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Swiss Observer

Ethos-Stiftung stellt Rekordvergütungen für Spitzenmanager Schweizer Banken infrage

Die nachhaltige Anlage-Stiftung Ethos fordert die Aktionärinnen und Aktionäre von UBS und Julius Bär auf, gegen die Vergütungspakete der Geschäftsleitungen zu stimmen. Sie kritisiert variable Boni von bis zum 4,8-Fachen des Grundgehalts als übermässig.

Ethos-Stiftung stellt Rekordvergütungen für Spitzenmanager Schweizer Banken infrage
AISWI swissinfo.ch

Die Schweizer Finanzwelt stellt sich auf eine Auseinandersetzung mit hohem Einsatz ein, denn die Ethos-Stiftung erklärt den Rekordvergütungen von Führungskräften offiziell den Kampf. Die einflussreiche Stiftung für nachhaltige Anlagen fordert die Aktionärinnen und Aktionäre von UBS und Julius Bär auf, die bevorstehenden Vergütungspakete abzulehnen, und bezeichnet sie als realitätsfern. Dabei handelt es sich nicht um eine geringfügige Meinungsverschiedenheit, sondern um eine grundlegende Infragestellung der Schweizer Bankenkultur. Während die Gewinne der Banken steigen, nehmen auch die Löhne derjenigen an der Spitze zu und erreichen ein Niveau, das Ethos als «übermässig» und gefährlich bezeichnet. Die Stiftung schlägt jetzt Alarm und argumentiert, dass die Lehren aus früheren Finanzkrisen zugunsten kurzfristiger Gier missachtet werden. Mit den bevorstehenden Generalversammlungen wächst der Druck auf die Verwaltungsräte zusehends. Der Schritt von Ethos signalisiert die wachsende Ungeduld institutioneller Anlegerinnen und Anleger, die millionenschwere Boni nicht länger ohne gründliche Begründung durchwinken wollen.

Der Faktor 4,8: Die Zahlen im Überblick

Das variable Bonuspotenzial für UBS-CEO Sergio Ermotti beträgt derzeit sagenhafte 4,8 Grundgehälter. Bei einem Grundgehalt von 2,5 Millionen CHF (3,13 Millionen Dollar) steigt die Gesamtvergütung in Sphären, die nur wenige andere europäische Führungskräfte erreichen. Die Zahlen zeigen einen branchenweiten Trend: Giorgio Pradelli von EFG International folgt mit dem Faktor 4,5 dicht dahinter, während Stefan Bollinger von Julius Bär bei 4,1 liegt. Dabei handelt es sich nicht bloss um Zahlen in einer Bilanz, sondern um einen massiven Vermögenstransfer, der laut Ethos nicht gerechtfertigt ist. Im Gegensatz dazu besteht die Stiftung darauf, dass Boni nie das Dreifache des Grundgehalts übersteigen sollten. Die Kluft zwischen den derzeitigen Praktiken der Banken und den Standards nachhaltiger Unternehmensführung war noch nie so gross. EFG International hat seine Vergütungspakete bereits verabschiedet, doch die bevorstehenden Abstimmungen bei UBS und Julius Bär werden zum entscheidenden Prüfstein dafür, ob Schweizer Anlegerinnen und Anleger solche astronomischen Auszahlungen weiterhin mittragen.

Der Kultur übermässiger Risiken Grenzen setzen

Der Schatten der Finanzkrise von 2008 und des jüngeren Zusammenbruchs der Credit Suisse liegt über diesen Vergütungsverhandlungen. Ethos betont, dass diese hohen variablen Vergütungsbestandteile nicht nur Leistungsprämien seien, sondern auch Anreize für leichtfertige Risikobereitschaft schafften. Mit einer Begrenzung der Boni auf 300 Prozent des Grundgehalts will die Stiftung das Schweizer Finanzsystem stabilisieren und es vor der «Boom-und-Bust»-Mentalität schützen, die bereits zuvor Riesen zu Fall gebracht hat. Die Kritik betrifft nicht nur die Gesamtsummen. Bei Julius Bär hat Ethos «Anfangszahlungen» ausgemacht, die nicht klar an tatsächliche Leistungskennzahlen geknüpft sind. Dieser Mangel an Transparenz ist für Fachleute im Bereich der Unternehmensführung ein Warnsignal. Wenn die Vergütung von langfristiger Stabilität entkoppelt ist, bleibt die gesamte Schweizer Wirtschaft verwundbar. Ethos positioniert sich als Hüterin des «Schweizer Modells» der Besonnenheit und stellt sich einem Bankensektor entgegen, der sich zunehmend für Vergütungsstrukturen nach dem Vorbild der Wall Street zu begeistern scheint.

Aktionärinnen und Aktionäre vor einer entscheidenden Wahl

Am 9. und 15. April werden die Weichen für die Zukunft der Schweizer Bankengovernance gestellt. Während sich Julius Bär und UBS auf ihre Generalversammlungen vorbereiten, richtet sich der Blick der globalen Finanzwelt auf Zürich. Werden die Aktionärinnen und Aktionäre der Linie folgen oder die Warnung von Ethos ernst nehmen und eine Rückkehr zu mehr Zurückhaltung verlangen? Das Ergebnis dieser Abstimmungen wird weit über die Banktresore hinaus Wirkung zeigen. Es wird signalisieren, ob die Schweiz nachhaltige Finanzwirtschaft ernst nimmt oder ob «Nachhaltigkeit» bloss ein Schlagwort im Marketing ist. Sollte es Ethos gelingen, eine bedeutende Zahl von Nein-Stimmen zu mobilisieren, könnte dies die Schweizer Banken zu einer grundlegenden Neuausrichtung der Vergütung ihrer Spitzenkräfte zwingen. Für den Ruf des Landes als stabiler und verantwortungsvoller Finanzplatz ist dies ein entscheidender Moment. Die Ära ungebremster Bereicherung von Führungskräften steht vor ihrer bisher grössten Herausforderung, und die Welt schaut zu, ob Schweizer Anlegerinnen und Anleger den Mut haben, «genug» zu sagen.