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Swiss Observer

Umfragen zeigen Patt in der Schweiz bei der Initiative zur Begrenzung der Einwanderung auf zehn Millionen

Etwas mehr als einen Monat vor der Abstimmung zeigt die erste grosse Umfrage ein statistisches Patt bei der «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative. Der Vorschlag, der die Schweizer Bevölkerung begrenzen soll, offenbart tiefe Gräben entlang der Parteigrenzen und hat bei Wirtschaftsvertretern Warnungen vor möglichen wirtschaftlichen Folgen ausgelöst.

Umfragen zeigen Patt in der Schweiz bei der Initiative zur Begrenzung der Einwanderung auf zehn Millionen
AIThe Local Switzerland

Die Schweiz steht an einem historischen Scheideweg: 79 % der Stimmberechtigten haben sich bei der Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» bereits festgelegt. Etwas mehr als einen Monat vor der Abstimmung vom 14. Juni zeigt die erste grosse SBC-Umfrage ein statistisches Patt, das politische Prognosen erschwert. Es geht nicht bloss um eine Debatte, sondern um einen Konflikt um die Seele der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Während die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei (SVP) geschlossen hinter der Begrenzung steht, stellt sich die politische Linke entschieden dagegen. Damit liegt die entscheidende Macht bei den wenigen 6 % unentschlossenen Stimmberechtigten. Die Spannung ist greifbar, während beide Lager um die politische Mitte ringen. Der Stillstand widerspiegelt ein Land, das zwischen der Bewahrung seiner traditionellen Landschaft und der globalisierten Arbeitswelt, die seinen Wohlstand antreibt, hin- und hergerissen ist. Mit Beginn des Countdowns sagen knapp 51 % eine Ablehnung der Vorlage voraus. Doch in der unberechenbaren Arena der Schweizer direkten Demokratie ist nichts sicher.

Wirtschaftsgrössen schlagen Alarm

Wirtschaftsgrössen brechen ihr Schweigen und warnen, eine Bevölkerungsobergrenze würde ein wirtschaftliches Erdbeben auslösen. Migros-CEO Mario Irminger hat ein deutliches Ultimatum gestellt: Der Detailhandel sei zum Überleben auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Bei Micarna, der Fleischverarbeitungs-Sparte des Detailhändlers, sind 90 % der Mitarbeitenden im Zerlegebetrieb ausländische Staatsangehörige. «Wir sind heute und auch in Zukunft auf diese Arbeitskräfte angewiesen», erklärte Irminger. Ein Ja könnte dazu führen, dass Dienstleistungen und Lieferketten im ganzen Land einbrechen. Der Schweizerische Arbeitgeberverband unterstreicht die Dringlichkeit und erklärt, die Schweiz brauche die Arbeitskräfte aus der EU «dringend», damit die Innovation nicht nachlasse und die Steuereinnahmen nicht zurückgingen. Diese wirtschaftlichen Sorgen stehen in scharfem Kontrast zur Erzählung der SVP und bilden den Auftakt zu einem hochbrisanten Kampf zwischen Verwaltungsrat und Stimmurne. Wird die Initiative angenommen, könnten gerade jene Unternehmen, die für die Schweizer Exzellenz stehen, nicht mehr über die nötigen Fachkräfte verfügen, um ihren Betrieb aufrechtzuerhalten. Damit wäre der viel gepriesene Wohlstand des Landes gefährdet.

Die Infrastruktur stösst an ihre Grenzen

Die Befürworter der Begrenzung machen sich die alltäglichen Frustrationen der Schweizerinnen und Schweizer zunutze. Überfüllte Züge und ein aus den Fugen geratener Wohnungsmarkt seien Belege dafür, dass die Marke von zehn Millionen eine rote Linie darstelle. Die SVP argumentiert, der unablässige Zustrom von Ausländerinnen und Ausländern bringe das Gesundheitswesen, die Schulen und die natürlichen Ressourcen an den Rand ihrer Belastbarkeit. Diese Erzählung verfängt: Die SBC-Umfrage bestätigt, dass das Argument einer «überlasteten Infrastruktur» das überzeugendste Argument im Arsenal der Initiative ist. Die Stimmberechtigten achten zunehmend auf den Schutz der natürlichen Ressourcen und sehen die Bevölkerungsbegrenzung als notwendigen Schutz vor einer Umweltzerstörung. Kritikerinnen wie die Redaktorin Helena Bachmann bezeichnen dies hingegen als «Angstmacherei», mit der die Sorgen im Inland ausgenutzt werden sollen. Der Konflikt ist unmittelbar: Die einen sehen ein Land, das aus allen Nähten platzt, die anderen eine lebendige, wachsende Nation, die durch Isolationismus erstickt wird. Die Debatte dreht sich längst nicht mehr nur um Zahlen, sondern auch um die persönliche Alltagserfahrung. Auf dem Spiel steht die Lebensqualität in der Schweiz.

Mobilisierung wird zur entscheidenden Waffe

Bei einem derart knappen Rennen gewinnt nicht die Seite mit dem besten Argument, sondern jene, die ihre Anhängerinnen und Anhänger an die Urne bringt. Die Stimmbeteiligung dürfte bereits 50 % erreichen und damit über dem langjährigen Durchschnitt von 47,1 % liegen. «Die Mobilisierung ist das grosse Thema», warnt Lukas Golder von gfs.bern. Die Daten zeigen einen bemerkenswerten geografischen Graben: Während die Stimmberechtigten im Inland unentschieden sind, lehnt die Auslandschweiz die Begrenzung klar ab. 55 % sprechen sich dagegen aus. Diese Stimmberechtigten der «Fünften Schweiz» betrachten die Zuwanderung als Chance und nicht als Bedrohung. Ihre Distanz zum Alltag mit der Schweizer Infrastruktur könnte ihren Einfluss jedoch schmälern. Mit dem Eintritt in die letzte, aggressiv geführte Kampagnenphase richtet sich der Fokus auf die 6 % Unentschlossenen. Diese wenigen Tausend Personen können darüber entscheiden, ob die Schweiz ihren Platz auf dem europäischen Arbeitsmarkt festigt oder bei der Bevölkerungsentwicklung die Notbremse zieht. In den kommenden Wochen dürfte es eine beispiellose Werbeoffensive geben, während beide Lager um jede einzelne Stimme kämpfen. Die Abstimmung zeichnet sich als die folgenreichste des Jahrzehnts ab.