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Swiss Observer

Durchbruch an der ETH Zürich: Wie Krebszellen gesundes Gewebe kapern

Schweizer Forschende entdecken einen Mechanismus, mit dem Krebszellen benachbarte gesunde Zellen durch den Transfer von Mitochondrien manipulieren. Das eröffnet neue therapeutische Möglichkeiten.

Durchbruch an der ETH Zürich: Wie Krebszellen gesundes Gewebe kapern
AISWI swissinfo.ch

Krebs ist ein Meister der Manipulation, und die ETH Zürich hat gerade seinen neuesten Trick aufgedeckt. In einer bahnbrechenden Studie, die in Nature Cancer veröffentlicht wurde, haben Schweizer Forschende bestätigt, dass bösartige Zellen nicht einfach mit gesundem Gewebe koexistieren, sondern es aktiv für ihre Zwecke einspannen. Das Forschungsteam unter der Leitung von Sabine Werner entdeckte, dass Hautkrebszellen ihre Nachbarzellen physisch umprogrammieren, um ihr eigenes Wachstum anzutreiben. Das ist kein passives Wachstum, sondern ein aggressiver biologischer Putsch.

Der Mechanismus ist ebenso raffiniert wie tödlich: Krebszellen übertragen ihre eigenen «Energiekraftwerke», die Mitochondrien, in umliegende gesunde Zellen. Sind diese mit den fremden Kraftwerken ausgestattet, werden die gesunden Zellen zu Hochtouren gezwungen und produzieren unablässig Energie und Wachstumsstoffe, die der Tumor verbraucht, um seine Ausbreitung zu beschleunigen. Diese Entdeckung verändert unser Verständnis der Tumorumgebung grundlegend. Wir betrachten keinen Tumor mehr, der allein kämpft, sondern einen, der die körpereigenen Ressourcen einspannt, um sein Imperium aufzubauen.

Die Heilkraft der Natur pervertieren

Besonders beunruhigend an dieser Entdeckung ist, dass der Krebs einen Mechanismus ausnutzt, der eigentlich Leben retten soll. Der Transfer von Mitochondrien ist eine biologische Notfallreaktion, die normalerweise der Heilung schwerer Verletzungen dient. Nach einem Schlaganfall zum Beispiel spenden gesunde Nervenzellen beschädigten Zellen ihre Mitochondrien, um deren Überleben zu sichern. Es ist ein Akt zellulären Altruismus.

Krebs verdreht diesen Überlebensinstinkt jedoch zu einer Waffe. «Die Krebszellen nutzen tatsächlich einen Mechanismus, der bei Verletzungen vorteilhaft ist, für ihre eigenen Zwecke», erklärt Sabine Werner. Indem der Tumor diese Reaktion ohne Verletzung auslöst, versetzt er gesundes Gewebe in einen Zustand der Notfallproduktion. Die gesunden Zellen glauben, sie würden bei der Reparatur helfen, tatsächlich aber versorgen sie eine bösartige Erkrankung mit Nahrung. Diese Erkenntnis verdeutlicht die erschreckende Anpassungsfähigkeit von Krebs: Er bricht nicht nur die Regeln der Biologie, sondern schreibt sie für seine eigenen tödlichen Ziele um.

Das MIRO2-Schleusentor ins Visier nehmen

Entscheidend ist, dass das Team der ETH Zürich über die reine Beobachtung hinausgegangen ist und eine taktische Schwachstelle dieses Prozesses identifiziert hat: das Protein MIRO2. Dieses Protein fungiert als logistischer Schlüssel und ermöglicht den Transport von Mitochondrien über Zellgrenzen hinweg. Ohne MIRO2 wird die Versorgung unterbrochen. Die Forschenden fanden Hinweise darauf, dass diese Abhängigkeit nicht auf Hautkrebs beschränkt ist, sondern wahrscheinlich auch bei Brust- und Bauchspeicheldrüsenkrebs besteht. Damit könnte die Entdeckung eine grössere Bedeutung haben.

Im Labor waren die Ergebnisse eindeutig. Als die Forschenden das Protein MIRO2 blockierten, kam der Mitochondrientransfer zum Stillstand. «Die Blockade von MIRO2 wirkte im Reagenzglas und im Mausmodell», bestätigte Werner. Wird diese Verbindung unterbrochen, fehlt dem Tumor das externe Unterstützungssystem, auf das er für eine schnelle Ausbreitung angewiesen ist. Mit der Identifizierung eines konkreten Protein-Zielmoleküls wird aus einem biologischen Rätsel ein greifbares technisches Problem, das die Schweizer Wissenschaft nun zu lösen bereit ist.

Der Weg zu einer Behandlung für Menschen

Auch wenn die Blockade von MIRO2 im Labor einen bedeutenden Erfolg darstellt, bleibt der Weg in die klinische Praxis eine grosse Herausforderung. Der Schritt vom Mausmodell zu menschlichem Gewebe ist mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. «Ob sie auch in menschlichem Gewebe funktioniert, ist noch nicht erforscht», mahnt Werner und dämpft die Erwartungen mit wissenschaftlicher Genauigkeit. Bis eine auf diesen Erkenntnissen beruhende Behandlung kommerziell verfügbar ist, dürften wahrscheinlich noch Jahre vergehen.

Dennoch ist der weitere Weg klar. Sollte sich diese Proteinblockade auch beim Menschen umsetzen lassen, bietet sie eine revolutionäre neue Säule der Krebstherapie: Sie greift die Versorgungslinien des Tumors an, statt nur den Tumor selbst. Die ETH Zürich hat einmal mehr gezeigt, weshalb sie an der Spitze der weltweiten medizinischen Forschung steht. Indem sie aufgedeckt hat, wie Krebs unsere eigene Biologie zur Waffe macht, hat sie der medizinischen Gemeinschaft eine Anleitung an die Hand gegeben, um ihn zu entwaffnen. Der Kampf gegen Krebs ist noch lange nicht vorbei, doch heute kennen wir die Strategie des Gegners etwas besser.