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Swiss Observer

Schweizer Bevölkerungsobergrenze wegen wirtschaftlicher Kosten und knapper Umfragen unter Druck

Eine Regierungsstudie warnt, dass die Zuwanderungsinitiative «Nein zu 10 Millionen» wirtschaftlich kostspielig wäre, die Haushaltsausgaben erhöhen und den Arbeitskräftemangel verschärfen könnte. Jüngste Umfragen deuten auf ein knappes Rennen vor der Abstimmung vom 14. Juni hin.

Schweizer Bevölkerungsobergrenze wegen wirtschaftlicher Kosten und knapper Umfragen unter Druck
AIThe Local Switzerland

Die Schweiz steuert auf eine politische Kollision zu, die ihre wirtschaftliche DNA neu definieren könnte. Am 14. Juni entscheiden die Stimmberechtigten über das Schicksal der Initiative «Nein zu 10 Millionen», eines radikalen Vorschlags, die Bevölkerung des Landes strikt zu begrenzen. Während die Befürworterinnen und Befürworter argumentieren, die Massnahme sei für die «Nachhaltigkeit» und den Erhalt der Schweizer Identität unerlässlich, warnen mehrere kurzfristig veröffentlichte Regierungsberichte vor einer selbstverschuldeten wirtschaftlichen Wunde. Bundesrat und Parlament haben sich entschieden gegen die Initiative ausgesprochen und stellen die Abstimmung nicht nur als Entscheid über die Zuwanderung dar, sondern als Abstimmung über den Schweizer Wohlstand selbst. Je näher der Abstimmungstermin rückt, desto dringlicher muss sich das Land einer harten Realität stellen: Kann ein Land mit einer alternden Bevölkerung überleben, wenn es seine Türen zuschlägt? In Bern ist die Spannung spürbar. Dort hat sich die Rhetorik von abstrakten Sorgen über «Überfüllung» hin zu den nüchternen Zahlen des nationalen Überlebens verschoben.

Die drohende Mehrbelastung von 635 Franken

Jährlich 635 Franken mehr: So hoch könnten die zusätzlichen Kosten für jeden Schweizer Haushalt ausfallen, wenn die Initiative angenommen wird. Eine neue Studie des Staatssekretariats für Migration (SEM) zeigt, dass die wirtschaftlichen Folgen sofort spürbar und schwerwiegend wären. Eine Bevölkerungsobergrenze könnte den Wohnungsmarkt zwar geringfügig entlasten, doch dieser Vorteil verblasst angesichts eines erwarteten Milliardenlochs in der Staatskasse der Altersvorsorge. Die Steuereinnahmen dürften schneller sinken als die Ausgaben. Dadurch entstünde ein Finanzloch, das gemäss den Warnungen des Bundes von der heutigen Generation der Erwerbstätigen gestopft werden müsste. Das ist nicht bloss eine Prognose, sondern eine Warnung vor einer drohenden Steuererhöhung. Auch der Anteil der Gesundheitskosten am Volkseinkommen dürfte stark steigen, wenn die Erwerbsbevölkerung im Verhältnis zur älteren Bevölkerung schrumpft. Für eine durchschnittliche Familie könnte die von der SVP versprochene «Nachhaltigkeit» rasch einen deutlich leichteren Geldbeutel und eine höhere Steuerlast bedeuten.

Arbeitskräftemangel bedroht die Stabilität des Landes

Die Abhängigkeit der Schweiz von Arbeitskräften aus der EU ist kein Luxus, sondern eine strukturelle Notwendigkeit. Die SEM-Studie zeichnet das düstere Bild einer ausgedünnten Erwerbsbevölkerung und prognostiziert bis 2100 einen Rückgang um 130'000 Kinder im schulpflichtigen Alter. Das ist ein deutlicher Hinweis auf eine demografische Abwärtsspirale. Branchen von der Baubranche bis zur hochtechnisierten Gesundheitsversorgung schlagen Alarm. Ohne einen stetigen Zustrom qualifizierter Arbeitskräfte sind selbst jene Dienstleistungen gefährdet, die die Schweizer Lebensqualität ausmachen. Der Arbeitskräftemangel ist keine ferne Bedrohung, sondern eine gegenwärtige Krise, die durch eine strikte Obergrenze verschärft würde. Die Gegnerinnen und Gegner argumentieren, die Initiative berücksichtige nicht, wie die Schweiz ihre Spitäler mit Personal versorgen, ihre Infrastruktur bauen oder in ihren weltweit führenden Pharmabranchen innovativ sein soll. Der Vorstoss «Nein zu 10 Millionen» droht ein Land mit viel Platz, aber ohne genügend Arbeitskräfte zurückzulassen und damit den Motor der Schweizer Wirtschaft abzuwürgen.

Ein gespaltenes Land: Patt bei 47 Prozent

Laut der jüngsten SRG-Umfrage von gfs.bern ist die Stimmbevölkerung mit 47 zu 47 Prozent genau gespalten. Dieser statistische Gleichstand und die Tatsache, dass nur 6 Prozent der Stimmberechtigten noch unentschieden sind, verdeutlichen die tiefe Polarisierung des Landes. Die Spaltung verläuft klar entlang der Parteigrenzen: Die Basis der Schweizerischen Volkspartei (SVP) hält entschieden an der Obergrenze fest, während sich die linken Parteien und die Grünen geschlossen dagegenstellen. Der entscheidende Unsicherheitsfaktor ist jedoch das Misstrauen. Stimmberechtigte, die dem Bundesrat skeptisch gegenüberstehen, unterstützen die Initiative deutlich häufiger, weil sie darin eine notwendige Schranke gegen eine Überdehnung der staatlichen Macht sehen. Lukas Golder von gfs.bern hält fest: «Kritik an der Migration ist kein Tabu mehr.» Das deutet darauf hin, dass das soziale Stigma rund um migrationskritische Äusserungen verschwunden ist. Bei früheren Abstimmungen nahm die Unterstützung für Initiativen oft ab, je näher der Abstimmungssonntag rückte. Die derzeitige Entschlossenheit, mit 41 Prozent, die «bestimmt dagegen» sind, und 38 Prozent, die «bestimmt dafür» sind, lässt jedoch vermuten, dass dieses Rennen mit hauchdünnem Vorsprung entschieden wird.

Was bei der Abstimmung im Juni auf dem Spiel steht

Je näher der 14. Juni rückt, desto deutlicher wird: Die Schweiz stimmt nicht nur über eine politische Massnahme ab, sondern entscheidet sich für eine bestimmte Zukunft und Identität. Bei einer Annahme der Initiative könnten die rechtlichen und diplomatischen Folgen für die Beziehungen zur Europäischen Union eine Phase beispielloser Unsicherheit auslösen. Der Bund weist zwar darauf hin, dass die tatsächlichen Folgen von der Umsetzung abhängen, doch die Warnsignale stehen auf Rot. Werden die Schweizerinnen und Schweizer der vermeintlichen «Nachhaltigkeit» einer kleineren Bevölkerung Vorrang geben, oder werden die drohenden Mehrkosten von 635 Franken pro Haushalt und das Risiko eines zusammenbrechenden Vorsorgesystems die unentschiedenen 6 Prozent umstimmen? Die Welt schaut zu. Diese Abstimmung ist ein Lackmustest dafür, wie moderne, wohlhabende Länder mit dem Spannungsfeld zwischen nationaler Souveränität und den wirtschaftlichen Realitäten einer globalisierten, alternden Welt umgehen. In den kommenden Wochen dürfte der Abstimmungskampf zu einem Kräftemessen zwischen Angst und Identität werden, bei dem der Wohlstand der Schweizerischen Eidgenossenschaft auf dem Spiel steht.