SRG
Kulturbranche warnt vor «weitreichenden Folgen», falls die SRG-Abgabe halbiert wird
Vor der Abstimmung vom 8. März schlagen Schweizer Kulturverbände wegen der Initiative «200 Franken sind genug!» Alarm. Sie argumentieren, dass eine Kürzung des Budgets der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) die kulturelle Vielfalt, die Medienpluralität und Tausende Arbeitsplätze in der Kreativbranche gefährden würde.

Der 8. März markiert einen entscheidenden Wendepunkt für die Schweizer Medienlandschaft. Die umstrittene Initiative «200 Franken sind genug!» zwingt das Land zur Entscheidung zwischen einer unmittelbaren finanziellen Entlastung und dem Überleben seiner öffentlich-rechtlichen Rundfunkinfrastruktur. Der Vorschlag ist drastisch: Die jährliche Haushaltsabgabe soll von 335 Franken auf pauschal 200 Franken gesenkt und Unternehmen vollständig von der Abgabe befreit werden. Dabei geht es nicht nur um eine Budgetkürzung, sondern um eine grundlegende Umgestaltung der Finanzierung des Schweizer Informationsökosystems.
Während die Befürworterinnen und Befürworter die Senkung als notwendige Korrektur für Haushalte bezeichnen, die mit der Inflation zu kämpfen haben, sehen Gegnerinnen und Gegner darin eine existenzielle Bedrohung. Die Abstimmung hat eine heftige Debatte entfacht, die weit über reine Wirtschaftsfragen hinausgeht und den Kern der Schweizer Identität berührt. Je näher die Abstimmung rückt, desto spürbarer wird die Spannung. Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) steht am Abgrund und sieht sich einem möglichen Einnahmenkollaps gegenüber, der die digitale und kulturelle Präsenz des Landes für Jahrzehnte verändern könnte. Die Frage auf dem Stimmzettel ist einfach, die Folgen aber sind explosiv.
Kulturelle Katastrophe: «Weitreichende Folgen» drohen
Kulturverbände schlagen mit Nachdruck Alarm: Eine Annahme der Initiative wäre eine Katastrophe für das Schweizer Erzählen. Eine starke Koalition, der Cinésuisse, Suisseculture und der Schweizer Musikrat angehören, warnt, eine Halbierung des SRG-Budgets hätte «weitreichende Folgen» für die Medienvielfalt und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Befürchtung ist greifbar: Ohne eine solide öffentliche Finanzierung könnten hochwertige einheimische Produktionen verschwinden und durch billige, austauschbare internationale Formate ersetzt werden, die dem einzigartigen sprachlichen und kulturellen Gefüge der Schweiz nicht gerecht werden.
Die Schauspielerin Anna Pieri Zürcher erinnerte eindringlich daran, worum es geht: «Wofür wir gemeinsam Geld ausgeben, sagt viel darüber aus, was für ein Land wir sein wollen.» Die SRG leiste einen «unverzichtbaren Beitrag» zum Schweizer Film- und Serienschaffen, den die Privatwirtschaft schlicht nicht ersetzen könne. Verschwinde die Finanzierung, verschwinde auch die Fähigkeit, authentische Schweizer Geschichten zu erzählen. Der Kultursektor hält fest, dass es dabei nicht bloss um Unterhaltung geht, sondern darum, in einem zunehmend globalisierten Medienmarkt eine eigenständige kulturelle Identität zu bewahren.
Erschütterungen am Arbeitsmarkt: Tausende Existenzen gefährdet
Die wirtschaftlichen Folgen der Initiative könnten verheerend sein: Fast 1'700 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Cyril Tissot, Generalsekretär von Aropa, fand deutliche Worte: «Ein Drittel der mehr als 5'000 Arbeitsplätze in der Branche wäre betroffen.» Diese Zahl zeichnet ein düsteres Bild für die Kreativbranche. Aropa vertritt mehr als 80 Unternehmen aus den Bereichen Kino, Dokumentarfilm und Animation. Dabei handelt es sich nicht bloss um Zahlen, sondern um qualifizierte Fachleute, deren Lebensunterhalt vom durch die öffentliche Finanzierung getragenen Ökosystem abhängt.
Die Abhängigkeit ist gross: Praktisch alle in der Schweiz produzierten Serien sind auf die Finanzierung durch die SRG angewiesen. Wird die Initiative angenommen, würden die Folgen die ganze Branche erfassen und eine Schrumpfung auslösen, die sich durch private Investitionen kaum ausgleichen liesse. Der Kreativwirtschaft droht ein möglicher Abgang von Fachkräften, die entweder die Branche oder das Land verlassen. Die Warnung ist klar: Wer für tiefere Abgaben stimmt, stimmt für mehr Arbeitslosigkeit im Kultursektor.
Der Gegenschlag: Finanzielle Entlastung für Haushalte
Die Befürworterinnen und Befürworter der Initiative, angeführt von der Schweizerischen Volkspartei (UDC/SVP), argumentieren, das aktuelle System stelle eine nicht zu rechtfertigende finanzielle Belastung für die Bevölkerung dar. «Die Konsumentinnen und Konsumenten müssen finanziell entlastet werden», sagt Nationalrat Thomas Matter. Da die Haushalte bereits unter den stark steigenden Mieten und Krankenkassenprämien litten, müsse die weltweit höchste Rundfunkgebühr nach Ansicht des Komitees gesenkt werden. Die Logik dahinter ist einfach: Eine tiefere Abgabe lässt den Bürgerinnen und Bürgern mehr Geld im Portemonnaie, damit sie die Lebenshaltungskostenkrise bewältigen können.
Auch das Argument aus Sicht der Unternehmen ist entschieden. Die Befürworterinnen und Befürworter kritisieren die «Doppelbesteuerung» von Unternehmerinnen und Unternehmern und verweisen auf Beispiele wie Autogaragen mit hohen Umsätzen, aber geringen Margen, die erhebliche Abgaben bezahlen müssen. Derzeit zahlen grosse Unternehmen bis zu 49'925 Franken. Diese Kosten würden mit der Initiative ganz wegfallen. Das Komitee argumentiert, diese Mittel sollten in Aus- und Weiterbildung sowie Entwicklung investiert werden, statt einen staatlichen Rundfunkanbieter zu subventionieren. Für das Komitee geht es bei dieser Abstimmung um wirtschaftliche Freiheit und die Modernisierung eines überholten Finanzierungsmodells.
Ideologischer Machtkampf: Vorwürfe der Einseitigkeit und politische Manöver
Über die wirtschaftlichen Fragen hinaus tobt ein ideologischer Kampf um die Seele des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Rechte Kritikerinnen und Kritiker werfen der SRG seit Langem politische Einseitigkeit vor. Rückenwind erhalten sie durch eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, laut der sich Schweizer Journalistinnen und Journalisten auf einer Links-rechts-Skala von 0 bis 10 durchschnittlich bei 4,02 einordnen. Diese als linkslastig wahrgenommene Ausrichtung hat bei konservativen Wählerinnen und Wählern Unmut ausgelöst. Sie argumentieren, sie würden gezwungen, Inhalte zu finanzieren, die ihren Werten widersprechen. Die Initiative ist teilweise ein Mittel, um einem als politischer Gegner wahrgenommenen Sender die Finanzierung zu entziehen.
Um die Initiative in letzter Minute abzuwenden, hat der Bundesrat einen Kompromiss vorgeschlagen: Die Abgabe soll auf 300 Franken sinken, und bis 2027 sollen 80 Prozent der Unternehmen davon befreit werden. Dadurch würden die Einnahmen der SRG um rund 120 Millionen Franken sinken. Das wäre eine schmerzhafte, aber verkraftbare Kürzung im Vergleich zum radikalen Kahlschlag der Initiative. Je näher der 8. März rückt, desto mehr steht die Schweiz an einem Scheideweg. Die Abstimmung entscheidet nicht nur über die Höhe einer Abgabe, sondern auch darüber, welchen Stellenwert das Land unabhängigen, vielfältigen und öffentlich finanzierten Medien in einer Zeit der Polarisierung beimisst.