Crans-Montana
Nach dem Brand in Crans-Montana: Trauernde Familien konfrontieren Betreiber, Regierung sagt Hilfe zu
Angehörige der 41 Opfer des Brandes in der Bar Le Constellation konfrontierten die Betreiber während der rechtlichen Verfahren. Der Schweizer Bundesrat kündigte unterdessen finanzielle Unterstützung für die von der Katastrophe Betroffenen an.

Auf den Strassen von Sitten brachen heute die Emotionen hervor, als die trauernden Familien der Opfer des Brandes in Crans-Montana endlich den Betreibern von Le Constellation gegenüberstanden. Die Szenen vor dem Campus Energypolis waren äusserst angespannt. Als Jacques und Jessica Moretti eintrafen, um sich den Staatsanwälten zu stellen, schlug ihnen eine Welle der Verzweiflung entgegen. Rufe wie «Mörder» und «Monster» hallten durch die kalte Walliser Luft. Eine verzweifelte Angehörige schrie: «Du hast meinen Sohn getötet! Wie konntest du noch essen oder schlafen?»
Die Konfrontation markiert einen entscheidenden Wendepunkt in den Ermittlungen. Die Morettis versuchten, sich durch die feindselige Menge zu bewegen, und wiesen die Vorwürfe der Fahrlässigkeit und der kriminellen Absicht zurück. «Wenn wir zahlen müssen, zahlen wir. Es gibt keine Mafia, wir sind Arbeiter», entgegnete Jacques Moretti und versuchte, sich gegen die Flut von Beleidigungen zu verteidigen. Der Zusammenstoss verdeutlicht die brodelnde Spannung im Kanton. Die Suche nach Verantwortlichen ist keine juristische Abstraktion mehr, sondern ein dringendes Anliegen der Hinterbliebenen. Die rechtlichen Verfahren haben nun begonnen, doch für die Familien ist das Urteil in der öffentlichen Meinung bereits gefällt worden.
Eine Nation in Trauer
Das Ausmass der Tragödie, die sich am 1. Januar ereignete, ist nach wie vor schwer zu begreifen. Bei dem Brand in Le Constellation kamen erschütternde 41 Menschen ums Leben. Die Tragödie hat die Schweizer Psyche dauerhaft geprägt. Darüber hinaus kämpfen mehr als 100 Menschen mit schweren Verbrennungen und stehen vor einem langen, qualvollen Weg der Genesung. Dies ist nicht bloss ein lokaler Unfall, sondern eine nationale Katastrophe, die die Ruhe in den Walliser Alpen erschüttert hat.
Die grosse Zahl der Opfer hat die Gemeinde Crans-Montana überfordert. Die Familien leben in einer Art Stillstand, als hätte das neue Jahr nie wirklich begonnen. Der Gegensatz zwischen der festlichen Zeit, in der sich der Brand ereignete, und den verheerenden Folgen ist krass. Während die Ermittlungen voranschreiten, stehen die Opfer im Mittelpunkt: junge Menschen, deren Leben jäh endete, und Überlebende, deren körperliche und seelische Narben möglicherweise nie vollständig verheilen werden. Der Druck auf die Behörden wächst. Sie sollen erklären, wie es in einem Land, das für seine Sicherheitsstandards bekannt ist, zu einer solchen Katastrophe kommen konnte.
Bern bricht mit bisherigen Gepflogenheiten
Da die üblichen Verfahren einer Katastrophe dieses Ausmasses bei Weitem nicht gerecht werden, hat der Schweizer Bundesrat entschlossene und beispiellose Massnahmen ergriffen. In einem mutigen Schritt erklärte die Regierung, dass die bestehenden Versicherungs- und Haftungsregelungen mit der Zahl der Opfer schlicht nicht zurechtkommen. Deshalb wurde das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement beauftragt, bis Ende dieses Monats dringend ein Gesetz auszuarbeiten.
Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Regierung will das Parlament bitten, die Vorlage während der Märzsession dringlich zu behandeln, was in der Schweizer Verwaltung nur selten vorkommt. Die vorgeschlagene Solidaritätszahlung des Bundes soll die Lücke schliessen, wenn die private Haftpflichtversicherung nicht ausreicht. Das Eingeständnis der Regierung ist deutlich: Bei Ereignissen mit vielen Todesopfern droht das System, die Opfer im Stich zu lassen. Mit seinem direkten Eingreifen signalisiert Bern, dass es nicht zulassen wird, dass bürokratische Verzögerungen das Leid der Hinterbliebenen vergrössern. Dieser Vorstoss für eine Gesetzgebung bedeutet eine deutliche Veränderung darin, wie die Schweiz mit Katastrophen grossen Ausmasses umgeht.
Millionen für Gerechtigkeit mobilisiert
Während Bern Gesetze ausarbeitet, mobilisieren die lokalen Behörden Millionenbeträge an sofortiger Finanzhilfe. Der Kanton Wallis hat angekündigt, eine Stiftung mit stattlichen 10 Millionen Franken auszustatten, damit die Unterstützung substanziell und zugänglich ist. Gleichzeitig hat der Gemeinderat von Crans-Montana bereits 1 Million Franken für Soforthilfe vorgesehen. Diese Beträge sind nicht bloss Zahlen, sondern eine Rettungsleine für Familien, die neben ihrer Trauer auch vor dem finanziellen Ruin stehen.
Geld allein kann den Streit jedoch nicht beilegen. Um jahrelange, langwierige Gerichtsverfahren abzuwenden, beruft der Bundesrat einen hochrangigen runden Tisch ein. An diesem Forum sollen Opfer, Versicherer und Haftpflichtige zusammenkommen, um ausgehandelte Vergleiche zu erzielen. Das Ziel ist klar: rasch für Gerechtigkeit und Entschädigung sorgen und einen jahrzehntelangen Rechtsstreit vermeiden. Dieser zweigleisige Ansatz, eine sofortige Finanzspritze in Verbindung mit einem strukturierten Vergleichsverfahren, ist eine umfassende Strategie zur Stabilisierung einer Gemeinschaft, die am Rande des Zusammenbruchs steht. Die Botschaft der Regierung ist unmissverständlich: Die Opfer von Crans-Montana werden nicht allein gelassen.