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Swiss Observer

Chiasso ist die erste Schweizer Stadt, die das Abspülen von Hundeurin vorschreibt

Als erste Gemeinde der Schweiz verlangt Chiasso im Tessin von Hundehaltern, den Urin ihrer Tiere von öffentlichen Trottoirs und Fassaden abzuwaschen. Wer sich nicht daran hält, muss mit einer Busse von 100 CHF rechnen.

Chiasso ist die erste Schweizer Stadt, die das Abspülen von Hundeurin vorschreibt
AIThe Local Switzerland

Der legendäre Ruf der Schweiz für makellose Strassen erreicht eine bislang unerreichte neue Stufe. Als historische Premiere für die Eidgenossenschaft schreibt die Tessiner Grenzstadt Chiasso vor, dass Hundehalter mehr tun müssen, als nur den Kot ihres Tieres aufzunehmen: Sie müssen nun auch die flüssigen Spuren wegspülen. Die stattliche Zahl von 500 Hunden in der Gemeinde steht nun im Fokus, denn die Gemeinde setzt eine strenge Regelung zum sofortigen Abspülen durch. Es handelt sich nicht bloss um eine Empfehlung, sondern um eine gesetzliche Pflicht, die jeden Hundespaziergang in eine Reinigungsaktion verwandelt. Hundehalter müssen nun jederzeit eine Wasserflasche mit sich führen, um den Urin sofort «zu neutralisieren», sobald er auf öffentliche Trottoirs oder Gebäudefassaden gelangt. Diese Massnahme signalisiert einen drastischen Wandel bei der Verantwortung für das Gemeinwesen in der Schweiz: Die Pflicht zur Strassenreinigung wird direkt den Tierhaltern übertragen. Während der Staat schon lange kostenlose Hundekotsäckchen bereitstellt, verlangt diese neue Stufe der Sauberkeit einen vorbeugenden Einsatz von Wasser, wie es ihn in der Schweiz bisher noch nie gegeben hat.

Hitzewellen verschärfen eine Krise der öffentlichen Gesundheit

Der Gestank, der mit dem Klimawandel einhergeht, zwingt die lokale Regierung zum Handeln. Stadtpräsident Bruno Arrigoni sieht sich mit einer wachsenden Welle der Empörung aus der Bevölkerung konfrontiert, denn Rekordhitze und anhaltende Trockenheit verstärken den «Uringeruch» im Stadtzentrum. Dabei geht es nicht bloss um eine Frage der Ästhetik, sondern um eine Krise der Lebensqualität, die sich mit den steigenden Temperaturen verschärft hat. Quartiervereine und Privatpersonen haben das Gemeindehaus mit Beschwerden überhäuft und eine unerträgliche Atmosphäre in Gegenden beschrieben, in denen die Menschen gewöhnlich flanieren und essen. Die Kombination aus trockenem Stein und grosser Hitze schafft ein intensives Geruchsproblem, dem die regelmässige Hochdruckreinigung durch die Stadt schlicht nicht beikommt. Die Gemeinde räumt ein, nicht überall gleichzeitig sein zu können. Deshalb wird die Strassenreinigung nun radikal dezentralisiert. Während das Thermometer im ganzen Tessin in die Höhe klettert, hat die Geruchsbelästigung einen kritischen Punkt erreicht. Ein Gesetz, das Tierurin als öffentliche Verschmutzung statt als natürlichen Umstand behandelt, sei deshalb nötig.

Durchsetzung und Geldbussen

Nachlässigkeit hat nun einen konkreten Preis: 100 CHF. Der Gemeinderat verabschiedete die neue Verordnung Mitte Juni, doch in Kraft tritt sie Mitte August, nach einer intensiven Informationskampagne. Das ist keine leere Drohung: Die Stadtpolizei wird Kontrollen auf Urin in ihre regulären Patrouillen aufnehmen. Wer zum ersten Mal gegen die Vorschrift verstösst, kommt möglicherweise mit einer strengen Verwarnung davon. Wiederholungstätern droht die volle Busse von 100 CHF. Die Strafe liegt im üblichen schweizweiten Rahmen für Abfalldelikte, der in der Regel zwischen 40 und 150 Franken beträgt. Allerdings wird damit erstmals flüssiger Abfall auf diese Weise mit einer Geldbusse belegt. Die Verordnung richtet sich gezielt auf das Stadtzentrum, wo Fassaden und Trottoirs besonders gefährdet sind. Indem die Polizei zur Instanz für die Durchsetzung der Sauberkeit wird, sendet Chiasso eine klare Botschaft: Die Zeit passiver Tierhaltung ist vorbei. Die Stadt setzt darauf, dass die Androhung einer dreistelligen Busse genügt, um jeden Hundehalter vorübergehend zum Strassenreiniger zu machen.

Ein europaweiter Trend erfasst die Schweiz

Chiasso mag die erste Gemeinde sein, aber sicher nicht die letzte. Das «Chiasso-Modell» schlägt bereits in anderen Schweizer Gemeinden Wellen: Locarno hat offiziell angekündigt, die Massnahme nächste Woche zu diskutieren. Die lokale Regelung entspricht einem breiteren europäischen Vorgehen gegen Tierabfälle im öffentlichen Raum. In Italien haben Städte wie Parma und Livorno ähnliche Vorschriften bereits eingeführt, während Barcelona die Bussen auf bis zu 300 Euro erhöht hat. Die Schweiz holt nun zu einer mediterranen Realität auf, in der dichtes Wohnen und heisse Sommer strengere Hygienevorschriften erfordern. Dieser Wandel stellt eine grundlegende Neubewertung des öffentlichen Raums und der Verantwortung seiner Nutzerinnen und Nutzer dar. Während sich weitere Schweizer Städte mit dem gleichen Dilemma aus «Gestank und Sonne» auseinandersetzen, dürfte der Anblick von Hundespaziergängern mit einer Wasserflasche bald zum neuen Standard werden. Was als lokale Verordnung in einer Grenzstadt begann, entwickelt sich rasch zu einer neuen kulturellen Erwartung an moderne Schweizer Hundehalter.