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Swiss Observer

Sechs Kantone verlangen 24 Milliarden Franken für den Ausbau des Bahnnetzes

Unter Hinweis auf ein bereits überlastetes Netz haben sechs wichtige Schweizer Kantone, darunter Genf, Basel und das Tessin, gemeinsam beim Bundesrat dringende, umfangreiche Investitionen in den Ausbau der nationalen Bahninfrastruktur beantragt.

Sechs Kantone verlangen 24 Milliarden Franken für den Ausbau des Bahnnetzes
AISWI swissinfo.ch

Die Schweizer Bahninfrastruktur schreit um Hilfe, und sechs einflussreiche Kantone haben darauf mit einer Forderung über sagenhafte 24 Milliarden Franken reagiert. Mit einem geschlossenen politischen Kraftakt haben die Regierungen von Genf, Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Tessin, Wallis und Waadt den Bundesrat mit einem dringenden Ultimatum konfrontiert: Jetzt investieren oder zusehen, wie das Rückgrat des Schweizer Verkehrssystems zerfällt. Dabei handelt es sich nicht bloss um eine Bitte, sondern um einen entscheidenden Vorstoss am nationalen Bahnkongress Bahn26 in Basel, bei dem viel auf dem Spiel steht.

Die Koalition vertritt die wirtschaftlichen Motoren des Landes, und ihre Botschaft ist unmissverständlich. Sie fordert eine massive Kapitalzufuhr zum Ausbau der nationalen Bahninfrastruktur und verweist auf die dringende Notwendigkeit, das System für die Zukunft zu rüsten. Dieses beispiellose Bündnis überwindet regionale Grenzen und vereint die französisch-, deutsch- und italienischsprachigen Teile der Schweiz unter einem gemeinsamen Zeichen der Dringlichkeit. Die Summe von 24 Milliarden Franken ist nicht willkürlich, sondern der berechnete Preis für das Überleben in einem Land, in dem die Bahn eine zentrale Rolle spielt, deren Krone aber ins Wanken gerät.

Ein Netz an der Belastungsgrenze

Das System erstickt am eigenen Erfolg. «Schon heute ist das Netz überlastet», erklärten die Kantone in einer unverblümten gemeinsamen Stellungnahme und zeichneten damit ein düsteres Bild des täglichen Betriebs. Zehntausende Pendlerinnen und Pendler zwängen sich derzeit in ein System, das an seiner absoluten Belastungsgrenze läuft, während der Güterverkehr unaufhaltsam zunimmt. Die Infrastruktur ist nicht mehr nur stark ausgelastet, sie steht gefährlich nahe an der Sättigungsgrenze.

Diese Kapazitätskrise droht die Mobilität des Landes lahmzulegen. Die kantonalen Ministerinnen und Minister warnen, dass sich die Lage ohne sofortiges, entschlossenes Eingreifen rasch verschlechtern werde. Wir erleben einen kritischen Engpass, bei dem das Passagier- und Güteraufkommen die Kapazität der Schienen, auf denen es unterwegs ist, übersteigt. Die Sorge ist gross: Wenn die Schweiz nicht handelt, könnte die viel gerühmte Effizienz des Schweizer Bahnnetzes der Vergangenheit angehören und chronischen Verspätungen und Stillstand weichen.

Kraftproben im Norden und Westen

Im Norden und Westen sind die Forderungen konkret, umfangreich und nicht verhandelbar. Basel setzt sich für ein wegweisendes «Herzstück» ein, eine Durchmesserlinie mit einem riesigen unterirdischen Bahnhof, der als unverzichtbar für das Überleben der Region als Verkehrsdrehscheibe gilt. Es handelt sich um einen gross angelegten Eingriff in die Infrastruktur, der die Verkehrsadern der Nordschweiz entlasten soll.

Unterdessen kämpft die Genferseeregion mit ihrem eigenen explosiven Wachstum. Die Koalition fordert einen deutlichen Kapazitätsausbau am Bahnhof Genf Flughafen sowie eine wichtige zusätzliche Verbindung zwischen Lausanne und Genf. Zudem verlangt sie den Ausbau der Strecke Genf-Lyon, einer wichtigen internationalen Verbindung nach Frankreich. Das sind keine kosmetischen Verbesserungen, sondern grundlegende strukturelle Veränderungen, die nötig sind, damit das wirtschaftliche Herz der französischsprachigen Schweiz weiterschlägt. Die Botschaft aus dem Westen ist klar: Die bestehenden Gleise reichen für die Zukunft nicht aus.

Das südliche Tor öffnen

Das Tessin kämpft dafür, dass der Gotthard-Basistunnel, das Juwel der Schweizer Ingenieurskunst, nicht zu einem Meisterwerk mit Engpässen wird. Für den Kanton hat eine markante Stärkung der Nord-Süd-Achse Priorität, um die Reisezeiten nach Mailand zu verkürzen und die Kapazität zu erhöhen. Derzeit bremsen tiefe Betriebsgeschwindigkeiten und gravierende Engpässe in den Gebieten Bellinzona, Lugano und Mendrisio die Effizienz.

Das Dokument hält ausdrücklich fest, dass diese lokalen Einschränkungen die Wirksamkeit des milliardenschweren Tunnels mindern. Damit der Personen- und Güterverkehr stabil wachsen kann, gilt ein Kapazitätsausbau auf der Achse nach Locarno als unerlässlich. Das Wallis schliesst sich dieser südlichen Front an und fordert einen Ausbau des internationalen Bahnverkehrs auf der Lötschberg-Simplon-Achse. Dabei geht es um mehr als den Transitverkehr durch die Schweiz: Es geht darum, die Rolle der Schweiz als wichtigste Logistikbrücke zwischen Nordeuropa und Italien zu sichern.

Ein radikaler Strategiewechsel

Die Kantone verlangen einen grundlegenden Wandel in der Art und Weise, wie die Schweiz über die Bahn denkt. Die Ministerinnen und Minister bestehen darauf, dass die Planung künftig «angebotsorientiert» sein muss. Das bedeutet, die Infrastruktur vorausschauend auszubauen, um Wachstum zu ermöglichen, statt erst dann Lücken zu stopfen, wenn die Nachfrage die Kapazitäten übersteigt. Es ist eine mutige strategische Neuausrichtung, die die Zukunft der Ost-West- und Nord-Süd-Achsen sichern soll.

Durch die Stärkung des Regionalverkehrs und die gezielte Förderung internationaler Verbindungen soll dieser Plan über 24 Milliarden Franken die nationalen Ziele zur Verlagerung des Verkehrs und zum Klimaschutz erreichen. Die Folgen sind weitreichend: Wer jetzt nicht investiert, entscheidet sich dafür, das künftige Wirtschaftswachstum zu bremsen. Der Ball liegt nun klar beim Bundesrat. Da sich sechs bedeutende Kantone mit ihrer Forderung zusammengeschlossen haben, ist der Druck, diesen historischen Ausbau zu bewilligen, enorm. Die Schweiz steht an einem Scheideweg: in die Schiene investieren oder die Zukunft entgleisen lassen.