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Swiss Observer

Pensionierte Ärztinnen und Ärzte bieten in Lugano mit der Initiative «Café Med» kostenlose Beratungen an

In Lugano bietet die Initiative «Café Med» eine einzigartige öffentliche Dienstleistung: Pensionierte medizinische Fachpersonen bieten ehrenamtlich kostenlose, ausführliche Beratungen an. Das Projekt bietet Orientierung und Gesprächsmöglichkeiten und geht damit auf einen wachsenden Bedarf im Gesundheitssystem ein.

Pensionierte Ärztinnen und Ärzte bieten in Lugano mit der Initiative «Café Med» kostenlose Beratungen an
AISWI swissinfo.ch

Mitten in Lugano stellt eine stille Rebellion das hektische Tempo der modernen Gesundheitsversorgung infrage. Einmal im Monat verwandelt die Initiative «Café Med» das Restaurant eines Hotels in einen Ort der Geduld. Hier ist nicht die Vergütung durch die Krankenkasse die Währung, sondern die Zeit. Pensionierte medizinische Koryphäen, Fachpersonen, die jahrzehntelang an vorderster Front der Medizin tätig waren, leisten ehrenamtlich etwas, das das heutige System oft unmöglich macht: einfach zuhören.

Dies ist keine gewöhnliche Klinik. Es gibt keine weissen Kittel, keine tickenden Uhren und, vielleicht am überraschendsten, keine Rechnungen. Von 14.30 bis 16.30 Uhr bieten diese erfahrenen Fachpersonen des Gesundheitswesens eine Dienstleistung an, die zunehmend vom Aussterben bedroht ist: ein ausführliches, ganzheitliches Gespräch ohne Zeitdruck. Während das traditionelle System Patientinnen und Patienten in Symptome und Zeitfenster aufteilt, sieht das Café Med sie wieder als ganze Menschen. Es ist ein klares Zeichen gegen die Industrialisierung der Medizin und zeigt, dass manchmal ein Gespräch ohne zeitliche Begrenzung die wirksamste «Verschreibung» ist.

Raus aus der Fliessbandmedizin: Der Aufstand der Patientinnen und Patienten

Patientinnen und Patienten wenden sich von der «Fliessbandabfertigung» in überfüllten Wartezimmern ab und suchen im Café Med einen würdevolleren Umgang. Die Frustration ist spürbar und weit verbreitet. Eine 63-jährige Einwohnerin von Lugano schildert die Realität, mit der viele Menschen in der Schweiz konfrontiert sind: «In der Praxis muss alles schnell gehen, weil das Wartezimmer voll ist ... Wenn man nicht sofort versteht, ist es einem peinlich, nachzufragen.» Die Angst, zur Last zu fallen, treibt einen gefährlichen Keil zwischen die Patientinnen und Patienten und das Verständnis für ihre Gesundheit.

Im Café Med verändert sich die Dynamik deutlich. Die Patientinnen und Patienten kommen nicht nur mit Symptomen, sondern auch mit Fragen zu chronischen Krankheiten wie Diabetes oder Herzerkrankungen. Sie suchen Klarheit zu ernsthaften Behandlungen und möchten ihre Entscheidungen bestätigt wissen. Die entspannte, offene Atmosphäre ohne kommerziellen Druck ermöglicht eine Beratungstiefe, für die die üblichen 15-Minuten-Termine schlicht nicht ausreichen. Das ist ein vernichtendes Urteil über ein System, in dem Effizienz wichtiger geworden ist als Einfühlungsvermögen.

Ein ganzes Arsenal an Fachwissen kommt zum Einsatz

Die Fachkompetenz der Freiwilligen im Café Med ist aussergewöhnlich. Hier werden nicht einfach allgemeine Ratschläge erteilt: Pensionierte Onkologinnen und Onkologen, Radiologinnen und Radiologen, Dermatologinnen und Dermatologen, Kardiologinnen und Kardiologen sowie Psychologinnen und Psychologen bringen ihr Fachwissen ein. Sie ersetzen nicht die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt, verschreiben keine Medikamente und führen keine körperlichen Untersuchungen durch. Vielmehr helfen sie, die medizinische Welt auf hohem fachlichem Niveau zu verstehen.

«Wir versuchen zu klären, was die Menschen nicht verstanden haben», erklärt Olivia Pagani. Dieser Unterschied ist entscheidend. In einer medizinischen Welt, die oft von komplexer Fachsprache und schnellen Anweisungen geprägt ist, schlagen diese Ärztinnen und Ärzte eine Brücke zwischen Verwirrung und fundierten Entscheidungen. Sie helfen den Patientinnen und Patienten, mit den richtigen Fragen und einem klareren Verständnis ihrer eigenen gesundheitlichen Situation zu ihren behandelnden Ärztinnen und Ärzten zurückzukehren. Dieses Modell einer «Medizin für Menschen» stellt die Urteilskraft und Selbstbestimmung der Patientinnen und Patienten über passive Zustimmung.

Der hohe Preis für den Verlust des menschlichen Kontakts

Die Initiative übt auch deutliche Kritik an den explodierenden Kosten im Schweizer Gesundheitssystem. Der pensionierte Kardiologe Ezio Foglia weist auf einen beunruhigenden Trend hin: Körperliche Untersuchungen würden durch teure Technologie ersetzt. «Das Stethoskop, das wir alle kennen, braucht es nicht mehr», beklagt er und hält fest, dass junge Ärztinnen und Ärzte zunehmend die Fähigkeit verlieren, durch Abtasten und Abhören Diagnosen zu stellen.

Die finanziellen Folgen dieses Wandels sind enorm. Foglia bringt es drastisch auf den Punkt: «Es kostet 100 Franken, einen Patienten abzutasten und zu untersuchen. Wenn wir aber mit all den technischen Tests beginnen, kostet es 1500 Franken oder mehr.» Indem die Grundlagen der körperlichen Untersuchung zugunsten hochtechnologischer Diagnostik aufgegeben werden, treibt das System die Kosten in die Höhe und schwächt gleichzeitig die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Das Café Med ist eine Gegenbewegung und zeigt, dass die «niedrigtechnologische» menschliche Verbindung nicht nur günstiger, sondern oft auch wertvoller ist.

Eine landesweite Bewegung, die der Medizin ihre Menschlichkeit zurückgibt

Was vor acht Jahren in Zürich begann, hat sich zu einem landesweiten Phänomen entwickelt. Die Akademie «Menschenmedizin» hat sich an mehr als zehn wichtigen Standorten etabliert, darunter Basel, Bern, St. Gallen und nun auch im italienischsprachigen Lugano. Diese Ausbreitung zeigt, dass in der ganzen Schweiz ein grosses Bedürfnis nach einem menschlicheren Umgang mit Gesundheit besteht.

Die Vorteile kommen beiden Seiten zugute. Für die pensionierten Ärztinnen und Ärzte ist dies eine Möglichkeit, aktiv und engagiert zu bleiben und Wissen mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Fachrichtungen zu teilen. In einer isolierten Privatpraxis war das nur selten möglich. Während das Schweizer Gesundheitssystem mit steigenden Prämien und einer zunehmenden Entpersonalisierung kämpft, bietet das Café Med einen konkreten, funktionierenden Entwurf für die Zukunft: ein System, in dem Erfahrung weitergegeben wird, Kosten keine Rolle spielen und die Menschlichkeit wieder ins Zentrum der Betreuung rückt.