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Swiss Observer

Genf eröffnet spezialisierten Raum für den Crack-Konsum

In Genf wird ein eigens konzipierter Erweiterungsbau des überwachten Drogenkonsumraums eröffnet. Er soll gezielt den Crack-Konsum ermöglichen, nachdem es in der bisherigen Einrichtung zu Problemen gekommen war.

Genf eröffnet spezialisierten Raum für den Crack-Konsum
AILe News

Genf schaut der Crack-Epidemie nicht länger tatenlos zu, sondern arbeitet an einer Lösung. Die unmittelbare Wirkung ist eindrücklich: Die Zahl der täglichen Besucherinnen und Besucher des überwachten Drogenkonsumraums hinter dem Bahnhof Cornavin hat sich über Nacht verdreifacht. Seit die Einrichtung vor gerade einmal zwei Wochen unauffällig ihre Türen geöffnet hat, ist die Besucherzahl von 90 auf fast 300 Personen pro Tag gestiegen. Dieser dramatische Anstieg unterstreicht eine entscheidende Tatsache: Die Nachfrage nach sicheren Konsumräumen ist nicht nur hoch, sie ist überwältigend.

Die Wiedereröffnung markiert einen entscheidenden Kurswechsel. Im Sommer 2023 musste das Zentrum den Crack-Konsum vollständig verbieten, nachdem eine Gewaltwelle das System zu überfordern drohte. Die Einrichtung war der Lage schlicht nicht gewachsen. Nun haben die Behörden den Kurs geändert, nicht mit einem harten Durchgreifen, sondern indem sie die Kapazität ausgebaut haben. Indem Genf das Ausmass des Problems anerkennt, versucht die Stadt, die Kontrolle über eine angespannte Situation zurückzugewinnen, die sich auf die Strassen verlagert hatte. Die Zahlen sprechen für sich: Die Konsumierenden waren da und warteten im Verborgenen. Nun sind sie in grosser Zahl in ein reguliertes Umfeld zurückgekehrt.

Die Lösung für 1,5 Millionen Franken

Die Stadt hat 1,5 Millionen Franken an öffentlichen Geldern investiert, um diese Krise im Bereich der öffentlichen Gesundheit zu stabilisieren. Das Ergebnis von sieben Monaten intensiver Bauarbeiten ist ein eigens für den Umgang mit dem unberechenbaren Crack-Konsum konzipierter Erweiterungsbau mit einer Fläche von 150 Quadratmetern. Es handelt sich nicht bloss um eine Renovation, sondern um eine gezielte Neugestaltung des öffentlichen Raums. Der neue Flügel umfasst einen eigenen Ruhebereich, verbesserte sanitäre Einrichtungen mit Duschen und, besonders wichtig, einen spezialisierten Raum zum Inhalieren.

Im Innern gibt die Architektur das Verhalten vor. Die Anlage umfasst vier einzelne Raucherkabinen und einen Gemeinschaftsbereich. Die Raumaufteilung wurde gezielt so konzipiert, dass die Konsumierenden einen kontrollierten Bereich nutzen können, der von anderen getrennt ist. Diese räumliche Trennung ist entscheidend. Indem der Konsum räumlich abgegrenzt wird, soll die Einrichtung jene aggressiven Verhaltensweisen entschärfen, die 2023 zum Verbot geführt hatten. Auf ein chaotisches Problem wird mit einem klinischen Ansatz reagiert: Die Unordnung auf der Strasse soll durch die Ordnung eines medizinisch geprägten Umfelds ersetzt werden. Die Investition zeigt, dass Genf das Problem nicht als kriminelle Angelegenheit betrachtet, sondern als infrastrukturelle Herausforderung, die erhebliche Mittel und eine spezialisierte Gestaltung erfordert.

Die Strassen von Les Grottes beruhigen

Für das umliegende Quartier Les Grottes steht viel auf dem Spiel. Einst ein lebendiger kultureller Treffpunkt, kämpft das Gebiet in jüngster Zeit mit einem schlechter werdenden Ruf, geprägt von öffentlicher Unordnung und sichtbarer Gewalt. Lokale Geschäfte und Anwohnerinnen und Anwohner stehen an vorderster Front und tragen die Folgen der Auswirkungen der Drogenszene. Die neue Einrichtung ist die Antwort der Stadt auf ihre Forderungen: Sie soll den Drogenkonsum gezielt aus der Öffentlichkeit und hinter sichere Türen verlagern.

Erste Anzeichen deuten darauf hin, dass die Strategie funktioniert. Thomas Herquel, Direktor der Betreiberorganisation Première Ligne, berichtet von einer deutlichen Veränderung der Stimmung. «Die Stimmung drinnen ist ruhiger», sagte Herquel und verwies auf den starken Kontrast zum Chaos, das zur früheren Schliessung geführt hatte. Er räumt zwar ein, dass die Spannungen auf der Strasse anhalten, doch die Stabilisierung im Innern ist ein entscheidender erster Schritt. Indem die Einrichtung der abhängigen Bevölkerung einen Ort bietet, an dem sich der Druck abbauen lässt, soll sie die Strassen für die Gemeinschaft zurückgewinnen und das unberechenbare Verhalten verringern, das das Quartier seit Jahren belastet.

Schweizer Pragmatismus in der Praxis

Die Schweiz nimmt weiterhin eine Sonderstellung ein und gilt als Vorbild für eine pragmatische Drogenpolitik. Während andere Länder vergeblich einen auf Kriminalisierung ausgerichteten Krieg gegen Drogen führen, setzt Genf verstärkt auf Schadensminderung. Der Ausbau für 1,5 Millionen Franken ist Ausdruck der Schweizer Philosophie: Die Verringerung des Schadens für Einzelpersonen und die Gesellschaft hat Vorrang vor der Durchsetzung von Abstinenz. Diese Haltung ist mutig und oft umstritten, stellt aber das Überleben und die öffentliche Ordnung über moralische Verurteilungen.

Diese jüngste Entwicklung bekräftigt das Bekenntnis der Schweiz zur Politik der «Vier Säulen». Indem der Staat Konsumräume in das Stadtgefüge integriert, anerkennt er, dass Drogenkonsum Realität ist und bewältigt werden muss, statt ihn zu ignorieren. Die sofortige Verdreifachung der Besucherzahlen bestätigt diesen Ansatz: Die Konsumierenden suchen Schutz. Während Städte in ganz Europa mit zunehmenden Crack-Epidemien kämpfen, dient Genfs entschlossenes Vorgehen als wichtige Fallstudie. Die Stadt setzt darauf, dass ein gut finanzierter, gesundheitsorientierter Ansatz dort Erfolg haben kann, wo polizeiliche Razzien gescheitert sind, und Städten weltweit, die vor ähnlichen Krisen stehen, einen möglichen Weg aufzeigt.