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Swiss Observer

Verkäufe von Elektroautos in der Schweiz erstmals rückläufig

Der Schweizer Markt für Elektroautos verzeichnete erstmals einen Rückgang: 2024 machten sie 19,3 % der Neuwagen aus, gegenüber 20,9 % im Jahr 2023. Als Ursache werden neue Einfuhrzölle genannt.

Verkäufe von Elektroautos in der Schweiz erstmals rückläufig
AISWI swissinfo.ch

Der unaufhaltsame Aufstieg des Elektroautos in der Schweiz ist schliesslich an eine Grenze gestossen. Erstmals in der Geschichte schrumpft der Schweizer Markt und zerschlägt damit die Illusion eines ewigen Wachstums. Vorläufige Zahlen zeigen eine ernüchternde Realität: Der Marktanteil reiner Elektroautos sank 2024 auf 19,3 %, ein deutlicher Rückgang gegenüber dem Höchststand von 20,9 % im Jahr 2023. Das ist nicht bloss eine Stagnation, sondern ein Rückschritt.

Swiss eMobility, der führende Verband für Elektromobilität des Landes, bestätigte den Negativrekord am 1. Januar und markierte damit das Ende einer jahrelangen Serie zweistelliger Zuwächse. Der Verband versucht, dies als «vorübergehenden Rückgang» darzustellen, doch die Zahlen deuten auf eine grössere Zurückhaltung unter Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten hin. Die Dynamik, die einst unvermeidlich schien, ist gebrochen. Das zeigt, dass der Umstieg auf umweltfreundliche Mobilität keineswegs garantiert ist. Die Schweiz, einst Vorreiterin, verliert nun gegenüber internationalen Konkurrenten an Boden. Das wirft dringende Fragen zum Engagement des Landes für seine eigenen Umweltziele auf.

Politischer Schock: Die Steuer, die die Dynamik bremste

Politische Entscheide haben unmittelbare Folgen, und der Entscheid des Bundesrats, Einfuhren von Elektroautos zu besteuern, wirkte wie eine starke Handbremse. Swiss eMobility macht direkt die am 1. Januar 2024 eingeführte Einfuhrsteuer von 4 % für den Marktrückgang verantwortlich. Der Verband bezeichnet den Rückgang als «enttäuschend, aber absehbar». Er sei eine direkte Folge davon, finanzielle Anreize abzuschaffen, bevor der Markt vollständig ausgereift war.

Zusammen mit dem deutlichen Mangel an regulatorischem Druck zur Durchsetzung der CO2-Emissionsziele hat sich die finanzielle Ausgangslage für potenzielle Käuferinnen und Käufer von Elektroautos drastisch verändert. Die Strategie der Regierung ist nach hinten losgegangen und hat die Nachfrage genau dann gebremst, als eine Beschleunigung nötig gewesen wäre. Zwar zeigten sich in den letzten beiden Quartalen Anzeichen einer leichten Erholung, entsprechend den Erwartungen gegen Jahresende, doch der Schaden war bereits angerichtet. Die Aufhebung der Steuerbefreiung hat dem Markt ein klares negatives Signal gesendet: Die Ära staatlich subventionierter Anschaffungen ist vorbei, und die Konsumentinnen und Konsumenten tragen nun die vollen Kosten.

Tesla trotzt der Schwerkraft des Marktes

Mitten in der allgemeinen Tristesse der Branche scheint ein Gigant unbesiegbar zu sein. Das Tesla Model Y hat den Sturm nicht nur überstanden, sondern ist davongezogen und hat seinen Status als unangefochtener König der Schweizer Strassen gefestigt. Es war nicht nur das meistverkaufte Elektroauto des Jahres 2024, sondern das meistverkaufte Auto der Schweiz überhaupt.

Mit über 6’500 verkauften Fahrzeugen steigerte Elon Musks Vorzeigemodell sein Absatzvolumen gegenüber dem Vorjahr und widersetzte sich damit dem landesweiten Abwärtstrend. Diese Dominanz verdeutlicht eine entscheidende Spaltung des Markts: Während die allgemeine Bereitschaft zum Umstieg auf Elektroautos schwankt, bleibt die Nachfrage nach etablierten Premiummarken gross. Teslas Erfolg zeigt, dass Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten weiterhin bereit sind, Elektroautos zu kaufen, sofern das Produkt einen unbestreitbaren Gegenwert und Status bietet, ungeachtet des breiteren wirtschaftlichen Gegenwinds.

Die grosse Kluft zwischen den Kantonen

Die Schweizer Elektroautolandschaft ist von einem tiefen Graben durchzogen, der grosse regionale Unterschiede offenbart. Der «Röstigraben» reicht inzwischen bis zur Ladestation. Die Daten zeigen eine enorme Kluft bei den Zulassungsraten: Der Kanton Zürich ist die fortschrittliche Hochburg, wo bemerkenswerte 24,9 % aller verkauften Neuwagen elektrisch waren. Im deutlichen Gegensatz dazu hinkt der Kanton Tessin im Süden weit hinterher: Elektroautos machten dort lediglich 11,2 % der Verkäufe aus.

Das ist nicht bloss ein statistischer Unterschied, sondern ein kultureller und wirtschaftlicher Graben. Während die deutschsprachigen urbanen Zentren den Wandel vorantreiben, bleibt der italienischsprachige Süden zurückhaltend, möglicherweise aufgrund von Unterschieden bei der Infrastruktur oder wirtschaftlichen Faktoren. Diese Zersplitterung stellt eine erhebliche Herausforderung für die nationalen Klimaziele dar. Ein einheitlicher Wandel in der Schweiz ist unmöglich, wenn die eine Hälfte des Landes in die Zukunft fährt, während die andere weiterhin am Verbrennungsmotor festhält.

Die Infrastruktur wächst, während die Verkäufe zurückbleiben

Ironischerweise ist die Infrastruktur bereit, auch wenn die Käuferinnen und Käufer noch zögern. Die Schweiz baut mit Hochdruck das Rückgrat einer vollständig elektrischen Zukunft aus, unabhängig von den aktuellen Verkaufszahlen. Das Land steht kurz davor, die Marke von 20’000 öffentlichen Ladestationen zu überschreiten. Laut Krispin Romang, dem Direktor des Verbands, gehört die Schweiz damit weltweit zu den führenden Ländern bei der Ladeinfrastruktur für Elektroautos.

Die Diskrepanz ist offensichtlich: Die Ladestationen sind da und warten auf Autos, die nicht im erwarteten Tempo gekauft werden. Der solide Ausbau der Infrastruktur legt jedoch nahe, dass der Einbruch von 2024 tatsächlich der von Swiss eMobility vorhergesagte «vorübergehende Rückgang» sein könnte. Da die Hürde der Sorge um die Reichweite wirksam abgebaut wird, ist eine solide Grundlage für eine Erholung vorhanden. Das Stromnetz ist bereit. Nun muss der Markt entscheiden, ob er wieder einstecken will.