Gesundheit
Schweizer Bürgerinnen- und Bürgerversammlung befürwortet nationale Zuckersteuer
Die Schweizer Bürgerinnen- und Bürgerversammlung unterstützt einen umstrittenen Vorschlag für eine Zuckersteuer auf Lebensmittel und Getränke. Dies markiert einen bedeutenden Wandel im gesundheitspolitischen Ansatz.

In einem beispiellosen Schritt, der den Status quo infrage stellt, hat sich eine 100-köpfige Bürgerinnen- und Bürgerversammlung hinter eine umstrittene nationale Zuckersteuer gestellt. Das ist nicht bloss ein Vorschlag, sondern ein mutiger Auftrag eines zufällig ausgewählten Querschnitts der Schweizer Bevölkerung und signalisiert einen dramatischen Wandel in der Haltung der Öffentlichkeit zur Verantwortung für die Gesundheit. Nach der Auseinandersetzung mit den explodierenden Anforderungen an das Gesundheitswesen des Landes kam die Versammlung zum Schluss, dass freiwillige Massnahmen nicht mehr ausreichen.
Die Gruppe, die die verschiedenen Sprachregionen der Schweiz vertrat, befürwortete die Abgabe auf zuckerhaltige Lebensmittel und Getränke als eine von sechs wichtigen Reformen. Dieser Entscheid markiert eine deutliche Abkehr von traditionellen marktwirtschaftlich-liberalen Ansätzen und stellt die öffentliche Gesundheit klar über die Interessen von Unternehmen. Die Botschaft ist eindeutig: Die Schweizer Bevölkerung hält diese Reformen für dringlich. Mit der Unterstützung staatlicher Eingriffe in die Ernährungsgewohnheiten stellt sich die Versammlung direkt der zunehmenden Verbreitung von lebensstilbedingten Krankheiten entgegen, die das Gesundheitssystem belasten.
Der Preis der Gesundheit: Laster besteuern
Die Strategie der Versammlung ist direkt und finanzieller Natur: Ungesunde Entscheidungen sollen sich im Portemonnaie bemerkbar machen. Neben Zucker sieht das Paket höhere Steuern auf Alkohol und Tabak vor, um den Konsum durch deutliche finanzielle Anreize zu senken. Die Versammlung erklärte ausdrücklich, solche Abgaben seien nötig, damit ungesunde Produkte für Konsumentinnen und Konsumenten weniger attraktiv würden. Damit zielt sie direkt auf die Gewinnmargen grosser Branchen ab.
Vier weitere Vorschläge, darunter die Abschaffung von Subventionen für die Alkohol- und Tabakproduktion, fanden zwar keine Mehrheit. Die Unterstützung für diese Verbrauchssteuern ist jedoch ein empfindlicher Rückschlag für die Lobbygruppen, die sich solchen Massnahmen seit Langem widersetzen. Die Begründung ist ebenso wirtschaftlicher wie medizinischer Art: Wenn der Konsum von Zucker, Nikotin und Alkohol eingedämmt wird, kann das Land den Abfluss öffentlicher Gelder für die langfristige Behandlung vermeidbarer Krankheiten begrenzen. Es ist eine finanzpolitische Auseinandersetzung mit der «Lasterwirtschaft».
Mehr als Steuern: Gesundheitskompetenz stärken
Während die Steuern für Schlagzeilen sorgen, war der am stärksten unterstützte Einzelvorschlag nicht strafend, sondern bildungsorientiert. Die Versammlung sprach sich mit überwältigender Mehrheit für eine deutliche Stärkung der Gesundheitskompetenz aus und forderte, der Staat solle die Bürgerinnen und Bürger befähigen, vom Kindesalter bis ins hohe Alter fundierte Entscheidungen zu treffen. Dahinter steht die tief verwurzelte Überzeugung, dass finanzielle Sanktionen mit den nötigen Mitteln einhergehen müssen, um Ernährung, körperliche Aktivität und psychisches Wohlbefinden zu verstehen.
Der Vorschlag sieht eine umfassende Neuausrichtung vor, darunter eine erweiterte Gesundheitsbildung an Schulen und eine bessere Ausbildung von Gesundheitsfachpersonen. Zudem setzt er sich für ein nationales Gesundheitsgesetz und die Schaffung einer zentralen Anlaufstelle für Gesundheitsförderung ein. Indem die Versammlung der Gesundheitskompetenz Priorität einräumt, erkennt sie eine entscheidende Lücke im heutigen System an: Konsumentinnen und Konsumenten bewegen sich oft ohne Orientierung in einer komplexen Lebensmittelwelt. Diese Massnahme soll die Verwirrung durch aggressives Marketing beseitigen und durch klare, umsetzbare Kenntnisse ersetzen.
Ein Erfolg für die deliberative Demokratie
Diese Initiative ist ein Erfolg für das «demokratische Labor». Das von den Universitäten Genf und Zürich geleitete und vom Zentrum für Demokratie Aarau koordinierte Projekt zeigt, dass ein Zufallsverfahren zu konkreten Ergebnissen führen kann. Während fünf anspruchsvollen Monaten überwanden 100 einander unbekannte Menschen sprachliche und kulturelle Unterschiede und erarbeiteten einen Konsens zu politisch festgefahrenen Fragen.
Daniel Kübler, Mitinitiant der Universität Zürich, erklärte, der Prozess zeige, dass die Öffentlichkeit dank gegenseitigem Respekt komplexe Fragen angehen könne. Anders als bei den oft polarisierten Wortgefechten im Parlament führte die Versammlung einen vertieften, faktenbasierten Dialog. Die Mitglieder stimmten nicht einfach ab, sondern verhandelten. Dieser Erfolg deutet darauf hin, dass Bürgerinnen- und Bürgerversammlungen in der Schweiz zu einem wichtigen Instrument werden könnten, um legislative Blockaden zu überwinden und einen «dritten Weg» zwischen Parlament und Urne zu eröffnen.
Der Weg ins Parlament: Wie geht es weiter?
Die Zeit drängt. Am 20. Mai wird der Schlussbericht Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider übergeben. Damit gelangen die Vorschläge aus der Theorie in die politische Arena. Dieser Übergang wird zur entscheidenden Bewährungsprobe für den Einfluss der Versammlung. Die Bürgerinnen und Bürger haben sich geäussert, nun muss das politische Establishment entscheiden, ob es diese mutigen Ideen in verbindliches Recht überführen will.
Politische Vertreterinnen und Vertreter werden die Massnahmen im Rahmen der bestehenden Strukturen diskutieren, doch Widerstand ist so gut wie sicher. Branchenlobbyistinnen und -lobbyisten sowie finanzpolitisch Konservative dürften sich gegen Steuererhöhungen und Werbebeschränkungen wehren. Eine direkte Empfehlung einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe zu ignorieren, birgt jedoch eigene Risiken. Je näher der Tag der Übergabe rückt, desto grösser wird der Druck auf Bern, zu beweisen, dass es auf die differenzierte Stimme der Bevölkerung hören kann und nicht nur auf die lautesten Interessen.