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Swiss Observer

EPFL-Forschende untersuchen Fruchtfliegen, um die Robotik zu revolutionieren

Forschende der EPFL analysieren die Gehirne von Fruchtfliegen, um Robotertechnologie der nächsten Generation zu entwickeln. Damit unterstreichen sie die Führungsrolle der Schweiz bei biomimetischen Innovationen.

EPFL-Forschende untersuchen Fruchtfliegen, um die Robotik zu revolutionieren
AISWI swissinfo.ch

Die Gemeine Fruchtfliege, oft als blosse Küchenplage abgetan, entwickelt sich rasant zum wichtigsten Trumpf der Schweizer Robotik. Während Haushalte die Fliegen verscheuchen, entschlüsseln Forschende an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) die Geheimnisse von Drosophila melanogaster, um die Zukunft autonomer Maschinen zu gestalten. Dies bedeutet einen erstaunlichen Wandel in der Biomimikry: Sie geht über die einfache Nachahmung von Strukturen, wie bei Klettverschlüssen oder Gecko-Klebstoffen, hinaus und zielt auf die komplexe Nachbildung biologischer Intelligenz selbst. Die Schweiz behauptet weiterhin ihre führende Stellung bei globalen Innovationen und beweist, dass der Bauplan für Technologien der nächsten Generation nicht in riesigen Servern liegt, sondern im winzigen, genetisch einfachen Gehirn eines Insekts, das seit über einem Jahrhundert in der Wissenschaft eine wichtige Rolle spielt. Die Auswirkungen sind tiefgreifend: Durch die Rückentwicklung der Beweglichkeit und sensorischen Verarbeitung dieser Lebewesen legt die EPFL den Grundstein für Maschinen, die ihre Umgebung mit organischer Leichtigkeit wahrnehmen und auf sie reagieren.

Das denken entschlüsseln: ein technologischer durchbruch

Mit einer beispiellosen ingenieurtechnischen Leistung haben Professor Pavan Ramdya und sein Team bisherige Grenzen der Neurowissenschaft gesprengt. Sie haben ein spezialisiertes Mikroskop entwickelt, mit dem sich die neuronale Aktivität einer Fruchtfliege in Bewegung beobachten lässt, eine Fähigkeit, die noch vor wenigen Jahren unvorstellbar war. Dieser entscheidende Fortschritt ermöglicht es den Forschenden, jedes körperliche Zucken und jede Bewegung des Insekts mit bestimmten Mustern neuronaler Aktivität in Echtzeit in Verbindung zu bringen. Zudem hat das Team in Zusammenarbeit mit internationalen Forschungsgruppen das gesamte neuronale Netzwerk des Fliegengehirns erfolgreich kartiert. Dieses «Connectom» zeigt genau, wie die einzelnen Neuronen mit ihren Nachbarn kommunizieren, und liefert einen vollständigen Schaltplan des Entscheidungsprozesses des Insekts. Dabei geht es nicht bloss um Beobachtung, sondern um die vollständige Digitalisierung biologischen Verhaltens. Sie liefert die Rohdaten, die nötig sind, um die Lücke zwischen organischem Leben und künstlicher Intelligenz zu schliessen.

Der digitale zwilling: autonomie entwickeln

Die Ambitionen an der EPFL gehen über die blosse Kartierung hinaus: Ziel ist die Entwicklung eines voll funktionsfähigen «digitalen Gehirns». Diese virtuelle Nachbildung soll als Steuerzentrale für eine neue Klasse autonomer Roboter dienen, die sich mit denselben blitzschnellen Reflexen wie ihre biologischen Vorbilder in der Welt bewegen können. Anders als heutige Roboter, die sich in komplexen und unvorhersehbaren Umgebungen oft schwertun, werden diese von Insekten inspirierten Maschinen äussere Reize in Echtzeit verarbeiten. Man stelle sich einen Roboter vor, der sich in einem unübersichtlichen Katastrophengebiet ebenso mühelos zurechtfindet wie eine Fruchtfliege in einer Küche auf der Suche nach reifen Früchten. Indem das Team die Sinnesstrukturen an den Beinen der Fliege nachbildet, arbeitet es ausserdem daran, die Wahrnehmung der Maschine zu verbessern und ihr zu ermöglichen, ihre Umgebung zu «fühlen». Dieser ganzheitliche Ansatz der Biomimikry verspricht Roboter, die nicht nur auf Bewegung programmiert sind, sondern sich an dynamische Umgebungen anpassen, darin überleben und erfolgreich sein können.

Jenseits der erde: die nächste grenze

Die möglichen Anwendungen dieser Technologie reichen weit über die Grenzen der Erde hinaus. Professor Ramdya stellt sich vor, wie diese von der Biologie inspirierten Roboter lebensfeindliche Umgebungen erobern, die für Menschen derzeit unzugänglich sind. Von gefährlichen Such- und Rettungseinsätzen auf der Erde bis zur Erkundung ferner Planeten bieten die Widerstandsfähigkeit und Autonomie insektenähnlicher Roboter einen entscheidenden Vorteil. Während herkömmliche Rover mit schwierigem Gelände zu kämpfen haben, könnte ein Roboter mit der Beweglichkeit und sensorischen Verarbeitung einer Fruchtfliege ausserirdische Landschaften mit beispielloser Effizienz durchqueren. Diese Entwicklung spiegelt die wissenschaftliche Reise der Menschheit wider, von Leonardo da Vincis frühen Skizzen des Vogelflugs bis an die Schwelle autonomer Erkundung anderer Planeten. Während die EPFL die Integration biologischer Sensorsysteme in Roboterplattformen weiter verfeinert, steht die Schweiz an der Spitze einer neuen Ära, in der die kleinsten Lebewesen der Erde den Weg für unsere Ausbreitung ins Sonnensystem ebnen.