Diplomatie
Besuch des chinesischen Vizepremierministers in der Schweiz markiert 75 Jahre diplomatische Beziehungen
Der chinesische Vizepremierminister Ding Xuexiang trifft in Bern Schweizer Regierungsvertreter. Dabei steht die bilaterale Handelsbeziehung im Umfang von 33 Milliarden Franken im Mittelpunkt, während die beiden Länder das 75-Jahr-Jubiläum ihrer diplomatischen Beziehungen feiern.

Vor 75 Jahren unternahm die Schweiz einen Schritt, der den Westen schockierte. Am 17. Januar 1950, als sich der Frost des Kalten Kriegs gerade auszubreiten begann, sandte Bundespräsident Max Petitpierre ein Telegramm an den Vorsitzenden Mao Zedong und erkannte damit mutig die Volksrepublik China an. Heute hat sich dieses kalkulierte diplomatische Risiko zu einer der wichtigsten internationalen Partnerschaften der Schweiz entwickelt.
Diese Woche öffnete der Bundespalast in Bern seine Türen für den chinesischen Vizepremierminister Ding Xuexiang. Mit grossem Pomp wurde das diamantene Jubiläum einer Beziehung von dieser Bedeutung begangen. Gastgeber waren Wirtschaftsminister Guy Parmelin und Aussenminister Ignazio Cassis. Der Besuch ist mehr als eine zeremonielle Würdigung der Vergangenheit: Er bekräftigt eine Strategie, die den Austausch der Isolation vorzieht. Während andere westliche Länder mit der Entflechtung ihrer Beziehungen ringen, knüpft Bern weiterhin ein komplexes Geflecht aus Neutralität und Handel. Damit zeigt sich, dass der vor drei Vierteljahrhunderten gefällte Entscheid nach wie vor das Fundament der Schweizer Aussenpolitik in Asien bildet.
Der Handelsriese im Wert von 59 Milliarden Franken
Die Zahlen sprechen für sich: 59 Milliarden Franken. So hoch ist das beeindruckende bilaterale Handelsvolumen zwischen der Schweiz und China, wenn Edelmetalle mitgerechnet werden. Ohne den Goldhandel beläuft sich der Betrag immer noch auf beträchtliche 33 Milliarden Franken. Damit ist China der drittgrösste Handelspartner der Schweiz, hinter der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten.
Diese wirtschaftliche Maschine läuft nicht nur, sie brummt. Das Treffen zwischen Ding und Parmelin unterstreicht eine gegenseitige Abhängigkeit, die politische Differenzen überwindet. Für Schweizer Exporteure bleibt der chinesische Markt ein wichtiger Absatzmarkt für Maschinen, Pharmazeutika und Luxusgüter. Umgekehrt dient die Schweiz als bedeutender Umschlagplatz für chinesische Waren und als Finanzzentrum in Europa. In einer Zeit globaler wirtschaftlicher Unsicherheit ist dieser Handelskorridor eine Lebensader. Das enorme Ausmass dieser Finanzströme prägt den Ton in Bern: pragmatisch, geschäftsorientiert und zweifellos von grosser Tragweite. Der Schweiz ist bewusst, dass die Aufrechterhaltung dieser Dynamik kontinuierliche diplomatische Pflege erfordert. Dings Anwesenheit bestätigt, dass auch Peking daran interessiert ist, die Räder reibungslos am Laufen zu halten.
Den unbequemen Fragen begegnen
Diplomatie bedeutet 2025 nicht nur Händeschütteln und Handelsabkommen, sondern auch, sich unbequemen Wahrheiten zu stellen. Bern wich dem Elefanten im Raum nicht aus. Während die wirtschaftlichen Erfolge gefeiert wurden, nutzte die Schweizer Regierung den hochrangigen Besuch, um kritische Menschenrechtsfragen anzusprechen. Der Bundesrat äusserte ausdrücklich seine Besorgnis über die Lage in den autonomen Regionen Xinjiang und Tibet sowie über die schwindenden Freiheiten in Hongkong.
Hier zeigt sich der Balanceakt der Schweiz: lukrativen Handel zu verfolgen und zugleich humanitäre Werte hochzuhalten. Die Gespräche gingen Berichten zufolge über innenpolitische Fragen in China hinaus und befassten sich auch mit der bröckelnden globalen Sicherheitsordnung. Der Krieg in der Ukraine, die volatile Lage im Nahen Osten und die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel standen ebenfalls auf der Tagesordnung. Indem die Schweiz diese Konfliktherde anspricht, unterstreicht sie ihre Rolle nicht nur als Handelspartnerin, sondern auch als Vermittlerin und Hüterin des Völkerrechts. Es ist ein schwieriger Balanceakt, den Cassis und Parmelin mit der Autorität meisterten, die man von einem Land erwartet, in dem sich der europäische Hauptsitz der Vereinten Nationen befindet.
Von Bern auf die globale Bühne
Der Händedruck in Bern ist erst der Auftakt. Vizepremierminister Ding Xuexiang reist anschliessend weiter zu den schneebedeckten Höhen von Davos, wo das Weltwirtschaftsforum (WEF) stattfindet. Sein Zwischenhalt in der Schweizer Hauptstadt ist ein strategischer Anker, bevor er sich mit der globalen Elite trifft. Er signalisiert, dass China zunächst seine Beziehungen zu seinem ältesten westlichen Partner festigt, bevor es sich an die Welt wendet.
Für die Schweiz unterstreicht diese Abfolge ihre besondere Stellung in der globalen Geopolitik. Sie ist das Tor, ein neutraler Boden, auf dem Grossmächte landen, bilaterale Geschäfte führen und anschliessend auf die multilaterale Bühne treten können. Während Ding in Richtung Alpen reist, ist die Botschaft aus Bern klar: Die vor 75 Jahren geschmiedete schweizerisch-chinesische Beziehung bleibt eine wichtige, wenn auch komplexe Säule der modernen Weltordnung. Angesichts des Gegenwinds für die Weltwirtschaft war die Stabilität dieser 75 Jahre alten Brücke zwischen den Alpen und dem Orient noch nie so bedeutsam.