Gesellschaft
Englisch überholt Französisch als zweithäufigste Sprache der Schweiz
Das Bundesamt für Statistik meldet einen deutlichen Wandel in der Schweizer Sprachenlandschaft: Nichtlandessprachen, insbesondere Englisch, gewinnen gegenüber den traditionellen Landessprachen an Bedeutung.

Die sprachliche Hierarchie der Schweiz ist ins Wanken geraten. Wie das Bundesamt für Statistik in einem historischen Wandel berichtet, hat die geballte Kraft der «Nichtlandessprachen» Französisch überholt und ihnen den zweiten Platz unter den meistgesprochenen Sprachkategorien des Landes verschafft. Deutsch behauptet mit 66 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung weiterhin unangefochten die Spitze. Zusammen erreichen die Fremdsprachen nun 24 Prozent der Bevölkerung und verdrängen damit Französisch, das von 23 Prozent gesprochen wird, auf den überraschenden dritten Platz.
Das ist nicht bloss eine statistische Momentaufnahme, sondern ein kultureller Umbruch. Die Daten zeigen eine Schweiz, die sich rasch internationalisiert und in der das traditionelle Viersprachenmodell durch eine Welle globaler Einflüsse herausgefordert wird. Zwar ist die Zahl der Französischsprachigen in den vergangenen fünf Jahren absolut gestiegen, doch können sie mit dem explosiven Wachstum der Nichtlandessprachen schlicht nicht Schritt halten. Die Demografie spricht eine deutliche Sprache: Die Vorstellung davon, wie es klingt, Schweizerin oder Schweizer zu sein, verändert sich grundlegend.
Englisch dringt in die Arbeitswelt vor
Englisch ist längst nicht mehr nur eine praktische Hilfe für Touristinnen und Touristen, sondern erobert zunehmend die Schweizer Arbeitswelt. Die neuesten Zahlen zeichnen ein deutliches Bild der Unternehmensrealität: Ganze 23 Prozent der Erwerbsbevölkerung arbeiten heute auf Englisch. Damit rückt die globale Lingua franca in Reichweite des Französischen, das mit 28 Prozent weiterhin vorne liegt. Italienisch liegt mit gerade einmal 8 Prozent deutlich zurück.
Dieser Anstieg ist entscheidend. 2010 war Englisch für nur 4 Prozent der Bevölkerung die hauptsächlich verwendete Alltagssprache. Heute sind es 6 Prozent, doch der Einfluss im Berufsleben ist wesentlich grösser. Englisch ist faktisch zur inoffiziellen fünften Landessprache geworden und dient als wichtigste Brücke über den Röstigraben und darüber hinaus. Mit der Expansion multinationaler Unternehmen und der Entgrenzung durch die Arbeit im Homeoffice nimmt die Abhängigkeit vom Englischen stark zu. Das zwingt traditionelle Schweizer Unternehmen, sich anzupassen, andernfalls drohen sie in einem Markt an Bedeutung zu verlieren, der zunehmend die Sprache des Silicon Valley und Londons statt jene von Bern oder Paris spricht.
Traditionelle Sprachpfeiler bröckeln
Während Fremdsprachen zulegen, zeigen sich Risse in den historischen Sprachpfeilern der Schweiz. Deutsch, Italienisch und Rätoromanisch haben in den vergangenen fünf Jahren als Hauptsprachen allesamt an Anteilen verloren. Rätoromanisch, die vierte Landessprache, kämpft ums Überleben und wird von verschwindend geringen 0,5 Prozent der Bevölkerung gesprochen. Auch Italienisch hat Mühe, seinen Anteil von 8 Prozent zu halten.
In einer überraschenden Wendung ist Französisch die einzige Landessprache, deren Anteil an den Sprachgebenden zuletzt tatsächlich gestiegen ist. Doch selbst diese Widerstandskraft reichte nicht aus, um der geballten Kraft der Kategorie «andere Sprachen» standzuhalten. Die Vorherrschaft des Deutschen bleibt klar, doch der Rückgang der kleineren Landessprachen deutet auf eine mögliche Krise der sprachlichen Vielfalt hin. Da sich das Land stark auf Deutsch und das internationale Englisch ausrichtet, wird die einzigartige, vierteilige kulturelle Identität der Eidgenossenschaft einer beispiellosen Belastungsprobe ausgesetzt.
Die mehrsprachige Zukunft ist bereits da
Die Schweiz der Zukunft ist zweifellos mehrsprachig. Die Statistiken zeigen eine lebendige, komplexe Realität: 17 Prozent der Bevölkerung sprechen zwei oder mehr Hauptsprachen, und ganze 44 Prozent der Kinder kommen im eigenen Zuhause mit mehreren Sprachen in Berührung. Das Land befindet sich nicht im Niedergang, sondern im Wandel.
Neben Englisch sind auf den Strassen Portugiesisch (3 Prozent), Albanisch (3 Prozent), Spanisch und Serbisch/Kroatisch (je 2 Prozent) präsent. Diese Vielfalt ist zur neuen Normalität geworden. Die Schweizer Bevölkerung passt sich mit ihrer charakteristischen Pragmatik an und integriert den Sprachwandel in den Alltag. Der rasche Aufstieg der Nichtlandessprachen zwingt die Schweiz jedoch, sich mit ihrer nationalen Identität auseinanderzusetzen. Während die Sprachlandkarte neu gezeichnet wird, muss die Schweiz entscheiden, wie sie diese neuen Stimmen integrieren kann, ohne das eigenständige kulturelle Erbe zu verlieren, das sie seit Jahrhunderten prägt.