bis 2040 zu senken, im Einklang mit dem ursprünglichen UN-Mandat.

Doch der Anspruch prallte an der geopolitischen Realität ab. Der Riss zwischen den Ländern mit hohen Ambitionen und dem produktionsschützenden Block hat eine Pattsituation geschaffen, die an die schwierigsten Klimaverhandlungen erinnert. Das Scheitern in Genf nach dem Misserfolg in Busan macht eine düstere Realität deutlich: Das konsensbasierte Modell der internationalen Diplomatie hat Mühe, die geballte Macht der petrochemischen Industrie einzudämmen. Während die Delegierten aus Genf abreisen, bleibt die Frage: Kann ein freiwilliger oder zersplitterter Ansatz jemals eine Flut eindämmen, die täglich um Millionen Tonnen wächst?