Landwirtschaft
ERKLÄRT: Warum die Schweiz zu viel Milch hat und was das für die Bauern bedeutet
Die Schweiz erlebt einen Milchüberschuss von rund 126 Millionen Kilogramm, weshalb die Branche die Preise senkt. Dieser Artikel beleuchtet die Gründe für das Überangebot, die wirtschaftlichen Auswirkungen auf Schweizer Bauern und Bäuerinnen sowie die neue Preisstrategie, die für mehr Stabilität sorgen soll.

Die Schweiz kämpft mit einem massiven Milchüberschuss. Der Branche stehen derzeit rund 126 Millionen Kilogramm Milch zu viel zur Verfügung. Das ist keine geringfügige Schwankung, sondern ein kritisches Überangebot, das das empfindliche Gleichgewicht der Schweizer Agrarwirtschaft zu destabilisieren droht. Die schiere Menge überschüssiger Milch hat die Branche zum Handeln gezwungen und sofortige, schmerzhafte Korrekturmassnahmen ausgelöst.
Die Lage ist ernst. Während Konsumentinnen und Konsumenten Milch oft in Litern messen, rechnet die Branche in Kilogramm, ein wichtiger Unterschied, da die Dichte je nach Protein- und Fettgehalt variiert. Das Gewicht dieses Überschusses lastet derzeit schwer auf der Branche. Laut der Branchenorganisation verstopft die überschüssige Milch die Lieferkette und zwingt die Branche, sich mit Marktrealitäten auseinanderzusetzen, die sich nicht länger ignorieren lassen. Hohe Butterlagerbestände und schleppende Exporte haben einen Engpass verursacht, der drastische Massnahmen erfordert und das Ende des gewohnten Geschäftsmodells der Schweizer Milchproduktion signalisiert.
Preissenkungen sollen die Flut eindämmen
Mit einem entschlossenen Schritt, um die Kontrolle zurückzugewinnen, hat die Branche den Preis für Milch des A-Segments gesenkt. Diese Premiumkategorie wird für Trinkmilch und Käse im Inland verwendet. Ab dem 1. Februar 2026 sinkt der Preis um CHF 0.04 auf einen neuen Zielpreis von CHF 0.78 (USD 0.98) pro Kilogramm. Das bedeutet einen deutlichen Einbruch bei den Einnahmen, doch Branchenführerinnen und -führer argumentieren, dass der Schritt nötig sei, um einen vollständigen Markteinbruch zu verhindern.
Stefan Kohler, Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch, spricht Klartext: Die Schweizer Preise seien im Vergleich zu den europäischen Konkurrenten gefährlich hoch. Da der Käsemarkt teilweise liberalisiert ist, droht ein wachsender Preisunterschied Schweizer Produkte ganz aus den Supermarktregalen zu verdrängen. Um die Schwankungen abzufedern, hat die Organisation einen historischen Strategiewechsel vollzogen. Erstmals wird der neue Preis für elf Monate festgelegt und ersetzt damit den üblichen Dreimonatszyklus. Dieser Schritt soll in einem chaotischen Markt ein wenig Stabilität schaffen und den Produzentinnen und Produzenten einen längeren Planungshorizont für ihre Überlebensstrategien geben.
Der perfekte Sturm: Wetter und Geopolitik
Diese Krise ist nicht auf ein einzelnes Versagen zurückzuführen, sondern auf das Zusammenspiel günstiger Wetterbedingungen und geopolitischer Spannungen. Ironischerweise ist teilweise ein Sommer mit idealen Wetterbedingungen dafür verantwortlich. Üppiges, reichlich vorhandenes Gras sorgte für hochwertiges Futter und liess die Milchproduktion in die Höhe schnellen, gerade als die Nachfrage nachzulassen begann. Die Natur bescherte eine Fülle, die der Markt schlicht nicht aufnehmen konnte.
Gleichzeitig schlugen die globalen Handelswinde für die Schweiz um. Die Einführung von US-Zöllen hat auf dem europäischen Markt Angst und Unsicherheit geschürt und die Exportzahlen einbrechen lassen. Wenn die Exporte stocken, bleibt die Milch im Inland und überschwemmt den heimischen Markt. Verschärft wird das Problem durch ungünstige Währungseffekte und bereits übervolle Butterlager. Das Ergebnis ist ein Überschuss an Milch des C-Segments: überschüssige Milch, die zu Pulver für den Weltmarkt verarbeitet und zum Tiefstpreis von nur CHF 0.27 pro Kilogramm verkauft wird.
Bauern verlieren Einnahmen: die menschlichen Folgen
Für die Bäuerinnen und Bauern vor Ort bedeuten diese makroökonomischen Anpassungen unmittelbare finanzielle Einbussen. Boris Beuret, der einen Milchviehbetrieb mit 60 Kühen im Kanton Jura führt, rechnet mit einem beträchtlichen Verlust. «Ich werde über das Jahr rund CHF 16'000 (USD 20'092) an Einnahmen verlieren», sagt Beuret. Das ist nicht bloss eine Statistik, sondern ein direkter Einschnitt in die Lebensgrundlage Schweizer Familien.
Beuret, der auch Präsident des Schweizer Milchproduzentenverbands ist, befindet sich in der schwierigen Lage, die Preissenkung «im Interesse der Stabilität» zu unterstützen und zugleich ihre Folgen zu tragen. Auf den Höfen ist die Reaktion unmittelbar und deutlich zu spüren. Um die Produktion zu drosseln, müssen die Bäuerinnen und Bauern die Fütterung anpassen und in besonders schwierigen Fällen ältere Kühe früher als geplant zur Schlachtung geben. Die Branche schrumpft in Echtzeit, und die Kosten tragen jene, die das Land bewirtschaften.
Systemversagen: der Widerspruch in der Agrarpolitik
Fachleute argumentieren, dass der Überschuss tiefliegende strukturelle Mängel in der Schweizer Agrarpolitik offenlegt. Der renommierte Wirtschaftsprofessor Mathias Binswanger sagt, das System sei «sich selbst überlassen» worden, wodurch ein gefährlicher Widerspruch entstanden sei. Der aktuelle Rahmen drängt die Bäuerinnen und Bauern zu unablässigen Produktivitätssteigerungen und Kostensenkungen, wobei häufig auf importiertes Futter statt auf traditionelle Weidehaltung gesetzt wird.
«Die Widersprüche in der Agrarpolitik werden nicht angegangen», warnt Binswanger. Das Streben nach Effizienz untergräbt genau das Bild, das die Schweiz der Welt zu vermitteln versucht. Die traditionelle graslandbasierte Landwirtschaft, in der Kühe auf Alpenweiden grasen, droht verloren zu gehen und durch Hochleistungssysteme ersetzt zu werden, die zu diesen kaum beherrschbaren Überschüssen beitragen. Während die Branche in den kommenden Monaten versucht, Angebot und Nachfrage wieder ins Gleichgewicht zu bringen, bleibt die Frage: Handelt es sich um eine vorübergehende Lösung oder ist dies ein Zeichen dafür, dass das Schweizer Milchmodell grundlegend nicht funktioniert?