Brienz
Umsiedlungsplan für das von einem Bergsturz bedrohte Dorf Brienz rechtlich angefochten
Der Entschädigungsplan über 82,5 Millionen Franken für die Bewohnerinnen und Bewohner des von einem Bergsturz bedrohten Dorfes Brienz ist mit zehn Beschwerden angefochten worden. Die Beschwerdeführenden stellen die Pauschalformel zur Berechnung der Entschädigung infrage und verzögern damit den Umsiedlungsprozess.

Ein gewaltiges Rettungspaket von 82,5 Millionen Franken, das die Bewohnerinnen und Bewohner von Brienz retten soll, steckt nun in einer juristischen Zwickmühle. Zehn formelle Beschwerden haben den ehrgeizigsten Umsiedlungsplan der jüngeren Schweizer Geschichte ausgebremst, nur wenige Wochen nachdem der Gemeindevorstand von Albula den hohen Kredit am 10. Juli bewilligt hatte. Während der Berg über dem Dorf langsam und bedrohlich weiter abrutscht, muss sich die kantonale Verwaltung nun mit dem rechtlichen Widerstand jener Menschen auseinandersetzen, die sie schützen will. Es geht nicht nur um einen lokalen Streit, sondern um eine Auseinandersetzung mit hohem Einsatz zwischen staatlichem Handeln in einer Notsituation und individuellen Eigentumsrechten. Kanton und Bund, die den grössten Teil der Kosten tragen, stehen nun vor einer erheblichen Verzögerung. Dadurch könnten Familien mit dem nahenden Winter in einer Gefahrenzone festsitzen. Die Dringlichkeit ist spürbar, doch das Rechtsverfahren verlangt eine sorgfältige Prüfung, für die der sich bewegende Untergrund möglicherweise keine Zeit lässt.
Pauschalformel löst lokalen Widerstand aus
Im Zentrum des Widerstands steht eine umstrittene Pauschalformel, die laut den Beschwerdeführenden grundsätzlich ungerecht ist. Mehr als 10 Prozent der betroffenen Haushalte fechten den Verteilschlüssel inzwischen an. Sie machen geltend, dieser werde den erheblichen Unterschieden bei den Immobilienwerten nicht gerecht. Ein historisches Bauernhaus mit jahrhundertealter Geschichte wird nach einem standardisierten Massstab mit modernen Gebäuden verglichen, den Kritikerinnen und Kritiker als «gefährlich vereinfachend» bezeichnen. Wie der SonntagsBlick berichtet, verlangen die Bewohnerinnen und Bewohner eine differenzierte Bewertung, welche die konkrete Lage und den Zustand ihrer Liegenschaften berücksichtigt. Sie argumentieren, dass ein «Einheitsansatz» bei einem Fonds von 82,5 Millionen Franken nicht den tatsächlichen Marktwert gewährleiste, der für einen Neuanfang im teuren Kanton Graubünden nötig sei. Dieser Rechtsstreit macht eine wachsende Spannung im Schweizer Katastrophenmanagement sichtbar: Wie lassen sich Steuergelder gerecht verteilen, wenn die gesamte Geschichte einer Gemeinschaft aus geologischen Gründen aufgegeben werden muss?
Leben am Rand eines bröckelnden Berges
Die geologische Uhr tickt, auch wenn ein neuer Entwässerungsstollen den Vormarsch des Berges vorübergehend verlangsamt hat. Die 90 Einwohnerinnen und Einwohner des Dorfes leben seit Jahren im Schatten der Felsmasse «Insel», und die psychische Belastung nimmt zu. Bislang sind 42 Gesuche um eine Umsiedlung eingereicht worden. Damit hat sich beinahe die Hälfte der Dorfbevölkerung dafür entschieden, dass das Risiko den Ausblick nicht mehr wert ist. Der Entwässerungsstollen, eine technische Meisterleistung der Schweiz, hat die unmittelbare Bergsturzgefahr erfolgreich verringert und einigen die Rückkehr ermöglicht. Für viele ist der Schaden jedoch bereits angerichtet. Das Dorf befindet sich in einem Zustand des «Exils in der Heimat», in dem jedes Beben und jeder starke Regen Erinnerungen an die Evakuierung von 2023 auslöst. Der Umsiedlungsplan sollte die endgültige Ausstiegsstrategie sein, um Menschenleben zu schützen, bevor der Berg das Land verschlingt. Stattdessen haben die rechtlichen Einwände eine neue Art der Instabilität geschaffen: Die Bewohnerinnen und Bewohner sitzen zwischen einem bröckelnden Hang und einem stockenden Gerichtsverfahren fest.
Ein Dorf zwischen Sicherheit und Erbe
Die Schweiz beobachtet nun, wie Brienz zum Prüfstein für künftige klimabedingte und geologische Vertreibungen wird. Während der Permafrost in den Alpen schmilzt und Hänge im ganzen Land zunehmend instabil werden, wird die Lösung dieses Streits um 82,5 Millionen Franken einen wichtigen Präzedenzfall schaffen. Haben die Beschwerden Erfolg, könnten die Kosten für die Umsiedlung stark steigen. Das könnte kleinere Gemeinden in den finanziellen Ruin treiben oder den Bund dazu zwingen, seine Modelle zur Finanzierung von Katastrophenhilfe zu überdenken. Bleibt die Pauschale hingegen bestehen, könnten sich die Vertriebenen vom Staat im Stich gelassen fühlen. Der Gemeindepräsident von Albula hat bestätigt, dass die Beschwerden von der kantonalen Verwaltung geprüft werden. Ein Zeitplan für einen Entscheid steht jedoch noch nicht fest. Sicher ist, dass das Dorf Brienz, wie es seit Jahrhunderten bekannt war, verschwindet. Ob dies mit einer koordinierten Umsiedlung oder in einem zersplitterten Rechtsstreit endet, wird bestimmen, wie die Schweiz in den kommenden Jahrzehnten mit dem unausweichlichen Rückzug aus den Hochalpen umgeht.