Schweiz
Asylgesuche in der Schweiz und Europa rückläufig
Die Zahl der Asylgesuche in der EU, Norwegen und der Schweiz ging im ersten Halbjahr 2026 stark zurück. Die Schweiz ist Teil des europaweiten Rückgangs. Afghaninnen und Afghanen bildeten weiterhin die grösste Gruppe der Gesuchstellenden, während Frankreich und Italien Deutschland bei der Gesamtzahl der Gesuche überholten.

Rund 332’000 Gesuche wurden zwischen Januar und Juni 2026 in der Europäischen Union, Norwegen und der Schweiz eingereicht. Das entspricht einem deutlichen Rückgang gegenüber dem Vorjahr. Die Asylagentur der Europäischen Union (EUAA) verzeichnete 67’000 Gesuche weniger als im ersten Halbjahr 2025, ein Minus von fast 17%.
Die Schweiz verzeichnete dieselbe Entwicklung. Gemäss den vorliegenden Zahlen der EUAA gehört das Land zu einem breiteren europaweiten Rückgang, auch wenn die Zusammenfassung der Agentur keine separate Gesamtzahl für die Schweiz nennt. Für die Schweizer Behörden wirkt sich dieser Trend auf die Planung der Unterbringung, die Registrierungskapazitäten und die Verteilung der Schutzsuchenden auf die Kantone aus.
Die Zahlen beziehen sich auf Gesuche und nicht auf endgültige Schutzentscheide. Sie geben auch nicht an, wie viele Menschen derzeit in Empfangszentren leben oder wie einzelne Gesuche ausgehen. Jedes Gesuch muss weiterhin im Rahmen der nationalen und europäischen Asylverfahren geprüft werden.
Die neuesten Daten verändern dennoch den unmittelbaren Umfang der Debatte. In den ersten sechs Monaten des Jahres wurden in Europa weniger neue Fälle registriert, während sich die in den Zahlen erfassten Herkunftsländer und Nationalitäten deutlich verschoben.
Frankreich und Italien liegen vorne
Frankreich und Italien überholten Deutschland bei der Zahl der neuen Asylgesuche im ersten Halbjahr 2026. Frankreich verzeichnete gemäss EUAA rund 69’000 Gesuche, Italien rund 66’000, Spanien 54’732 und Deutschland 54’454.
Deutschland lag in früheren Zeiträumen wiederholt an erster Stelle. Die neue Reihenfolge gehört deshalb zu den auffälligsten Merkmalen der neuesten Zahlen. Der Abstand zwischen Spanien und Deutschland war gering: Spanien erhielt lediglich 278 Gesuche mehr. Die Zahlen deuten auf eine gleichmässigere Verteilung unter den grössten Aufnahmeländern Europas hin. Sie erklären jedoch nicht, weshalb sich die Werte in den einzelnen Ländern verändert haben.
Für die Schweiz bleiben die geografische Lage und die europäische Zusammenarbeit wichtig. Bewegungen durch Nachbarländer können die Ankunftsmuster beeinflussen, während Entscheide der Regierungen entlang der wichtigsten Migrationsrouten mitbestimmen können, wo Menschen Gesuche einreichen. Die Schweiz beteiligt sich am breiteren europäischen Asylrahmen, verfügt aber weiterhin über eigene Verfahren und ein eigenes Aufnahmesystem.
Die Rangfolge der Länder ist daher als Momentaufnahme der Gesuche zu verstehen, nicht als vollständiges Mass für den Migrationsdruck, die Arbeitsbelastung bei der Bearbeitung oder die Zahl der Menschen, die Grenzen überqueren.
Die Herkunft der Gesuchstellenden verändert sich
Afghaninnen und Afghanen bildeten weiterhin die grösste Gruppe der Gesuchstellenden. Im ersten Halbjahr 2026 wurden rund 39’000 Gesuche registriert. Venezolanerinnen und Venezolaner lagen mit rund 33’000 an zweiter Stelle. Auf Menschen aus Bangladesch entfielen rund 22’000 Gesuche; sie bildeten weiterhin die drittgrösste Gruppe.
Die Angaben zu den Nationalitäten helfen zu erklären, weshalb sich der Gesamtrückgang nicht auf ein einzelnes Ereignis oder eine einzelne Route zurückführen lässt. Die EUAA brachte den Rückgang mit Veränderungen in der Zusammensetzung der Asylsuchenden in Verbindung und verwies auf politische Entwicklungen in Syrien als einen Faktor, der die Zahl der Gesuche aus diesem Land beeinflusst.
Die Agentur hob zudem einen ungewöhnlichen Anstieg der Gesuche von Afghaninnen und Afghanen Ende 2025 hervor. Ein Teil dieses Anstiegs ging auf wiederholte Gesuche von afghanischen Frauen zurück, die bereits in der EU lebten. Dieser Umstand ist beim Vergleich verschiedener Berichtszeiträume wichtig, denn eine Zunahme wiederholter Gesuche kann die Gesamtzahl erhöhen, ohne dass sich die Zahl der Neuankünfte im gleichen Mass verändert.
Die Schweiz wird diese Veränderungen genau verfolgen. Eine andere Zusammensetzung der Gesuchstellenden kann sich auf Sprachunterstützung, Unterbringung, Rechtsberatung und die Bearbeitungsdauer der Fälle auswirken. Eine tiefere Gesamtzahl lässt diese operativen Anforderungen nicht wegfallen. Sie verändert deren Umfang und Zusammensetzung.
Die Schweiz beobachtet die weitere Entwicklung
Die europäische Zusammenarbeit wird als Erklärung zunehmend wichtiger. Die EUAA erklärte, dass eine verstärkte Zusammenarbeit mit Herkunfts- und Transitländern zum Rückgang der Gesuchszahlen beigetragen habe. Auch die politischen Entwicklungen in Syrien hätten die Zahl der Menschen aus diesem Land beeinflusst, die in der EU Schutz suchen.
Diese Faktoren wirken sich ausserhalb der Schweizer Grenzen aus, können das Schweizer Asylsystem aber über veränderte Routen und Ankunftsprofile beeinflussen. Die Schweizer Empfangszentren müssen auf die ankommenden Menschen reagieren, unabhängig davon, ob die Gesamtzahl in Europa steigt oder sinkt. Auch die kantonalen Dienste müssen Unterbringung, Schulbildung, Gesundheitsversorgung und Dolmetschdienste anhand des lokalen Bedarfs planen und nicht aufgrund einer einzelnen europaweiten Schlagzeile.
Die Zahlen für das erste Halbjahr zeigen eine wichtige Entwicklung, sind aber keine Prognose für das Gesamtjahr. Die Zahl der Gesuche kann sich aufgrund von Konflikten, Grenzkontrollen, diplomatischen Vereinbarungen und den Bedingungen in den Herkunftsländern verändern. Die Zahlen aus Afghanistan zeigen zudem, wie wiederholte Gesuche Vergleiche zwischen Zeiträumen beeinflussen können.
Für die Schweiz besteht die nächste Aufgabe darin, zu beobachten, ob der Rückgang im zweiten Halbjahr 2026 anhält und ob sich die Zusammensetzung nach Nationalitäten erneut verändert. Die Daten der EUAA liefern den regionalen Kontext. Die nationalen und kantonalen Zahlen der Schweiz bestimmen die praktischen Auswirkungen im Inland.