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Swiss Observer

Mutmassliche Fälschung von 30’000 Unterschriften für Referenden führt zu Polizeirazzien

In einem Fall, der das Herz der Schweizer direkten Demokratie trifft, haben Bundesbehörden mehrere Unternehmen durchsucht und Personen befragt. Die Ermittlungen betreffen schätzungsweise 30’000 mutmasslich gefälschte Unterschriften für rund zwanzig Volksinitiativen.

Mutmassliche Fälschung von 30’000 Unterschriften für Referenden führt zu Polizeirazzien
AISWI swissinfo.ch

Bundesbehörden haben der Wahlfälschung einen entscheidenden Schlag versetzt und die Büros mehrerer Unternehmen durchsucht, die im Verdacht stehen, das Fundament der Schweizer Demokratie zu untergraben. Am Dienstag führte die Bundesanwaltschaft in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Polizei (Fedpol) koordinierte Durchsuchungen in der französisch- und deutschsprachigen Schweiz durch. Dies ist keine Routinekontrolle, sondern eine deutliche Eskalation in einem Strafverfahren, das die direktdemokratischen Rechte des Landes im Kern betrifft.

Die Razzien richteten sich gegen Organisationen, die sich gezielt auf das Geschäft mit dem bezahlten Sammeln von Unterschriften spezialisiert haben, einen nun intensiv untersuchten Bereich. Mehrere Personen wurden von den Ermittlern als «Auskunftspersonen» befragt. Die Botschaft dieser Durchsuchungen vor Ort ist unmissverständlich: Der Staat geht entschlossen gegen Korruption im politischen Prozess vor. Dieses Vorgehen markiert einen entscheidenden Wendepunkt und signalisiert, dass die Kommerzialisierung des politischen Engagements eine rote Linie überschritten hat und strafrechtlich relevant geworden ist. Als die Einsatzkräfte Dokumente und Daten sicherstellten, zerplatzte die Illusion der Integrität dieser kommerziellen Sammler, während sich das politische Establishment mit den unmittelbaren Folgen auseinandersetzen muss.

Unglaubliche 30’000 Fälschungen aufgedeckt

Unglaubliche 30’000 Unterschriften stehen im Verdacht, gefälscht worden zu sein. Diese Zahl droht, fast zwei Dutzend nationale Abstimmungen zu delegitimieren. Das ist keine Fehlermarge, sondern Täuschung im industriellen Ausmass. Seit im Oktober 2022 die erste Strafanzeige eingereicht wurde, hat sich der Skandal ausgeweitet und betrifft nun rund zwanzig verschiedene Volksinitiativen auf nationaler Ebene.

Das enorme Ausmass der Fälschungen deutet auf eine systematische Missachtung der Spielregeln der Schweizer Politik hin. Die Behörden berichten, dass weiterhin neue Hinweise eingehen. Die Zahl von 30’000 könnte also nur die Spitze des Eisbergs sein. Jede gefälschte Unterschrift bedeutet einen Identitätsdiebstahl und eine verfälschte Willensäusserung. Die direkte Demokratie ist auf die Redlichkeit der Bevölkerung angewiesen, doch diese Untersuchung deckt einen kalkulierten Versuch auf, das System auszutricksen. Die mehr als drei Jahre dauernde Untersuchung verdeutlicht, wie schwierig es ist, ein derart weitreichendes Netz der Täuschung aufzudecken. Die Behörden müssen nun riesige Datenmengen sichten, um den echten politischen Willen von künstlich erzeugter Zustimmung zu unterscheiden.

Kommerzialisierte Demokratie unter Beschuss

Die Razzien haben die umstrittene Praxis des bezahlten Unterschriftensammelns in den Fokus gerückt und tiefe Risse im Schweizer politischen System offengelegt. Anders als bei freiwilligen Sammlungen an der Basis arbeiten diese kommerziellen Unternehmen gewinnorientiert. Dadurch entsteht ein verkehrtes Anreizsystem, bei dem die Menge wichtiger ist als die Überprüfung. Die Untersuchung erstreckt sich über die Sprachgrenze hinweg und richtet sich gegen Unternehmen, die sowohl in der Romandie als auch in der Deutschschweiz tätig sind. Das zeigt, dass es sich um eine Krise von nationaler Tragweite handelt.

Kritiker warnen seit Langem, dass die Monetarisierung des Initiativprozesses Betrug begünstigen würde. Diese Befürchtungen bewahrheiten sich nun auf dramatische Weise. Indem Komitees die praktische Arbeit in der Demokratie an Drittanbieter auslagern, haben sie ungewollt Tür und Tor für unseriöse Akteure geöffnet. Der aktuelle Skandal ist eine vernichtende Anklage gegen dieses Modell einer «Demokratie zum Mieten». Während die Bundesanwaltschaft mehrere Fälle weiterverfolgt, gerät die Legitimität des bezahlten Sammelns ins Wanken. Die Branche steht nun vor einer existenziellen Frage: Kann sie bestehen, ohne den Prozess zu korrumpieren, dem sie zu dienen vorgibt? Die Antwort, die derzeit in Polizeiberichten und Gerichtsakten festgehalten wird, sieht zunehmend düster aus.

Vertrauen in das Schweizer Modell wiederherstellen

Die Schweiz steht nun vor einer entscheidenden Vertrauensprobe. Die Enthüllung massenhafter Fälschungen macht mehr als nur Papierformulare ungültig: Sie untergräbt das öffentliche Vertrauen, auf dem die direkte Demokratie beruht. Wenn die Bürgerinnen und Bürger nicht darauf vertrauen können, dass eine Initiative den echten Willen der Bevölkerung wiedergibt, wird das gesamte Fundament des Referendumssystems geschwächt.

Die entschlossene Reaktion von Fedpol und Bundesanwaltschaft gibt jedoch Anlass zur Hoffnung. Mit diesen viel beachteten Razzien zeigt der Staat, dass er sich selbst korrigieren kann und Manipulation nicht toleriert. Der weitere Weg wird wohl tiefgreifende Reformen erfordern und könnte das Ende des ungeregelten bezahlten Sammelns bedeuten. Während die Ermittlungen voranschreiten, muss die Politik dafür sorgen, dass die Mechanismen der Volksabstimmung gegen künftige Ausnutzung geschützt werden. Auf dem Spiel steht nichts Geringeres als die Glaubwürdigkeit der Schweizer Stimme. Der Skandal richtet zwar Schaden an, doch ein rasches Vorgehen gegen fehlbare Akteure ist notwendig, damit die Schweiz authentisch spricht, wenn sie ihre Stimme erhebt.