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Swiss Observer

Zoo Basel hält nach Nashorn-Vorfall an Sicherheitskonzept fest

Der Zoo Basel bekräftigt nach einem Vorfall im Februar, bei dem ein Besucher in das Nashorngehege eingedrungen war, die geltenden Sicherheitsmassnahmen. Der Vorfall löste eine öffentliche Debatte über die Sicherheit aus.

Zoo Basel hält nach Nashorn-Vorfall an Sicherheitskonzept fest
AISWI swissinfo.ch

Der Zoo Basel lässt sich nicht verunsichern. Trotz eines schockierenden Sicherheitsvorfalls im vergangenen Monat, der in der Schweizer Öffentlichkeit hohe Wellen schlug, bleibt die Institution bei ihrer Haltung: Eine Rückkehr zu den Käfigen von früher wird es nicht geben. Direktor Olivier Pagan betont mit Nachdruck: «Der Zoo Basel ist eine sichere Einrichtung.» Damit weist er Forderungen nach überstürzten Massnahmen zurück. Die Verwaltung hält an einer Philosophie fest, die den offenen, unmittelbaren Blick auf die Tierwelt höher gewichtet als eine festungsartige Sicherung, die nötig wäre, um jeden entschlossenen Eindringling aufzuhalten.

Diese Entscheidung ist in einer Zeit, die oft von Risikoaversion geprägt ist, ein klares Bekenntnis. Der Zoo lehnt ausdrücklich die Vorstellung ab, die Allgemeinheit für die Tat einer einzelnen Person zu bestrafen. Indem der Zoo Basel am Status quo festhält, setzt er noch stärker auf seine Strategie des «Mittelwegs»: die notwendige Sicherheit mit der Würde einer Umgebung ohne Käfige in Einklang zu bringen. Die Botschaft ist klar: Für die vernünftige Mehrheit reichen die Barrieren aus, und der Zoo wird seine Vision nicht wegen eines Ausnahmefalls aufgeben.

Knapp am Tod vorbei: Der Vorfall im Februar

Am 17. Februar geschah das Unvorstellbare. Ein Besucher, der offenbar psychisch beeinträchtigt war, überwand die Absperrungen und drang in den Bereich der mächtigsten Bewohner des Zoos ein. Einige schier endlose Minuten lang befand sich der Mann im Gehege. Berichten zufolge streichelte er einen mächtigen Nashornbullen, bevor er in den Aussenbereich ging, der zwei Nashornkühen vorbehalten ist. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden auf die Probe gestellt, als es einem Tierpfleger gelang, den Eindringling mit Worten dazu zu bewegen, die Gefahrenzone zu verlassen.

Der Vorfall endete zwar ohne Gewalt, doch das Katastrophenpotenzial war enorm. Pagan räumt ein, dass der Eindringling unglaubliches Glück hatte. Wären die beiden jungen Nashörner anwesend gewesen, hätte die Situation augenblicklich eskalieren können. Glücklicherweise reagierten die Tiere nicht aggressiv. Der Vorfall ist jedoch eine beklemmende Erinnerung an die rohe Kraft, die sich hinter diesen Gehegen mit niedrigen Mauern verbirgt. Es war nicht bloss ein Regelverstoss, sondern ein lebensgefährliches Wagnis, das wie durch ein Wunder ohne Blutvergiessen endete.

Die Rechnung mit 99,9 Prozent: Vertrauen in den gesunden Menschenverstand

Das Sicherheitskonzept des Zoos stützt sich auf eine entscheidende Zahl: 99,9 Prozent der Besucherinnen und Besucher verfügen über gesunden Menschenverstand. Pagan argumentiert, dass es physisch unmöglich sei, das Eindringen vollständig zu verhindern, ohne zu den veralteten, gefängnisähnlichen Käfiggehegen zurückzukehren. Eine solche Rückentwicklung lehnt der Zoo entschieden ab. Die Barrieren, die bei der letzten grossen Renovation 2006 erhöht wurden, sollen vor versehentlichen Stürzen schützen, nicht entschlossene Kletterer aufhalten.

Dieser Ansatz ist ein bewusst eingegangenes Risiko, das der modernen Zoologie innewohnt. Der Zoo Basel setzt darauf, dass die überwältigende Mehrheit der Öffentlichkeit den unausgesprochenen Vertrag zwischen Beobachtenden und Beobachteten respektiert. Es braucht zwar beträchtlichen Einsatz, um in das Gehege einzudringen, doch für jene, die ihren Überlebensinstinkt über Bord werfen, ist es weiterhin möglich. Die Verwaltung hält jedoch daran fest, dass sie die gesamte Anlage nicht für jene 0,1 Prozent umgestalten will, denen es an Urteilsvermögen fehlt.

Psychologische Barrieren: Warum die Tiere bleiben

Nicht nur Beton und Glas halten die Tiere zurück, sondern auch die Psychologie. Pagan gibt einen faszinierenden Einblick in die Gedankenwelt der Tiere: Viele Arten könnten zwar körperlich ausbrechen, entscheiden sich aber einfach dagegen. Ein Riesenkänguru etwa könnte den vier Meter breiten Graben, der es von der Öffentlichkeit trennt, mühelos überspringen. Dennoch bleiben die Tiere im Gehege.

Warum? Weil das Gehege ein «sicheres Territorium» darstellt, während der Besucherbereich als chaotische, unsichere Welt der Menschen wahrgenommen wird. Diese psychologische Barriere ist oft stärker als jeder Zaun. Die Tiere haben kein Bedürfnis, ihr vertrautes Refugium zu verlassen. Der Pinguinspaziergang bleibt eine charmante Ausnahme, bei der Tiere und Menschen unter Aufsicht aufeinandertreffen. Ansonsten gilt die Regel der Natur: Wildtiere bevorzugen ihren klar abgegrenzten Lebensraum. Der Zoo macht sich diesen Instinkt zunutze, um den Eindruck von Nähe zu ermöglichen, ohne ständig eine Flucht befürchten zu müssen.

Nachhall einer Tragödie: Die Warnung von 1990

Obwohl der Vorfall im Februar mit einem erleichterten Aufatmen endete, wirft die Geschichte einen langen, düsteren Schatten auf den Zoo Basel. 1990 erwies sich die Grenze zwischen menschlicher Neugier und tierischem Instinkt als tödlich. Eine Frau kam ums Leben, nachdem sie in ein Gehege eingedrungen war, um ein Jungtier zu streicheln. Dadurch löste sie den tödlichen Schutzinstinkt einer Mutter aus. Diese Tragödie ist ein düsteres Zeugnis dafür, was geschieht, wenn der «Mittelweg» scheitert.

Dieser historische Hintergrund lässt das heutige Selbstvertrauen des Zoos umso bemerkenswerter erscheinen. Die Verantwortlichen kennen das schlimmstmögliche Szenario genau. Dennoch betont der Zoo Basel, indem er heute auf höhere Mauern verzichtet, dass der kulturelle und pädagogische Wert offener Gehege das verbleibende Risiko überwiegt. Während die Saison weitergeht, bleibt der Zoo ein Ort des Staunens. Doch der Schatten von 1990 und der Beinaheunfall im Februar mahnen still alle Besucherinnen und Besucher: Die Gefahr ist real, auch wenn die Käfige verschwunden sind.