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Swiss Observer

Prozess unter strengen Sicherheitsvorkehrungen wegen Schiesserei zwischen rivalisierenden Motorradgangs in Genf

In Genf hat der Prozess wegen einer Schiesserei und Schlägerei zwischen den Bandidos und den Hells Angels im Jahr 2022 begonnen. Vier Angeklagte müssen sich unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen unter anderem wegen versuchten Mordes verantworten.

Prozess unter strengen Sicherheitsvorkehrungen wegen Schiesserei zwischen rivalisierenden Motorradgangs in Genf
AISWI swissinfo.ch

Genf hat sich in eine Festung verwandelt. Am Montag prägte ein beispielloses Aufgebot an Sicherheitskräften die sonst ruhigen Strassen rund um das Gerichtsgebäude, als der Prozess wegen der gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen den Bandidos und den Hells Angels offiziell begann. Die Behörden gehen kein Risiko ein. Nach den chaotischen Szenen bei einem ähnlichen Prozess in Bern im Jahr 2022 haben die Genfer Behörden ein Sicherheitsprotokoll umgesetzt, das kaum zu durchdringen ist.

Vier Angeklagte im Alter von Anfang dreissig bis zu einem abgebrühten 64-jährigen Veteranen wurden unter starker Bewachung in den Gerichtssaal geführt. Im Saal liegt eine spürbare Spannung in der Luft. Es handelt sich nicht bloss um ein Gerichtsverfahren, sondern um eine Konfrontation zwischen der Schweizer Justiz und organisierter Ganggewalt, die es gewagt hat, auf die Strassen überzugreifen. Die Botschaft der starken Polizeipräsenz ist unmissverständlich: Der Staat behält die Kontrolle, und die Gesetzlosigkeit der Fehden unter Motorradgangs endet vor den Stufen des Gerichtsgebäudes.

Schüsse auf dem Boulevard

Der Mai 2022 beendete die Ruhe in der rue de l’Ecole-de-Médecine. Was als Streit um ein Gebiet begann, eskalierte in einem lokalen Café zu einer chaotischen Schlägerei und Schiesserei, bei der ahnungslose Passantinnen und Passanten gefährdet wurden. Die Anklage wirft zwei der heute vor Gericht stehenden Angeklagten vor, die Hauptaggressoren gewesen zu sein und bei einer rücksichtslosen Machtdemonstration Schüsse abgegeben zu haben.

Es war keine Schlägerei in einer dunklen Gasse, sondern ein offener Kampf an einem öffentlichen Ort. Die Anklageschrift wirft den beiden Protagonisten versuchten Mord und Gefährdung des Lebens anderer vor. Diese Anklagen wiegen angesichts ihrer an diesem Tag gezeigten rücksichtslosen Missachtung der öffentlichen Sicherheit schwer. Den beiden anderen Angeklagten, die nicht geschossen haben sollen, wird vorgeworfen, sich aktiv an der brutalen Schlägerei beteiligt zu haben, die den Boden für die Schiesserei bereitete. Die Dreistigkeit der Gewalt an einem so zentralen und belebten Ort schockiert die Genfer Bevölkerung weiterhin und bestärkt die Staatsanwaltschaft in ihrem harten Vorgehen.

Die Angeklagten: ein Erbe der Gewalt

Die Staatsanwaltschaft fordert Freiheitsstrafen von mehr als zehn Jahren und signalisiert damit ein entschlossenes Vorgehen gegen die Aktivitäten der Gang. Das Profil der Beschuldigten zeugt von einer tief verwurzelten Verbundenheit mit diesem gewalttätigen Lebensstil. Einer der vier Männer vor Gericht steht ein noch düstereres Verfahren bevor: Er ist gleichzeitig wegen Mordes im Zusammenhang mit einer tödlichen Messerstecherei im Jahr 2019 in Annemasse, gleich hinter der Grenze, angeklagt.

Diese grenzüberschreitende Verbindung unterstreicht den internationalen Charakter der Bedrohung. Die Angeklagten im Alter von 53 und 64 Jahren sowie zwei in den Dreissigern stehen für eine generationenübergreifende Gangtreue, die die Schweizer Gerichte zu brechen entschlossen sind. Die zusätzliche Anklage wegen eines drogenbezogenen Mordes in Annemasse verleiht dem Verfahren eine düstere Komplexität und zeichnet das Bild eines kriminellen Unternehmens, in dem Gewalt zum üblichen Geschäftsgebaren gehört. Das Gericht muss nun entscheiden, ob diese Männer das nächste Jahrzehnt hinter Gittern verbringen und damit eine wichtige Zelle in der lokalen Hierarchie der Motorradgangs zerschlagen werden soll.

Revierkämpfe: die Krise der Motorradgangs in der Schweiz

Dieser Prozess ist das jüngste Schlachtfeld in einem schwelenden Konflikt zwischen den Hells Angels und den Bandidos, der die Schweiz seit Jahren plagt. Kurz zuvor hatte das Berner Obergericht die Schuldsprüche gegen sechs Motorradfahrer bestätigt, die an einer gewaltsamen Auseinandersetzung im Jahr 2019 in Belp beteiligt waren. Die Gewalt ist systematisch, zyklisch und nimmt zu.

Während der Berner Prozess von Sicherheitsproblemen überschattet war, hat Genf aus diesen Fehlern gelernt. Die heute verschärften Sicherheitsvorkehrungen sind eine direkte Reaktion auf die Versäumnisse der Vergangenheit. So sollen Einschüchterungsversuche, zu denen diese Gruppen häufig greifen, hier ins Leere laufen. Im weiteren Verlauf dient der Prozess als Prüfstein für die Schweizer Justiz. Kann der Staat die gewaltsame Ausbreitung dieser internationalen Gangs wirksam eindämmen? Nachdem die Urteile in Bern bereits bestätigt wurden und Genf nun im Mittelpunkt steht, startet die Schweizer Justiz eine koordinierte, landesweite Offensive, um den Motorradgangs die Strassen wieder zu entreissen.