Brand in Crans-Montana
Nach der Tragödie von Crans-Montana: Papst tröstet Familien, Ermittlungen richten den Blick auf Aufsichtsversäumnisse
Zwei Wochen nach der Tragödie von Crans-Montana traf Papst Leo XIV. im Vatikan Angehörige der Opfer, um ihnen Trost zu spenden. Zurück in der Schweiz untersucht die Ermittlungsbehörde mögliche Versäumnisse bei der Regulierung, darunter die Frage, wie einer der Betreiber der Bar trotz einer früheren Verurteilung eine Bewilligung erhielt.

Vierzig Menschenleben ausgelöscht. Diese erschütternde Zahl lässt die Schweiz auch zwei Wochen nach dem Inferno in der Bar Constellation in Crans-Montana nicht los. Die internationale Tragweite dieser Tragödie unterstreichend, öffnete Papst Leo XIV. an diesem Donnerstag die Türen des Vatikans, um die vom Unglück zutiefst erschütterten Familien zu empfangen. Der sichtlich bewegte amerikanische Papst wandte sich an eine Delegation von zwanzig Angehörigen, die mit ihrem Verlust ringen. Unter den Toten sind sechs italienische Jugendliche.
«Die Zuneigung und die Worte des Mitgefühls, die ich heute an Sie richte, scheinen sehr begrenzt und machtlos», räumte der Papst mit schonungsloser Offenheit ein und stellte sich der ganzen Wucht einer Katastrophe, die vor allem junge Menschen das Leben kostete. Während das geistliche Oberhaupt den Familien Hoffnung zusprach und ihnen versicherte, ihre «Hoffnung ist nicht vergeblich», bleibt die Realität hart. Während sich noch 116 Verletzte erholen und eine Gemeinschaft trauert, steht die Feierlichkeit Roms in starkem Kontrast zur Wut, die im Wallis wächst. Während die Familien geistlichen Trost suchen, fordert die Schweizer Öffentlichkeit konkrete Antworten auf ein Unglück, das zunehmend vermeidbar erscheint.
Ein blinder Fleck über fünf Jahre
Fünf Jahre lang keine Kontrollen. Das ist die erschütternde Realität hinter den verkohlten Ruinen der Bar Constellation. Die Gemeindebehörden geben an, allein 2025 insgesamt 1400 Brandschutzkontrollen durchgeführt zu haben. Doch dieses Lokal geriet in ein verhängnisvolles Kontrollvakuum. Die Behörden haben bestätigt, dass die Bar seit 2019 keiner einzigen Brandschutzkontrolle unterzogen worden war. Diesen schwerwiegenden Versäumnis musste auch Gemeindepräsident Nicolas Féraud als «schweres Versagen» anerkennen.
Dabei handelt es sich nicht bloss um ein administratives Versehen, sondern um ein systemisches Versagen. Zwischen 2020 und 2025 wurde das Lokal nicht kontrolliert, obwohl bei früheren Kontrollen 2016, 2018 und 2019 nicht näher bezeichnete Mängel festgestellt worden waren. Das Bedauern der Gemeinde klingt vor dem Hintergrund einer «rücksichtslosen Risikokultur» hohl. Der Gemeindepräsident räumt selbst ein, dass dadurch Mitarbeitende und Gäste gefährdet wurden. Nach veralteten Standards galt ein einziger Feuerlöscher als ausreichend, und eine Alarmanlage war nicht vorgeschrieben. Das Sicherheitsnetz war nicht bloss löchrig, es existierte gar nicht. Die Frage brennt nun so heiss wie das Feuer selbst: Wie kann ein beliebtes Nachtlokal ein halbes Jahrzehnt lang vom Radar verschwinden?
Vorstrafen von den Behörden ignoriert
Der Skandal verschärft sich mit der Enthüllung, dass Jacques Moretti, einer der Betreiber der Bar, trotz schwerer Vorstrafen eine Betriebsbewilligung erhielt. 2008 verurteilte ein französisches Gericht Moretti wegen Anstiftung zur Prostitution zu zwölf Monaten Gefängnis. Mit der Verurteilung war ein Verbot verbunden, in Frankreich Unternehmen zu führen. Im Schweizer Kanton Wallis durfte er dennoch nicht nur einen, sondern gleich mehrere Betriebe eröffnen.
Nach kantonalem Recht darf eine Bewilligung nur erteilt werden, wenn die antragstellende Person den Betrieb nicht gefährdet. Als Moretti seinen ersten Antrag stellte, galt die Voraussetzung eines «einwandfreien Leumunds». Wie lässt sich eine Gefängnisstrafe wegen der Ausbeutung eines Massagesalons in Genf mit einem einwandfreien Leumund vereinbaren? Die Gemeinde hat sich nicht dazu geäussert, ob sie jemals Strafregisterauszüge aus Frankreich oder der Schweiz angefordert hat. Dieses Schweigen sagt viel aus. Indem die Behörden den Betreiber nicht überprüften, überliessen sie einer Person, die wiederholt das Gesetz missachtet hatte, faktisch die Schlüssel zu einem stark frequentierten Lokal. Das wirft unangenehme Fragen dazu auf, wer in Crans-Montana eigentlich die Öffentlichkeit schützt.
Sofortige Verbote und die Suche nach Verantwortlichkeit
In einem hektischen Versuch, die Kontrolle zurückzugewinnen, hat der Gemeinderat von Crans-Montana ein sofortiges Verbot aller pyrotechnischen Geräte in geschlossenen öffentlichen Räumen erlassen. Gleichzeitig wurden externe Fachleute beauftragt, alle öffentlich zugänglichen Betriebe umgehend zu kontrollieren. Dabei soll alles geprüft werden, von den Ausgängen bis hin zu den Baumaterialien. Für einen Ort, der nun mit einer Tragödie verbunden ist, kommt die Verschärfung der Vorschriften spät.
Neue Regeln können die frühere Nachlässigkeit jedoch nicht ungeschehen machen. Die Gemeinde hat die vollständigen Akten zum Le Constellation an die kantonale Staatsanwaltschaft weitergeleitet, doch der Weg zur Rechenschaft bleibt unklar. Gemeindepräsident Féraud hat die Nachlässigkeit des Betreibers angeprangert. Dass die Gemeinde das Lokal selbst fünf Jahre lang nicht kontrollierte, belastet jedoch die Aufsichtsbehörden ebenso wie die Beaufsichtigten. Während die Ermittlungen intensiviert werden, blickt die Schweiz aufmerksam hin. Die Zeit der laschen Durchsetzung der Vorschriften im Walliser Gastgewerbe muss jetzt enden. Sonst werden die 40 Todesopfer bloss zum Auftakt der nächsten vermeidbaren Katastrophe.