Technologie
China wirbt um Schweizer Start-ups und geistiges Eigentum, warnt Expertin
Eine Expertin für die Beziehungen zwischen China und der Schweiz warnt, dass China Schweizer Start-ups mit verlockenden Angeboten wie kostenloser Finanzierung und Büroräumen anlockt. Das Hauptziel sei der Technologietransfer und die Vorherrschaft in strategischen Sektoren.

Das weltweit führende Start-up-Ökosystem der Schweiz steht derzeit unter einer ausgeklügelten Belagerung. Peking setzt ein Arsenal an Angeboten ein, die zu gut klingen, um wahr zu sein: zinslose Finanzierungen, Büroräume für mehrere Jahre ohne Mietkosten und erstklassige Accelerator-Programme. Damit will es die klügsten Köpfe der Alpenrepublik in seinen Einflussbereich locken. Diese Angebote mögen für Unternehmerinnen und Unternehmer mit knappem Budget wie ein Rettungsanker wirken, doch Expertinnen und Experten warnen: Es sind trojanische Pferde mit einem einzigen Zweck, dem systematischen Abfluss von Schweizer geistigem Eigentum. Die Historikerin Ariane Knüsel zeigt auf, dass es sich dabei nicht um eine Geste bilateraler Zusammenarbeit handelt, sondern um einen kalkulierten Vorstoss zur technologischen Vorherrschaft. Die Verlockung ist unmittelbar, doch der Preis dafür ist die Seele der Schweizer Innovation. Während China diese Unternehmen aggressiv umwirbt, verschwimmt die Grenze zwischen Geschäftschance und Bedrohung der nationalen Sicherheit. Start-ups stehen heute an vorderster Front eines globalen Kampfes um Daten, Produktionsgeheimnisse und geschütztes Forschungswissen, die die moderne Wirtschaft prägen.
Kapital als Waffe: Der Plan «Made in China 2025»
Unter der Initiative «Made in China 2025» stehen nicht weniger als 10 strategische Industriesektoren im Visier, mit dem Ziel, weltweit die vollständige Vorherrschaft zu erlangen. Das ist nicht bloss Ehrgeiz, sondern eine staatlich verordnete Vorgabe, China bis 2049 in eine technologische Supermacht zu verwandeln. Um die Lücke zwischen universitärer Forschung und industrieller Anwendung zu schliessen, eignet sich Peking westliches Know-how über ein dichtes Netz von Risikokapitalfirmen und staatlich unterstützten Gründerzentren an. Knüsel hält fest, dass diese Rekrutierungskanäle seit 2015 deutlich ausgefeilter geworden sind. Gesucht werden nicht mehr nur Produkte, sondern auch das «Wie»: die komplexen Produktionsverfahren und Daten, die Schweizer Ingenieurinnen und Ingenieure über Jahrzehnte perfektioniert haben. Mit Gehältern, die weit über dem Schweizer Niveau liegen, und Einrichtungen, die mit den besten in Zürich oder Lausanne konkurrieren können, schöpft China den Schweizer Talentpool effektiv ab, um den eigenen Aufstieg voranzutreiben. Den ursprünglichen Innovatoren bleiben dabei nur leere Hüllen ihrer einstigen Unternehmen.
Infiltration der Kantone: Die warnende Geschichte von Rapperswil
Das gescheiterte «Innovation Centre Rapperswil» führt drastisch vor Augen, wie nahe diese Aktivitäten an die Schweiz heranreichen. 2023 versuchte SinoSwiss Holding, eine Tochtergesellschaft der chinesischen Fenshare Holding, im Kanton St. Gallen ein grosses Zentrum aufzubauen. Das Angebot war verlockend: drei Jahre kostenlose Räumlichkeiten und direkter Zugang zu umfangreichen Finanzierungsmitteln. Obwohl das Projekt schliesslich scheiterte, machte es deutlich, wie anfällig die lokale Schweizer Infrastruktur für ausländischen Einfluss ist. Solche «Innovationszentren» werden oft als Brücken für den wirtschaftlichen Austausch angepriesen, doch Knüsel ist eindeutig: Sie sind Staubsauger für geistiges Eigentum. In diesen Umgebungen ist Wirtschaftsspionage kein Risiko, sondern Teil des Geschäftsmodells. Kleine Schweizer Start-ups verfügen nicht über die rechtlichen Mittel, um ihre Patente vor chinesischen Gerichten zu verteidigen, und sehen sich deshalb gezwungen, Technologie als Bedingung für ihre Präsenz abzugeben. Der Fall Rapperswil zeigt, dass die Bedrohung nicht Tausende Kilometer entfernt ist, sondern bereits an die Türen unserer Kantone klopft.
Souveränität in Gefahr: Der hohe Preis «kostenloser» Finanzierung
Die Schweiz steht nun vor einer entscheidenden Weggabelung: Soll sie das Kapital willkommen heissen oder die Kronjuwelen ihrer Wirtschaft schützen? Das grösste Risiko ist der vollständige Kontrollverlust über Produktionsverfahren und geschütztes Know-how. China bleibt ein autoritäres staatskapitalistisches Regime, in dem es keine Grenze zwischen Privatwirtschaft und Staatsinteressen gibt. Für ein Schweizer Start-up bedeutet der Eintritt in dieses Ökosystem, sich in eine Welt zu begeben, in der es keinen Platz für Rivalen gibt, sondern nur für Untergebene. Während die EU ihre eigenen Vorschriften für den chinesischen E-Commerce und Technologietransfers verschärft, läuft die Schweiz Gefahr, zu einem bequemen Schlupfloch oder, schlimmer noch, zu einem Supermarkt für den Diebstahl geistigen Eigentums zu werden. Die Zukunft der Schweizer Industrie hängt davon ab, zu erkennen, dass «kostenlose» Finanzierung oft den höchsten Preis von allen hat: den Verzicht auf künftige Wettbewerbsfähigkeit. Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger sowie Unternehmerinnen und Unternehmer müssen nun die unmittelbare Liquidität gegen das langfristige Überleben abwägen, in einer Welt, in der technologische Vorherrschaft die wichtigste Währung ist.