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Swiss Observer

Schweizer Studie zeigt eine landesweite Stress-Epidemie

Eine neue Gesundheitsbefragung zeigt: 25 % der Schweizer Bevölkerung leiden häufig unter Stress. Bei jungen Erwachsenen und im Tessin sind die Werte höher.

Schweizer Studie zeigt eine landesweite Stress-Epidemie
AISWI swissinfo.ch

Erstaunliche eine von vier Personen in der Schweiz kämpft inzwischen mit häufigem oder ständigem Stress. Das markiert einen kritischen Wendepunkt für die psychische Gesundheit des Landes. Die jüngste, vom Krankenversicherer Sanitas finanzierte Studie «Health Forecast» nimmt kein Blatt vor den Mund: Die Autorinnen und Autoren bezeichnen die aktuelle Situation ausdrücklich als «Stress-Epidemie». Dabei handelt es sich nicht bloss um ein vorübergehendes Stimmungstief, sondern um einen weit verbreiteten gesellschaftlichen Zustand, der 25 % der Bevölkerung betrifft.

Die Daten zeichnen das beunruhigende Bild eines Landes unter Druck. Die Schweiz wird zwar oft für ihre hohe Lebensqualität gelobt, doch für viele Menschen wird der Alltag zunehmend hektisch. Die Umfrage unter rund 2500 Personen im Alter von 18 bis 74 Jahren zeigt, dass die wahrgenommene Belastung im Vergleich zu vor gerade einmal fünf Jahren deutlich zugenommen hat, insbesondere bei den unter 45-Jährigen. Während das Land voranschreitet, scheint Schweizer Effizienz zunehmend gegen Erschöpfung eingetauscht zu werden. Das verlangt die umgehende Aufmerksamkeit von Politik und Gesundheitsfachleuten.

Jugend in der Krise: Unter 30-Jährige tragen die Hauptlast

Die Belastung durch diese Epidemie ist nicht gleichmässig verteilt: Sie trifft vor allem die Jüngeren. Eine alarmierende Erkenntnis der Studie ist, dass die Stressrate bei den unter 30-Jährigen auf 40 % steigt. Diese Generation steht unter einem beispiellosen psychischen Druck. Während ältere Generationen möglicherweise bereits Stabilität gefunden haben, bewegen sich junge Erwachsene in der Schweiz in einem Umfeld intensiver Belastungen. Fast die Hälfte der Befragten dieser Altersgruppe gibt an, häufig oder fast immer gestresst zu sein.

Der Anstieg der Ängste unter jungen Menschen hängt mit breiteren Zukunftssorgen und Leistungsdruck zusammen. Die Daten legen nahe: Je jünger die befragte Person, desto stärker der Stress. Das ist ein Weckruf für das Bildungs- und Beschäftigungswesen. Wenn zwei von fünf jungen Erwachsenen unter chronischem Stress stehen, sind die langfristigen Folgen für die Schweizer Arbeitskräfte und das Gesundheitssystem erheblich. Das Bild der unbeschwerten Jugend ist durch die harte Realität moderner Erwartungen erschüttert worden.

Die geografische Verteilung der Ängste: Alarmzeichen aus dem Tessin

Die geografische Lage beeinflusst das Wohlbefinden in der Schweiz stärker als bisher angenommen. Die Studie zeigt eine deutliche Kluft zwischen den Sprachregionen, wobei das Tessin zum Epizentrum der Krise wird. Ganze 38 % der Befragten im italienischsprachigen Kanton berichten von häufigem Stress. Dieser Wert liegt deutlich über dem Landesdurchschnitt. Im Gegensatz dazu scheint die Deutschschweiz mit einer Rate von 23 % vergleichsweise gelassener zu sein, während die französischsprachige Region mit 29 % dazwischenliegt.

Zudem zeigt die Studie eine überraschende demografische Wendung: Kinder zu haben, kann möglicherweise vor Stress schützen. Obwohl Elternschaft oft mit Chaos verbunden wird, berichteten nur 19 % der Befragten mit Kindern von häufigem Stress. Bei Personen ohne Kinder steigt dieser Anteil hingegen auf 31 %. Diese Daten stellen die Annahme infrage, dass das Familienleben der Hauptgrund für Erschöpfung ist. Stattdessen könnte das alleinige Streben nach beruflichen oder persönlichen Zielen, das bei Personen ohne Kinder häufig vorkommt, eine grössere psychische Belastung mit sich bringen.

Der innere Feind: Selbstzweifel und körperliche Folgen

Am alarmierendsten an dieser Epidemie ist ihre Ursache: Der Feind steckt in uns selbst. Die Befragten nannten ihre eigenen Gedanken, insbesondere Selbstzweifel, überhöhte Ansprüche an sich selbst und existenzielle Ängste, als wichtigste Auslöser ihres Stresses. Nicht der Verkehr oder Lärm von aussen, sondern ein innerer Monolog der Unzulänglichkeit treibt die Schweizer Bevölkerung an den Rand der Erschöpfung. Dieser psychische Druck äussert sich in schweren körperlichen Symptomen und führt zu einem Teufelskreis gesundheitlicher Beschwerden.

Die körperlichen Folgen sind unübersehbar. Von den häufig gestressten Personen leiden erstaunliche drei Viertel unter Schlafstörungen. Der Körper zeigt die Folgen: Verspannungen, Migräne und Veränderungen des Appetits sind weit verbreitet. Frauen berichten insbesondere häufiger als Männer von Verdauungsbeschwerden, emotionaler Erschöpfung und Migräne. Das Buch «Health Forecast: In dir steckt mehr, als du denkst» erscheint demnächst und hebt eine entscheidende Erkenntnis hervor: Die Schweizerinnen und Schweizer führen einen Kampf gegen ihre eigenen Erwartungen, und ihre Körper zahlen den Preis dafür.