Technologie
KI-Nutzung nimmt in der Schweiz stark zu und vergrössert die digitale Kluft zwischen den Generationen
Eine neue Umfrage des Bundesamts für Statistik zeigt, dass inzwischen die Hälfte der Schweizer Bevölkerung KI nutzt. Die Nutzung konzentriert sich jedoch stark auf die jüngere Generation: Vier von fünf Personen im Alter von 15 bis 24 Jahren verwenden die Technologie. Diese rasche Verbreitung macht die digitale Kluft sichtbar und könnte sie noch vergrössern.

Die Schweiz hat einen entscheidenden digitalen Wendepunkt erreicht. In nur drei Jahren seit der öffentlichen Lancierung von ChatGPT hat sich künstliche Intelligenz von einer Neuheit zu einer täglichen Notwendigkeit für die Hälfte der Schweizer Bevölkerung entwickelt. Das Bundesamt für Statistik (BFS) bestätigt, dass inzwischen 50 % der Bevölkerung aktiv KI-Tools nutzen. Diese rasche Verbreitung unterstreicht den weitreichenden Einfluss der Technologie auf das moderne Leben in der Schweiz.
Dabei geht es nicht bloss um passiven Konsum: Die Daten zeigen eine kreative Revolution. Zwei von fünf Nutzenden setzen diese leistungsstarken Systeme ein, um Texte und Bilder zu erstellen, und verändern damit grundlegend, wie Inhalte in der Schweiz produziert werden. Mit globalen Schwergewichten wie OpenAI, das weltweit 123 Millionen täglich aktive Nutzende meldet, ist die Schweiz fest Teil dieses weltweiten Phänomens. Das explosive Wachstum ist jedoch nicht gleichmässig verteilt. Während die Technologie den Alltag durchdringt, sehen 33 % der Bevölkerung weiterhin «keinen Nutzen» darin. Dadurch entsteht ein Spannungsfeld zwischen digitaler Avantgarde und Skeptikerinnen und Skeptikern.
Junge Menschen treiben eine drastische Kluft zwischen den Generationen voran
Die Statistiken zeichnen ein deutliches Bild einer wachsenden Kluft: Die Schweiz spaltet sich entlang der Generationenlinien. Während die jungen Menschen in die Zukunft sprinten, bleibt die ältere Generation im digitalen Staub zurück. Ganze 79 % der 15- bis 24-Jährigen nutzen KI-Tools intensiv und integrieren sie nahtlos in ihren Alltag. Im starken Gegensatz dazu sinkt die Nutzung bei den 55- bis 64-Jährigen auf gerade einmal 28 %. Das ist nicht nur eine Lücke, sondern ein digitaler Graben.
Das BFS warnt, dass KI «bestehende Ungleichheiten verschärft» und Alter sowie Bildung zu Türhütern der künftigen Wirtschaft macht. Während sich die Geschlechterkluft bei den unter 30-Jährigen aufgelöst hat, wo Männer und Frauen die Technologie gleich häufig nutzen, bleibt sie in älteren Altersgruppen hartnäckig bestehen: Dort nutzen Männer KI weiterhin häufiger. Da digitale Kompetenz zur Voraussetzung für die Teilhabe an der modernen Gesellschaft wird, droht diese Ungleichheit einen erheblichen Teil der Schweizer Stimmberechtigten und Erwerbsbevölkerung auszugrenzen.
Bildungssektor ist der Schweizer Wirtschaft voraus
Die eigentliche KI-Revolution findet nicht im Sitzungssaal statt, sondern im Klassenzimmer. Bildungseinrichtungen haben sich als unbestrittene Spitzenreiter bei der Nutzung etabliert: In Schulen und Hochschulen liegt die Nutzungsrate bei beachtlichen 75 %. Studierende und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nutzen grosse Sprachmodelle (LLMs), um Forschung und Lernen in einem Tempo voranzutreiben, das den Unternehmenssektor weit hinter sich lässt.
Überraschenderweise liegt die berufliche Nutzung mit 31 % deutlich zurück, während die private Nutzung 38 % beträgt. Diese Umkehrung deutet darauf hin, dass zwar die künftigen Arbeitskräfte mit modernsten Tools ausgebildet werden, die Schweizer Unternehmen diese Effizienzgewinne aber womöglich nur langsam erschliessen. Die Daten des BFS zeigen, dass ein höherer Bildungsstand direkt mit einer stärkeren Nutzung einhergeht. So entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf, in dem Gebildete stärker von KI profitieren. Wenn diese KI-erfahrenen Absolventinnen und Absolventen in die Arbeitswelt eintreten, werden sie Schweizer Unternehmen, die derzeit zu langsam vorankommen, wahrscheinlich zu einem tiefgreifenden und möglicherweise schmerzhaften digitalen Wandel zwingen.
Die toxische Kehrseite: Betrug und Desinformation nehmen zu
Mit der raschen Verbreitung gehen beispiellose Risiken einher. Der KI-Boom hat eine Flut digitaler Feindseligkeit und Betrugsversuche über die Schweizer Bevölkerung gebracht. Das BFS meldet einen alarmierenden Anstieg problematischer Inhalte: Über 60 % der Bevölkerung werden inzwischen mit betrügerischen Nachrichten bombardiert, darunter ausgeklügelte Phishing-Angriffe, die oft durch KI-generierte Inhalte verstärkt werden.
Die digitale Landschaft ist zu einem Minenfeld geworden. Fast gleich viele Menschen berichten, auf «falsche oder zweifelhafte» Inhalte zu stossen. 42 % der Befragten waren online direkter Feindseligkeit oder abwertenden Nachrichten ausgesetzt. Das BFS bringt diesen Trend ausdrücklich mit der «zunehmenden Verbreitung problematischer Online-Inhalte» in Verbindung und warnt vor den steigenden Gefahren der Internetnutzung. Da grosse Sprachmodelle weiterhin Fakten halluzinieren und ihre Antworten auf Wahrscheinlichkeiten statt auf Wahrheit stützen, liegt es an den Nutzenden, jede Interaktion kritisch zu prüfen. Die Schweiz muss sich nun mit einer doppelten Realität auseinandersetzen: dem enormen Nutzen von KI und der dringenden Notwendigkeit, sich digital selbst zu schützen.