Politik
Hohe Spannungen vor Abstimmung über die «10-Millionen»-Obergrenze
Während Umfragen ein knappes Rennen um die Initiative «Nein zu 10 Millionen» zeigen, steht die Schweiz vor einer entscheidenden Weichenstellung. Wirtschafts- und Gewerkschaftsführungen haben sich zusammengeschlossen und warnen vor wirtschaftlichem Chaos. Die Befürworter argumentieren dagegen, die Infrastruktur des Landes sei auf weiteres Bevölkerungswachstum nicht vorbereitet.

Die Schweiz steuert auf eine demografische Schwelle zu, die sich nach Ansicht vieler für immer auf das Land auswirken wird. Nachdem die ständige Wohnbevölkerung 2023 offiziell die Marke von 9 Millionen überschritten hat, hat die Initiative «Nein zu 10 Millionen» einen politischen Flächenbrand ausgelöst, der das Verhältnis des Landes zur Welt auf den Kopf zu stellen droht. Dabei geht es nicht nur um Zahlen, sondern um die Seele der Alpenrepublik. Die Befürworter argumentieren, die derzeitige Entwicklung sei nicht nachhaltig, und verweisen auf den enormen Bevölkerungsanstieg von 20 Prozent in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Während die Schweizerische Volkspartei (SVP) die Botschaft von der «überfüllten Schweiz» mit Nachdruck verbreitet, warnt die Regierung davor, dass ein drastischer Einwanderungsstopp das Land isolieren könnte. Die Spannung ist spürbar, während sich die Bürgerinnen und Bürger mit der Tatsache auseinandersetzen, dass ihr kleines, von Land umgebenes Land schneller wächst als fast alle seine europäischen Nachbarn. Jede neue Einwohnerin und jeder neue Einwohner belastet ein ohnehin schon stark beanspruchtes System zusätzlich. Damit wird die bevorstehende Abstimmung zum folgenreichsten Referendum des Jahrzehnts.
Wirtschaftsmotor gegen ökologische Grenzen
In der gesamten Schweizerischen Eidgenossenschaft sind sage und schreibe 120'000 Stellen unbesetzt. Dadurch entsteht eine prekäre Lücke, die laut den Wirtschaftsführungen nur durch Zuwanderung geschlossen werden kann. In einem beispiellosen Zeichen der Einigkeit haben sich der Schweizerische Arbeitgeberverband und grosse Gewerkschaften zu einer «grossen Koalition» zusammengeschlossen, um die Obergrenze zu verhindern. Sie argumentieren, eine harte Grenze von 10 Millionen Menschen würde wie eine Guillotine auf die Schweizer Wirtschaft wirken und Branchen von der Hightech-Pharmaindustrie in Basel bis zum Gastgewerbe in den Bündner Alpen enthaupten. Umweltschützer und konservative Gruppierungen halten dem jedoch entgegen, dass dieses wirtschaftliche «Wunder» einen verheerenden ökologischen Preis habe. Sie verweisen auf die zunehmende «Betonierung» des Mittellands, wo grüne Wiesen in alarmierendem Tempo unter neuen Wohnblöcken verschwinden. Der Gegensatz ist offensichtlich: Während das BIP steigt, nimmt die verfügbare Naturfläche pro Einwohnerin und Einwohner weiter stark ab. Dieser Konflikt der Prioritäten stellt die unmittelbaren Bedürfnisse des Arbeitsmarkts dem langfristigen Erhalt der Schweizer Landschaft gegenüber. Die Stimmberechtigten müssen entscheiden, welche Form von Wohlstand ihnen wichtiger ist.
Infrastruktur unter Druck: die Kosten des Wachstums
Fast alle Bereiche des öffentlichen Lebens in der Schweiz spüren den Druck einer Bevölkerung, die in nur 15 Jahren um mehr als eine Million Menschen gewachsen ist. Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), einst der Goldstandard der Pünktlichkeit, kämpfen heute mit einer beispiellosen Überlastung. Gleichzeitig sind die Mieten in Zürich und Genf so stark gestiegen, dass sie für die Mittelschicht kaum noch erschwinglich sind. Die Befürworter der Obergrenze machen geltend, das Bildungssystem stehe am Limit: Schulen müssten vorübergehend Container als Klassenzimmer nutzen, um die vielen neuen Schülerinnen und Schüler unterzubringen. «Wir bauen für eine Zukunft, die unser Land nicht tragen kann», behaupten die Befürworter. Sie weisen darauf hin, dass auch das Stromnetz vor einem kritischen Defizit stehe, weil die Nachfrage schneller wachse als der Ausbau der erneuerbaren Energien. Die Gegner argumentieren dagegen, die Lösung bestehe nicht darin, das Wachstum zu stoppen, sondern mehr in die Infrastruktur zu investieren. Sie warnen, die Obergrenze von 10 Millionen werde eine «Guillotine-Klausel» in den bilateralen Abkommen mit der EU auslösen. Damit könnte die Schweiz den Zugang zum Binnenmarkt verlieren und in eine selbstverschuldete Rezession stürzen.
Der Entscheid: Eine Nation am Scheideweg
Bei der bevorstehenden Abstimmung geht es um mehr als eine politische Entscheidung. Sie ist ein prägender Moment für die Schweizer Identität im 21. Jahrhundert. Je näher der Abstimmungstermin rückt, desto kleiner wird der Abstand zwischen dem Ja- und dem Nein-Lager. Er ist inzwischen hauchdünn und deutet auf ein tief gespaltenes Land hin. Wird die Initiative angenommen, muss der Bundesrat drastische Massnahmen ergreifen, sobald die Bevölkerung 9,5 Millionen erreicht. Dazu könnte auch die Kündigung internationaler Verträge gehören. Diese «nukleare Option» hat in der diplomatischen Gemeinschaft in Bern für Schockwellen gesorgt. Unabhängig vom Ausgang hat die Debatte bereits eine grundlegende Neubewertung des Schweizer Modells erzwungen. Kann ein Land seine hohe Lebensqualität bewahren und zugleich eine offene, globalisierte Wirtschaft bleiben? Die Welt verfolgt, ob sich die Schweiz für eine Mauer aus Vorschriften entscheidet oder ihre Grenzen weiter öffnet. Die Folgen werden weit über den Rhein hinaus spürbar sein. Die Abstimmung wird zum Gradmesser dafür, wie moderne Demokratien mit dem komplexen Zusammenspiel von Souveränität, Wachstum und Nachhaltigkeit umgehen. Die Uhr tickt in Richtung 10 Millionen, und die Entscheidung liegt beim Volk.