Kultur
Schweizer Theaterbranche in der Krise um die Work-Life-Balance
Eine Umfrage zeigt, dass 38 % der Schweizer Theatermitarbeitenden mit ihrer Work-Life-Balance unzufrieden sind. Eine Branchenstudie ergibt zudem, dass es bei über 40 % der Unternehmen an angemessener Schulung und Sensibilisierung für Fragen des Wohlbefindens am Arbeitsplatz fehlt.

Der Glanz der Schweizer Bühnenwelt verdeckt eine düstere Realität: Erschreckende 38 % der Theaterschaffenden sind am Limit. Eine umfassende Umfrage des Schweizerischen Bühnenverbands hat die Illusion zerstört, Kunst rechtfertige Leid, und zeigt, dass fast vier von zehn Mitarbeitenden mit ihrer Work-Life-Balance unzufrieden sind. Das ist nicht bloss ein kleines Aufflackern von Unzufriedenheit, sondern eine Flutwelle, die gegen die Grundfesten der Schweizer Kulturinstitutionen brandet.
Die Daten von 992 Mitarbeitenden aus der Branche schlagen für die Branche dringend Alarm. Der Druck auf die Beschäftigten lässt nicht nach, wenn der Applaus jeden Abend verstummt. Die Umfrageergebnisse zeigen, dass die grosse Mehrheit das Thema als «wichtig bis sehr wichtig» einstuft. Die Angaben zur Unzufriedenheit legen jedoch nahe, dass die Branche diesen grundlegenden Bedürfnissen nicht gerecht wird. Diese Diskrepanz zwischen dem wahrgenommenen Stellenwert des Wohlbefindens und der tatsächlichen Arbeitserfahrung droht, den Talentpool des Schweizer Theaters auszuhöhlen. Wir erleben einen kritischen Moment, in dem die Leidenschaft für die Bühnenkunst heftig mit der Notwendigkeit kollidiert, die eigene Gesundheit zu schützen.
Blindstellen im Management offengelegt
Während die Mitarbeitenden Alarm schlagen, kommt eine gravierende institutionelle Lücke ans Licht: Über 40 % der Theaterunternehmen räumen ein, unvorbereitet zu sein. Laut der Auswertung von 50 teilnehmenden Unternehmen fühlen sich diese im Hinblick auf Fragen des Wohlbefindens am Arbeitsplatz ungenügend sensibilisiert und geschult. Das ist ein vernichtendes Urteil über die aktuellen Prioritäten der Geschäftsleitungen. In einer Zeit, in der psychische Gesundheit höchste Priorität hat, ist eine solche mangelnde Vorbereitung im Kulturbereich inakzeptabel.
Diese Nachlässigkeit ist nicht böswillig, aber gefährlich. Die Umfrage zeigt, dass die Unternehmen den möglichen Nutzen durchaus erkennen: Sie nennen die «Steigerung der Motivation der Mitarbeitenden» als grössten Vorteil der Förderung einer gesunden Work-Life-Balance. Doch Erkenntnis ohne Handlungsmöglichkeiten ist wirkungslos. Die Lücke zwischen dem Wissen um die Bedeutung der Motivation und der fehlenden Schulung, um sie zu fördern, führt zu einem schädlichen Stillstand. Schweizer Theater arbeiten faktisch mit überholten Managementsystemen, die nicht mit den Bedürfnissen der modernen Belegschaft vereinbar sind. Die Branche kämpft mit einem strukturellen Defizit, das sofort und von oben nach unten behoben werden muss, bevor die Zahlen zu Burn-outs weiter steigen.
Ein universeller Kampf hinter den Kulissen
Am alarmierendsten ist vielleicht, dass die Erschöpfung alle gleichermassen betrifft. Die Daten zeigen keine wesentlichen statistischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen, Eltern und Menschen ohne Kinder oder Personen in Führungsfunktionen und Mitarbeitenden. Es handelt sich um ein allgegenwärtiges systemisches Versagen, das niemanden verschont. Ob es sich um eine Regisseurin unter 25 oder einen erfahrenen Beleuchtungstechniker mit Familie handelt: Die Last einer schlechten Work-Life-Balance wiegt für alle gleich schwer.
Diese gleichmässige Verteilung der Unzufriedenheit widerlegt den Mythos, Burn-out betreffe ausschliesslich überlastete jüngere Mitarbeitende oder Eltern, die Kinderbetreuung und Beruf unter einen Hut bringen müssen. Das Problem durchdringt alle Ebenen des Schweizer Theaterbetriebs. Die Umfrage hält ausdrücklich fest, dass auch Personen in Führungsfunktionen nicht immun sind. Das deutet darauf hin, dass die Führungskräfte, von denen erwartet wird, die Unternehmenskultur zu verbessern, selbst unter ihr leiden. Wenn die Belastung über verschiedene Bevölkerungsgruppen hinweg so einheitlich ausfällt, weist das auf einen grundlegenden Fehler in der Art hin, wie Theaterproduktionen in der Schweiz geplant und umgesetzt werden. Die Branche steht einer kollektiven Krise gegenüber, die eine gemeinsame Lösung erfordert, statt gezielter Massnahmen für einzelne Teilgruppen.
Der Weg zur Erholung
Der Schweizerische Bühnenverband hat den Weckruf gehört und setzt sich für Veränderungen ein. Am Donnerstag kündigte der Verband an, sich in den kommenden zwei Jahren in einem umfassenden Projekt der Behebung dieser Ungleichgewichte zu widmen. Das Ziel ist klar und ehrgeizig: «Konkrete Massnahmen entwickeln und umsetzen», die die Arbeitsbedingungen in der Branche grundlegend verändern.
Entscheidend ist, dass diese Initiative keine Einzelaktion sein wird. Das Projekt wird gemeinsam mit dem Dachverband der Theater in der französischsprachigen Schweiz durchgeführt und soll so eine einheitliche nationale Antwort ermöglichen, die den Röstigraben überbrückt. Diese Zusammenarbeit über die Sprachregionen hinweg ist entscheidend, um branchenweite Standards zu schaffen, die Bestand haben. Nun geht es nicht mehr nur um die Diagnose, sondern um die Behandlung. Die kommenden 24 Monate werden zum Prüfstein für den Schweizer Kulturbereich. Werden lediglich Positionspapiere verfasst, oder wird der Rhythmus der Theaterproduktion grundlegend neu gestaltet? Das Ergebnis wird entscheidend dafür sein, ob die Motivation der Beschäftigten und die Qualität der Schweizer Kunst erhalten bleiben.