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Swiss Observer

Brand in Crans-Montana: Opfer repatriiert, Ermittlungen weisen auf frühere Sicherheitsmängel

Während die Opfer des verheerenden Brandes in Crans-Montana repatriiert werden, intensivieren sich die Ermittlungen. Berichte deuten darauf hin, dass die Gemeinde bereits vor dem Brand von Mängeln beim Brandschutz wusste. Zudem wurde der örtliche Feuerwehrkommandant von der Staatsanwaltschaft befragt.

Brand in Crans-Montana: Opfer repatriiert, Ermittlungen weisen auf frühere Sicherheitsmängel
AIThe Local Switzerland

Sechsundsechzig Menschenleben hängen am seidenen Faden, während Schweizer Ärzteteams mit Hightech gegen schwere Traumata kämpfen. Der Rauch in Crans-Montana hat sich verzogen, doch der Kampf hat sich in die sterilen Labors des Universitätsspitals Lausanne (CHUV) verlagert, wo Fachleute ein biologisches Wunder vollbringen. Im Wettlauf gegen Infektionen und Organversagen arbeitet die Einrichtung, das einzige Zentrum dieser Grösse in Europa, das solche Mengen bewältigen kann, sieben Tage pro Woche daran, für die Überlebenden neue Haut zu züchten.

Der Einsatz könnte kaum höher sein. Da viele Opfer Verbrennungen auf 50 bis 60 Prozent ihrer Körperoberfläche erlitten haben, ist eine natürliche Heilung rechnerisch unmöglich. Mit einer revolutionären Technik verwandelt das Labor gerade einmal 10 Quadratzentimeter gesundes Gewebe eines Patienten innerhalb von nur drei Wochen in beeindruckende 2600 Quadratzentimeter, ungefähr die Fläche eines menschlichen Rückens. «Die Priorität ist, diesen Patientinnen und Patienten so gut wie möglich zu helfen», sagt Laurent Carrez, der technische Leiter des Zentrums. Ein Erfolg ist jedoch nicht garantiert. Die Ärztinnen und Ärzte streben eine Anwachsrate der Hauttransplantate von 80 Prozent an. Diese entscheidende Schwelle markiert für die Jugendlichen, die in Erholungsräumen mit hoher Luftfeuchtigkeit und einer Temperatur von 30 °C um ihr Leben kämpfen, den Unterschied zwischen Genesung und einer weiteren Tragödie.

Forensische Lücke: Der Autopsie-Skandal

In einer rätselhaften Abweichung vom Standardverfahren wurden für die 40 Brandopfer zunächst keine routinemässigen Autopsien angeordnet. Dies löste eine Welle juristischer Empörung aus. Anwälte, die die trauernden Familien vertreten, bezeichnen das Versäumnis als «unbegreiflich» und verweisen auf ein katastrophales Versagen, bei einem Ereignis mit zahlreichen Todesopfern wichtige Beweise zu sichern. «Es handelt sich um gewaltsame Todesfälle, deshalb muss die Todesursache genau festgestellt werden», sagt Rechtsanwalt Romain Jordan. Er stellt die Frage, ob die Jugendlichen durch das Feuer, durch Rauchvergiftung oder im Gedränge der Massenpanik ums Leben kamen.

Die Folgen dieses Versäumnisses sind erschreckend. Da die Beerdigungen bereits begonnen haben, steht die Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis vor der entsetzlichen Aussicht, Exhumierungen anordnen zu müssen, um die Wahrheit festzustellen. Auch international wächst der Druck: Der italienische Botschafter äusserte sich zutiefst besorgt darüber, dass die sechs getöteten italienischen Staatsangehörigen nicht obduziert wurden. Weil diese standardmässigen Untersuchungen unterblieben, klafft in den Ermittlungen eine grosse Lücke. Dadurch könnten die Rolle des Alkoholkonsums oder konkrete Ursachen einer Erstickung im Zusammenhang mit der Tragödie im Dunkeln bleiben. Während Familien ihre Kinder beerdigen, versucht die Justiz, einen Verfahrensfehler zu korrigieren, der niemals hätte passieren dürfen.

Systemisches Versagen: Die Kontrolllücke

Fünf Jahre Schweigen. So lange dauerte die Fahrlässigkeit, die aus den Gemeindedokumenten hervorgeht: Zwischen 2019 und der Brandnacht 2026 wurde die Bar Le Constellation kein einziges Mal auf Brandschutz überprüft. Die Gemeinde Crans-Montana führte allein im Jahr 2025 1400 Kontrollen durch, doch dieses konkrete Todesfallrisiko fiel durch die Maschen. Gemeindepräsident Nicolas Féraud musste einräumen, dass dies auf eine «rücksichtslose Risikokultur» hindeute.

Die regulatorische Blindheit beschränkte sich nicht auf Sicherheitskontrollen, sondern betraf auch die Bewilligung des Betriebs. Jacques Moretti, der französische Besitzer, der sich nun in Haft befindet, erhielt eine Betriebsbewilligung, obwohl er 2008 wegen Förderung der Prostitution verurteilt worden war. Das Walliser Recht verlangt von Betreiberinnen und Betreibern von Gaststätten einen «einwandfreien Leumund», eine Voraussetzung, die Moretti eindeutig nicht erfüllte. Die Behörden ignorierten offenbar sein Strafregister in Frankreich oder überprüften es nicht. So durfte ein verurteilter Straftäter einen Betrieb führen, der für 40 Menschen zur Grabstätte wurde. Dieses doppelte Versagen bei der Durchsetzung der Sicherheitsvorschriften und bei der Überprüfung des Leumunds zeichnet ein vernichtendes Bild administrativer Nachlässigkeit.

Justiz auf der Kippe: Die Strafuntersuchung

Der Preis für die vorläufige Freiheit beträgt 200 000 Schweizer Franken. So hoch ist die Kaution für Jacques Moretti, der zusammen mit seiner Frau Jessica wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und fahrlässiger Brandstiftung angeklagt ist. Während Jessica Moretti unter Auflagen auf freiem Fuss bleibt, sitzt ihr Mann in Haft. Die Staatsanwaltschaft baut ihren Fall auf einer tödlichen Kombination aus Pyrotechnik und verbotenen Baumaterialien auf.

Die forensische Rekonstruktion der Nacht ist erschütternd. Die Ermittler gehen davon aus, dass Wunderkerzen an Champagnerflaschen den Schallschaumstoff an der niedrigen Decke entzündeten. Dieser Schaumstoff wird nun im Hinblick auf die Sicherheitsstandards genau untersucht. Die anschliessende Panik führte zu einem Engpass beim Ausgang des Untergeschosses. Dort wurden 34 Leichen «übereinandergestapelt» am Fuss der Treppe gefunden. Ihr Gewicht riss das hölzerne Treppengeländer aus der Wand. Je weiter die Ermittlungen voranschreiten, desto mehr verschiebt sich der Fokus vom Funken, der das Feuer auslöste, hin zur baulichen und betrieblichen Fahrlässigkeit, die dafür sorgte, dass es tödlich endete. Der bevorstehende Entscheid des Gerichts über Morettis Kaution wird zum nächsten Brennpunkt in einer Affäre, die die Schweiz bis ins Mark erschüttert hat.