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Swiss Observer

Frauenanteil in Schweizer Verwaltungsräten stagniert

Bei den grössten Schweizer Unternehmen stagniert der Frauenanteil in den Verwaltungsräten bei 35 Prozent, während er in den Geschäftsleitungen leicht auf 25 Prozent steigt.

Frauenanteil in Schweizer Verwaltungsräten stagniert
AISWI swissinfo.ch

Der Fortschritt ist zum Stillstand gekommen. Eine Erkenntnis, die in der Schweizer Unternehmenslandschaft die Alarmglocken läuten lassen sollte: Der Frauenanteil in den Verwaltungsräten der 30 grössten börsenkotierten Unternehmen der Schweiz verharrt hartnäckig bei 35 Prozent. Laut den aktuellen Daten der Nachrichtenagentur AWP ist der Aufwärtstrend bei der Geschlechtervielfalt in den Verwaltungsräten zum Erliegen gekommen. Diese Stagnation trifft den Swiss Leader Index (SLI) ins Mark und signalisiert, dass die einfachen Fortschritte bei der Unternehmensführung möglicherweise bereits hinter uns liegen.

35 Prozent sind zwar nicht unerheblich, doch der plötzliche Stillstand deutet darauf hin, dass sich in der Schweizer Wirtschaftselite eine gewisse Selbstzufriedenheit breitmacht. An der Spitze der Unternehmenshierarchie kommt die Dynamik derzeit entscheidend ins Stocken. Jahrelang lautete die Erzählung, die Entwicklung sei langsam, aber stetig. Heute erzählen die Zahlen eine andere Geschichte. Die Türen zu den Verwaltungsräten stehen offen, doch der Zustrom weiblicher Talente ist ins Stocken geraten. Das wirft dringende Fragen zu den Rekrutierungskanälen und zum tatsächlichen Willen der Schweizer Industriegiganten auf, Gleichstellung zu erreichen.

Dynamik in den Geschäftsleitungen nimmt zu

Während die Verwaltungsräte jedoch auf der Stelle treten, nimmt der Motor der Schweizer Wirtschaft Fahrt auf. Im deutlichen Gegensatz zur Stagnation in den Verwaltungsräten ist der Frauenanteil in den Geschäftsleitungen, also bei den Führungskräften, die die Unternehmen im Alltag tatsächlich leiten, deutlich gestiegen. Er liegt nun bei 25 Prozent, ein bedeutender Anstieg um 4 Prozentpunkte seit Jahresbeginn. Hier spielt sich die eigentliche Entwicklung ab.

Dieser Anstieg um 4 Prozentpunkte ist kein statistischer Fehler, sondern ein klarer Hinweis auf einen Wandel in der operativen Führung. Unternehmen gehen endlich über symbolische Gesten auf Verwaltungsratsebene hinaus und beginnen, Frauen in die Geschäftsleitungen zu integrieren, wo die strategische Umsetzung stattfindet. Ein Viertel der Führungspositionen ist zwar noch weit von der Gleichstellung entfernt, doch das Tempo dieser Veränderung ist höher als bei den unverändert zusammengesetzten Verwaltungsräten. Das deutet darauf hin, dass sich die «alte Garde» zwar nur langsam wandelt, die nächste Generation operativer Führungskräfte aber zunehmend vielfältiger wird und so eine starke Grundlage für die Zukunft schafft.

Vorreiterunternehmen trotzen dem Trend

Durchschnittswerte verdecken Ausreisser, und auf dem Schweizer Markt sprengen einige Schwergewichte den Rahmen. Der Personalvermittler Adecco steht an der Spitze und weist einen Frauenanteil von beeindruckenden 50 Prozent im Verwaltungsrat auf. Das Unternehmen hat erreicht, was viele für unmöglich halten: echte Geschlechterparität auf der höchsten Ebene der Unternehmensführung. Doch Adecco ist nicht das einzige Unternehmen, das den trägen Durchschnitt übertrifft.

Dicht dahinter folgen Schwergewichte wie der Baustoffkonzern Holcim mit 45 Prozent sowie der Dentalimplantatehersteller Straumann und der Vermögensverwalter Partners Group mit je 43 Prozent. Diese Zahlen zeigen, dass der Durchschnitt von 35 Prozent eine Entscheidung und keine Unvermeidlichkeit ist. Die Unternehmen beweisen, dass es durchaus möglich ist, qualifizierte und hochkompetente weibliche Führungskräfte zu finden, wenn man dies zur Priorität macht. Im Durchschnitt erfüllen die SLI-Unternehmen bereits die künftigen Vorgaben des Bundesrats, 30 Prozent in den Verwaltungsräten und 20 Prozent in den Geschäftsleitungen. Der Abstand zwischen Vorreitern wie Adecco und den Nachzüglern, die den Durchschnitt nach unten ziehen, bleibt jedoch ein entscheidender Streitpunkt in der Schweizer Unternehmensführung.

Der kulturelle Preis der Führungsrolle

Hinter den Prozentzahlen und Quoten verbirgt sich eine ernüchternde Realität für Frauen in der Schweiz. Die Zahlen stehen nicht für sich allein, sondern spiegeln eine Gesellschaft wider, die noch immer mit traditionellen Strukturen ringt. Deutlich wird die Herausforderung am Beispiel von Führungspersönlichkeiten wie Monika Ribar, Verwaltungsratspräsidentin der SBB, die kürzlich einräumte: «Diese Karriere hätte ich nie machen können, wenn ich Kinder gehabt hätte.» Dieses offene Eingeständnis macht die harten Abwägungen sichtbar, die noch immer nötig sind, um die Spitze der Schweizer Wirtschaft zu erreichen.

Mit Blick auf die Zukunft hängt die Stagnation bei 35 Prozent in den Verwaltungsräten womöglich weniger mit der Unternehmenspolitik zusammen als mit dieser anhaltenden gesellschaftlichen Reibung. Die Ziele des Bundesrats setzen zwar einen regulatorischen Mindeststandard, doch kulturelle Hürden, die Frauen zwingen, sich zwischen Familie und Verwaltungsrat zu entscheiden, lassen sich damit nicht beseitigen. Damit Schweizer Unternehmen die derzeitige Obergrenze überwinden, muss sich die Diskussion von der blossen Anzahl Frauen hin zu struktureller Unterstützung verlagern. Werden die Ursachen nicht angegangen, die Karrieren wie jene von Ribar zu einer Entweder-oder-Frage machen, werden die Zahlen zwangsläufig erneut stagnieren.