Politik
Schweizer Gewerkschaften stellen Bedingungen des EU-Abkommens infrage
Grosse Schweizer Gewerkschaften äussern Bedenken zum Lohnschutz und zu den Arbeitsbedingungen im neuen Rahmenabkommen zwischen der Schweiz und der EU. Sie fordern mehr Transparenz und Schutzvorkehrungen.

Die mächtigsten Arbeitnehmerorganisationen der Schweiz laufen Sturm und bremsen die Feierlichkeiten der Regierung zum neuen EU-Abkommen. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) und Travail Suisse üben harsche Kritik am Bundesrat und werfen ihm vor, die Öffentlichkeit im Dunkeln zu lassen. Trotz des grossen Aufsehens um die im Dezember verkündete Einigung in Brüssel bleiben die konkreten Einzelheiten gefährlich unklar.
Travail-Suisse-Präsident Adrian Wüthrich fand in seiner Stellungnahme gegenüber der NZZ am Sonntag deutliche Worte. Er forderte die Regierung auf, rasch Klarheit zu schaffen und den vollständigen Text sofort zu veröffentlichen. Die Gewerkschaften argumentieren, dass sich die tatsächlichen Auswirkungen auf die Schweizer Arbeitnehmenden angesichts des derzeitigen «Mangels an Einzelheiten» nicht beurteilen liessen. Dabei geht es nicht bloss um ein Informationsbegehren, sondern um eine Infragestellung der Legitimität des gesamten Prozesses. Ohne vollständige Transparenz signalisieren die Gewerkschaften, dass sie nicht einfach mitziehen werden. Damit drohen sie, die politische Dynamik auszubremsen, bevor die Tinte überhaupt trocken ist.
Den Goldstandard schützen: Der Kampf um die Löhne
Im Zentrum der brisanten Auseinandersetzung steht der Schutz der hohen Schweizer Löhne, dem Goldstandard der heimischen Wirtschaft. Die Gewerkschaften mobilisieren für eine entscheidende Konfrontation: Für den 31. Januar sind Krisengipfel geplant, an denen sie ihre Mitglieder mobilisieren wollen. Die Sorge ist gross: Ohne wirksame Schutzvorkehrungen könnte das neue Rahmenabkommen die Schleusen für Lohndumping aus den EU-Nachbarländern öffnen und so den Schweizer Lebensstandard untergraben.
Daniel Lampart, Chefökonom des SGB, brachte die Tragweite unmissverständlich auf den Punkt: «Wenn nicht klar ist, was im Abkommen steht, kann es keine sinnvollen Gespräche über innenpolitische Massnahmen geben.» Die Gewerkschaften weigern sich, im Dunkeln zu verhandeln. Sie betrachten den möglichen Zustrom günstigerer Arbeitskräfte nicht bloss als wirtschaftliche Variable, sondern als direkte Bedrohung des Gesellschaftsvertrags. Solange die Regierung nicht nachweist, dass die Schweizer Löhne sicher sind, legen die Gewerkschaften den innenpolitischen Prozess faktisch auf Eis. Damit wird der Lohnschutz zum entscheidenden Kampffeld für das gesamte EU-Abkommen.
Kräfte messen: Wirtschaftsvertreter wehren sich
Während die Gewerkschaften Alarm schlagen, beziehen auch die Wirtschaftsvertreter Stellung. In Bern zeichnet sich eine volatile Konfrontation ab. Der Schweizerische Gewerbeverband schliesst sich der Forderung nach mehr Informationen an und zeigt damit, dass die Frustration über die Geheimniskrämerei der Regierung über das gesamte politische Spektrum hinweg verbreitet ist. Damit endet jedoch die Einigkeit. Direktor Urs Furrer hat die seiner Ansicht nach «irrelevanten Forderungen» der Gewerkschaften entschieden zurückgewiesen. Ein drohender Konflikt zwischen Arbeitnehmerrechten und Markliberalismus zeichnet sich ab.
«Unter keinen Umständen sind wir bereit, den liberalen Arbeitsmarkt der Schweiz zu opfern», erklärte Furrer und zog damit eine klare Grenze. Die Wirtschaftsvertreter wollen die Beziehungen zur EU nach einem Jahrzehnt der Unsicherheit unbedingt stabilisieren, sind aber nicht bereit, den Preis des von den Gewerkschaften geforderten stärkeren Protektionismus zu bezahlen. Dadurch gerät der Bundesrat zwischen zwei Fronten: Die Gewerkschaften fordern mehr Regulierung, die Wirtschaftsvertreter weniger. Gleichzeitig versucht er, der Europäischen Union ein Abkommen zu verkaufen, das beide Seiten zufriedenstellt.
Gegen die Zeit: Der Fahrplan gerät in Gefahr
Die Zeit drängt, und die Schweizer Regierung verliert zunehmend die Kontrolle über die Deutungshoheit. Nach fast 10 Jahren zermürbender Verhandlungen ist der fragile Konsens bereits im Zerfall begriffen. Die Kritik am «hohen Tempo» des Fahrplans deutet darauf hin, dass der Bundesrat ein Abkommen möglicherweise rasch ratifizieren will, ohne zuvor die nötige innenpolitische Unterstützung zu sichern. Diese Strategie birgt das Risiko einer verheerenden politischen Gegenreaktion, ähnlich dem Scheitern des Rahmenabkommens von 2021.
Die für den 31. Januar geplanten Gipfeltreffen setzen der Regierung eine Frist, um ihre Position zu klären. Kann der Bundesrat bis dahin nicht die geforderte Transparenz und die nötigen Zusicherungen bieten, droht ihm eine geschlossene Opposition der mächtigsten Arbeitnehmerverbände des Landes. Die Botschaft der Gewerkschaften ist dringlich und unmissverständlich: Die Zeit diplomatischer Unklarheiten ist vorbei. Die Schweiz muss entscheiden, ob sie mit ihrer Arbeitnehmerschaft an Bord vorwärtsgeht oder ob die Regierung das Land an den Rand eines politischen Abgrunds steuert.