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Swiss Observer

Lehrerinnen- und Lehrerverband stellt frühen Französischunterricht infrage

Eine landesweite Debatte zeichnet sich ab, nachdem Bildungsvertreterinnen und -vertreter angesichts besorgniserregender Ergebnisse eine Überprüfung des Fremdsprachenlehrplans für jüngere Lernende fordern

Lehrerinnen- und Lehrerverband stellt frühen Französischunterricht infrage
AISWI swissinfo.ch

Der Ruf der Schweiz als Land mit ausgeprägter Sprachkompetenz steht vor einer entscheidenden Bewährungsprobe. Dagmar Rösler, die Präsidentin des Schweizerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, hat erklärt, dass der derzeitige Ansatz für den frühen Französischunterricht nicht funktioniert. Damit schlägt sie eine Verbesserung nicht bloss vor, sondern fordert nach Ergebnissen, die sie unverblümt als «besorgniserregend» bezeichnet, dringend eine grundlegende Überarbeitung des Systems.

Auslöser dieser Erschütterung ist eine ernüchternde Bestandsaufnahme, die tiefe Risse darin offenlegt, wie junge Lernende Fremdsprachen aufnehmen. Rösler betont, dass die Zeit des blossen Beobachtens vorbei sei. «Es braucht Anpassungen», sagte sie dem SonntagsBlick und signalisierte damit, dass der Bildungsstatus quo nicht länger tragbar ist. Der Vorstoss der obersten Lehrerin zwingt die ganze Schweiz, sich mit einem Lehrplan auseinanderzusetzen, der unter der Last seiner eigenen Erwartungen einzuknicken scheint. Während die Debatte aufflammt, ist die Botschaft an die politisch Verantwortlichen glasklar: Der aktuelle Kurs ist nicht akzeptabel, und es braucht sofort einen entschlossenen Dialog, um die sprachliche Zukunft der nächsten Generation zu sichern.

Ein System bleibt hinter den Erwartungen zurück

Die Daten zeichnen ein unmissverständliches Bild unzureichender Leistungen. Eine umfassende Erhebung der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren (EDK) hat gezeigt, dass eine beträchtliche Zahl von Schülerinnen und Schülern die obligatorische Schulzeit beendet, ohne die erforderlichen Ziele in Deutsch und Französisch zu erreichen. Das ist kein geringfügiger Rückgang, sondern eine grundlegende Diskrepanz zwischen den bildungspolitischen Zielen und der Realität im Klassenzimmer. Die Kompetenzniveaus bleiben weit hinter den Erwartungen zurück. Lehrpersonen und Politikerinnen und Politiker müssen sich mit einer harten Wahrheit auseinandersetzen: Die derzeitigen Methoden führen nicht zum gewünschten Ergebnis.

Auch wenn die genauen Prozentzahlen noch ausgewertet werden, fällt das qualitative Urteil vernichtend aus. Schülerinnen und Schüler haben Mühe, gerade jene Sprachen zu beherrschen, die die Schweizerische Eidgenossenschaft verbinden. Rösler betont, die Ergebnisse zeigten direkt, dass das System nicht auf die Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler abgestimmt sei. Werden diese Richtwerte verfehlt, ist das nicht bloss eine akademische Statistik. Es bedeutet, dass der nationale Zusammenhalt und die Bereitschaft für den Arbeitsmarkt geschwächt werden könnten. Der Bildungsbereich steht nun vor einer gewaltigen Herausforderung: die Kluft zwischen den ehrgeizigen Zielen der EDK und der ernüchternden Realität der Schülerleistungen zu überbrücken.

Die Französischstrategie überdenken

Rösler fordert eine grundlegende strategische Neuausrichtung: Französisch und Englisch sollten im Klassenzimmer nicht länger gleich behandelt werden. Das Modell des Frühfranzösisch steht nun ausdrücklich zur Disposition. Die Präsidentin des Lehrerinnen- und Lehrerverbandes argumentiert, die künftige Haltung zum Fremdsprachenunterricht müsse «ernsthaft diskutiert» werden. Damit deutet sie an, dass die für Englisch angewandte Unterrichtsmethode für Französisch möglicherweise nicht wirksam ist. Diese Unterscheidung ist entscheidend. Während Englisch durch Medien und Internet oft Teil der Jugendkultur ist, braucht Französisch möglicherweise einen anderen, vielleicht anspruchsvolleren oder eigenständigeren Unterrichtsansatz, um sich zu verankern.

Dieser Vorschlag stellt das lange geltende Dogma eines harmonisierten Sprachunterrichts infrage. Mit der Anregung, Französisch künftig anders als Englisch zu unterrichten, öffnet Rösler die Tür zu einer potenziell umstrittenen Differenzierung des Lehrplans. Dahinter steht die Annahme, dass eine Methode nach dem Prinzip «one size fits all» gescheitert ist. Lehrpersonen müssen nun zu massgeschneiderten Strategien wechseln, die den besonderen Herausforderungen beim Erlernen einer zweiten Landessprache im Vergleich zu einer globalen Verkehrssprache Rechnung tragen. Es geht nicht mehr darum, ob Änderungen kommen, sondern darum, wie einschneidend sie sein werden.

Die Unterschiede zwischen den Kantonen

Der Weg zu Reformen ist mit politischen Hindernissen gepflastert, vor allem wegen der föderalistischen Zersplitterung der Schweiz. Rösler erwartet einen «intensiven Prozess» und räumt ein, dass die Situation «von Kanton zu Kanton sehr unterschiedlich» sei. In der Schweiz liegt die Bildungshoheit bei den Kantonen. Dadurch entsteht ein Flickenteppich aus Standards und Methoden, der eine landesweite Neuausrichtung erschwert. Was in Zürich funktioniert, könnte in Bern abgelehnt werden, und der Sprachgraben, der Röstigraben, macht die Verhandlungen noch komplexer.

Politikerinnen und Politiker sowie der Schweizerische Lehrerinnen- und Lehrerverband müssen sich nun durch dieses Labyrinth bewegen, um eine gemeinsame Strategie zu entwickeln. Die unterschiedlichen Ergebnisse in den Regionen legen nahe, dass die Modelle mancher Kantone schneller scheitern als andere. Diese Uneinheitlichkeit ist eine grosse Belastung. Während die Debatte aus den Schlagzeilen in die Sitzungszimmer der Kommissionen rückt, steht die EDK unter Druck, eine abgestimmte Lösung zu finden, die die kantonale Autonomie respektiert und zugleich den Rückgang der Sprachkompetenzen aufhält. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Schweiz ihre bildungspolitische Vision vereinheitlichen kann oder ob sich die Sprachlücke entlang der Kantonsgrenzen weiter vergrössert.