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Swiss Observer

2000 Jahre alte römische Brücke im Kanton Bern entdeckt

Archäologischer Fund legt gut erhaltene Eichenstrukturen und Gegenstände aus dem römischen Alltag frei

2000 Jahre alte römische Brücke im Kanton Bern entdeckt
AISWI swissinfo.ch

In Aegerten sind 300 Eichenpfähle aus dem Grundwasser aufgetaucht. Damit werden die modernen Annahmen über das Ausmass der römischen Infrastruktur im Kanton Bern infrage gestellt. Es handelt sich nicht bloss um einige verstreute Überreste, sondern um eine riesige, zusammenhängende Struktur, die zwei Jahrtausende lang unter Schweizer Erde überdauert hat. Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter, die eigentlich für die Zukunft bauen wollten, stiessen stattdessen auf ein monumentales Stück Vergangenheit.

Der Archäologische Dienst des Kantons Bern bestätigt, dass der sauerstoffarme, feuchte Boden wie eine perfekte Zeitkapsel wirkte und das Holz aussergewöhnlich gut erhalten hat. Während bei gewöhnlichen Ausgrabungen oft zerbrochene Keramik oder verrostetes Metall zum Vorschein kommen, ist die Menge des hier gefundenen Bauholzes für die Region beispiellos. Die Entdeckung zwingt dazu, die damals in der Gegend eingesetzten Ingenieursleistungen neu zu bewerten. Sie zeigt, dass die römische Präsenz im Kanton Bern viel ausgeprägter und dauerhafter war als bisher angenommen.

Das Flussbett gibt Einblicke in den Alltag frei

Unter dem gewaltigen Bauwerk verbirgt sich ein Schatz an verschütteter Geschichte. Das Flussbett hat eine faszinierende Auswahl persönlicher Gegenstände freigegeben, die ein lebendiges Bild des römischen Alltags zeichnen. Im Schlamm und Schlick haben Archäologinnen und Archäologen alles Mögliche geborgen, von Schuhnägeln und Schlüsseln bis zu einem Fischspeer. Diese Gegenstände wurden vor Jahrhunderten entweder versehentlich fallen gelassen oder von Reisenden rituell ins Wasser geworfen.

Das Prunkstück der Sammlung ist jedoch ein bemerkenswert gut erhaltener grosser Hobel aus Holz und Eisen. Werkzeuge dieser Art überstehen die Auswirkungen der Zeit nur selten. Deshalb ist dieser Fund für das Verständnis des römischen Handwerks von grosser Bedeutung. Die Artefakte machen den Fundort zu mehr als einer blossen Brücke: Sie erzählen von menschlicher Bewegung, Arbeit und Handel. Laut den kantonalen Behörden bieten diese besonderen Gegenstände einen seltenen, unverfälschten Einblick in den Alltag der Menschen, die an den Grenzen des Reiches lebten und arbeiteten.

Vier Jahrhunderte Ingenieurskunst

Die Widerstandsfähigkeit dieses Bauwerks zeugt von einer herausragenden Ingenieursleistung. Eine dendrochronologische Untersuchung zeigt, dass die Baugeschichte einen beeindruckenden Zeitraum von 400 Jahren umfasst. Die ältesten Pfähle stammen ungefähr aus dem Jahr 40 v. Chr., einer Zeit unmittelbar nach der römischen Eroberung des keltischen Helvetiens. Diese Brücke war kein provisorischer Übergang, sondern eine dauerhaft genutzte und instand gehaltene Lebensader.

Die Daten zeigen, dass die Brücke mehrfach repariert und erneuert wurde. Die jüngsten Ergänzungen stammen aus dem Jahr 369 n. Chr. Das belegt ein anhaltendes Engagement für die Infrastruktur, das mit modernen öffentlichen Bauprojekten vergleichbar ist. Vier Jahrhunderte lang wurde dieser Übergang über die Zihl trotz politischer Umbrüche und wechselnder Reiche in Betrieb gehalten. Die Entdeckung zeigt, dass die Römer die Landschaft nicht nur eroberten, sondern sie auch nutzbar machten und über Generationen hinweg wichtige logistische Netzwerke auf dem Schweizer Mittelland unterhielten.

Strategische Verkehrsader des Reiches

Diese Brücke war die Hauptschlagader des Verkehrsnetzes der Region. Sie lag vor den Toren der römischen Stadt Petinesca, nahe dem heutigen Studen, und war ein wichtiger Engpass für den Handel und die Truppenbewegungen. Der Übergang war ein wesentlicher Bestandteil der römischen Jura-Transversale, eines wichtigen Fernstrassennetzes, das die bedeutenden Siedlungen des Reiches über das schwierige Gelände miteinander verband.

Petinesca war kein abgelegener Aussenposten, sondern ein lebendiger Knotenpunkt, an dem Wasserwege und Landstrassen zusammentrafen. Der Standort einer so grossen Brücke unterstreicht die strategische militärische und wirtschaftliche Bedeutung des Übergangs über die Zihl. Während die Schweiz ihr römisches Erbe weiter freilegt, zeugt dieser Fund in Aegerten von der entscheidenden Rolle der Region bei der Verbindung der antiken Welt. Er erinnert daran, dass unter unseren modernen Pendlerstrecken die Fundamente einer Zivilisation liegen, die genau jene Routen festlegte, denen wir heute folgen.