Diplomatie
Schweizer Aussenminister zu riskanten OSZE-Gesprächen in Moskau
Als Vorsitzender der OSZE ist der Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis in Moskau, um seinen russischen Amtskollegen Sergei Lawrow zu treffen. Bei dem Besuch sollen diplomatische Wege im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine ausgelotet werden, auch wenn die Erwartungen an einen Durchbruch gering sind.

Ignazio Cassis ist in die Höhle des Löwen gereist. Während zwischen dem Westen und dem Kreml eisiges Schweigen herrscht, befindet sich der Schweizer Aussenminister derzeit in Moskau, um sich in einem entscheidenden persönlichen Gespräch mit dem russischen Aussenminister Sergei Lawrow zu treffen. Es handelt sich nicht um einen üblichen diplomatischen Höflichkeitsbesuch, sondern um ein riskantes Unterfangen, das unmittelbar auf Cassis' Besuch in Kiew zu Beginn dieser Woche folgt. Als OSZE-Vorsitzender 2026 unternimmt Cassis, was sich seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine nur wenige westliche Staats- und Regierungschefs getraut haben.
Während westliche Hauptstädte den direkten Kontakt zum Regime von Wladimir Putin weitgehend meiden, bricht die Schweiz aus der Reihe aus, um die Gesprächskanäle offenzuhalten. Damit gehört Cassis zu einer kleinen Gruppe von Staats- und Regierungschefs, neben Figuren wie Viktor Orbán und Robert Fico, die bereit sind, russischen Boden zu betreten. Anders als seine Amtskollegen trägt Cassis jedoch das Gewicht des OSZE-Mandats. Die Stimmung ist angespannt, die Erwartungen sind nahezu null, aber die Botschaft ist unmissverständlich: Die Schweiz weigert sich, den eisernen Vorhang des Schweigens dauerhaft werden zu lassen, selbst wenn sie dafür ohne Sicherheitsnetz auf einem diplomatischen Drahtseil gehen muss.
OSZE: Eine kaputte Maschine aus 57 Staaten
Die Organisation, die Cassis leitet, ist derzeit eine Zombie-Institution. Obwohl ihr ganze 57 Mitgliedstaaten angehören, darunter sowohl die Vereinigten Staaten als auch Russland, ist die OSZE gelähmt, finanziell geschwächt und faktisch zum Schweigen gebracht. Jede Woche kommen Delegierte in Wien zusammen, doch ein echter Dialog ist praktisch zum Erliegen gekommen. Anstelle von Verhandlungen ist das Forum zu einem Theater der Monologe verkommen, in dem die gegnerischen Seiten ihre Positionen darlegen und sich weigern zuzuhören.
Der diplomatische SRF-Korrespondent Fredy Gsteiger beschreibt die Lage als «beklagenswert». Die Organisation steckt fest: auf der einen Seite wegen der russischen Obstruktion, auf der anderen wegen der Zurückhaltung des Westens. Russland blockiert systematisch Entscheidungen, während westliche Staaten sich weigern, mit russischen Delegierten in einen Dialog zu treten. Diese Lähmung hat der OSZE ihre wichtigste Waffe genommen: Einfluss. Anders als die Wirtschaftsmacht der USA oder Chinas ist die OSZE auf Konsens angewiesen, doch dieser ist verschwunden. Cassis versucht, ein Schiff zu steuern, das nicht nur ohne Kurs ist, sondern von der eigenen Besatzung aktiv sabotiert wird.
Der Mythos der Neutralität unter Beschuss
Die legendäre Neutralität der Schweiz wird in den Hallen des Kremls auf eine harte Probe gestellt. Moskau hat die OSZE offensiv als «Instrument des Westens» umgedeutet und ihre Interventionen als grundsätzlich antirussisch abgetan. Für Cassis ist die Herausforderung persönlicher und politischer Natur. Weil sich die Schweiz den Sanktionen der Europäischen Union gegen Russland angeschlossen hat, behauptet der Kreml nun, Bern habe sich der NATO «unterworfen» und seinen neutralen Status verwirkt.
Diese Erzählung schafft ein feindseliges Umfeld für den Schweizer Aussenminister. Er wird nicht als neutraler Vermittler empfangen, sondern als Vertreter eines unfreundlichen Blocks. Dennoch hält die Schweiz an ihrem Kurs fest. Ihr selbst gesteckter Auftrag lautet, mit allen zu sprechen, unabhängig davon, wie dies geopolitisch wirkt. Mit seinem Aufenthalt in Moskau versucht Cassis zu beweisen, dass Schweizer Neutralität nicht Gleichgültigkeit oder Schweigen bedeutet, sondern den nötigen Mut, den Kontakt aufrechtzuerhalten, wenn sich der Rest der Welt abgewandt hat. In einer Zeit polarisierter Bündnisse ist dies ein selbstbewusstes Bekenntnis zur Souveränität.
Verzweifelte Suche nach einem Mindestmass an Vertrauen
Warum sich auf eine Mission begeben, die zum Scheitern verurteilt scheint? Weil die Alternative völlige diplomatische Dunkelheit ist. Fachleute sind sich einig, dass die OSZE derzeit «wenig Hoffnung» hat, Frieden zu vermitteln. Doch das Ziel hat sich von einer Lösung hin zum Überleben verschoben. «Ein Mindestmass an Vertrauen ist Voraussetzung, um überhaupt über Frieden sprechen zu können», sagt Gsteiger. Dieses Vertrauen wurde vollständig zerstört, und es wieder aufzubauen ist die Herkulesaufgabe, der sich Cassis gestellt hat.
Das Ziel dieses Besuchs ist kein Friedensvertrag, das wäre eine Illusion. Ziel ist es, den Dialog wieder in Gang zu bringen. Auch wenn die OSZE den Frieden nicht erzwingen kann, bleibt sie die einzige Plattform, auf der alle wichtigen Akteure noch physisch am selben Tisch sitzen. Sollte Cassis auch nur einen einzigen zuverlässigen Kommunikationskanal zwischen Lawrow und dem Westen sichern können, wäre diese Reise mit hohem Risiko ein strategischer Erfolg. In der düsteren Realität des Jahres 2026 ist es bereits ein Akt radikaler Diplomatie, die Tür zumindest einen Spalt offen zu halten.