Tierversuche
Tierversuche in der Schweiz auf Rekordtief, doch besonders belastende Versuche nehmen zu
Tierversuche in der Schweiz erreichten den tiefsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen, doch die Zahl der besonders belastenden Versuche nahm zu. Dieser Artikel beleuchtet den scheinbaren Widerspruch, die betroffenen Tierarten und Forschungsgebiete sowie die Frage, ob Alternativen wie KI-Modelle den Einsatz lebender Tiere verringern.

Im Jahr 2025 wurden in der Schweiz 507’863 Tiere in Versuchen eingesetzt, so wenige wie seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1983 nicht mehr. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen veröffentlichte die Zahl am 15. September 2026. Demnach waren es rund 15’000 Tiere oder 3 Prozent weniger als im Vorjahr.
Der Rückgang liefert den Schweizer Behörden eine klare Kennzahl für die sinkende Zahl von Labortieren. Gleichzeitig zeigen dieselben Daten einen Anstieg bei den Versuchen der höchsten Belastungsstufe. Rund 29’400 Tiere waren von Versuchen der Schweregradstufe 3 betroffen. Das entspricht einem Anstieg von 7,4 Prozent innerhalb eines Jahres und ist der höchste Wert seit 26 Jahren.
Das Schweizer Recht und die amtliche Berichterstattung unterteilen Versuche in vier Schweregradstufen. Stufe 0 umfasst Verfahren, die keine Belastung verursachen. Stufe 1 bedeutet eine leichte Belastung, Stufe 2 eine mittlere Belastung. Stufe 3 umfasst starke Schmerzen, länger anhaltendes Leiden oder eine schwere Beeinträchtigung des Allgemeinzustands eines Tieres.
Die Zahlen bilden somit zwei unterschiedliche Entwicklungen in der Schweizer Forschung ab. Insgesamt gelangten weniger Tiere in Labors, während mehr Tiere Verfahren der höchsten Belastungskategorie ausgesetzt waren. Aus der Gesamtzahl geht weder hervor, wie viele einzelne Projekte den Anstieg verursachten, noch ob er auf eine kleine Zahl grosser Studien zurückzuführen ist.
Mäuse bleiben dominant, während der Einsatz von Fischen steigt
Mäuse machten 2025 66 Prozent aller in Schweizer Versuchen eingesetzten Tiere aus. Auf Vögel entfielen 13 Prozent, auf Ratten und Fische je 8 Prozent, wie aus den Bundeszahlen hervorgeht.
Die Zusammensetzung der Versuchstiere ist wichtig, denn der Rückgang verteilte sich nicht gleichmässig auf die verschiedenen Arten. Die Zahl der Mäuse sank, während jene der Fische deutlich stieg. Die Quelle nennt keine genauen Zahlen für die einzelnen Tierarten. Deshalb lässt sich der landesweite Rückgang keiner breit angelegten Veränderung in sämtlichen Forschungsprogrammen zuschreiben.
Mäuse sind mit grossem Abstand weiterhin die am häufigsten eingesetzte Tierart in Labors. Ihr Einsatz hängt eng mit der biomedizinischen Forschung zusammen, in der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Krankheitsmechanismen, Behandlungen und mögliche Therapien untersuchen. Fische kommen ebenfalls in verschiedenen Forschungsbereichen zum Einsatz. Ihr Anstieg veränderte die Zusammensetzung der Tierversuche in der Schweiz, obwohl die Gesamtzahl zurückging.
Die veröffentlichte Aufschlüsselung zeigt keine Unterschiede zwischen den Kantonen und gibt keinen vollständigen Überblick über die Institutionen hinter den einzelnen Kategorien. Sie belegt aber ein nationales Muster: Der Rückgang beim Einsatz von Tieren ist vor allem auf die geringere Zahl von Mäusen zurückzuführen, während sich die Zahl der Fische in die entgegengesetzte Richtung entwickelte. Diese Unterscheidung wird bei künftigen Einschätzungen wichtig sein, ob die Schweiz Versuche breit angelegt reduziert oder Forschungsaktivitäten zwischen Tierarten verschiebt.
Mehr schwere Versuche trotz insgesamt sinkender Zahlen
Rund 73 Prozent der Labortiere wurden in der Forschung zu menschlichen Krankheiten eingesetzt. Krebsforschung sowie Studien zu neurologischen und psychischen Erkrankungen waren laut der Zusammenfassung des Bundes die grössten Forschungsbereiche.
Diese Schwerpunkte tragen dazu bei, zu erklären, weshalb die Zahlen zu den Schweregraden besondere Aufmerksamkeit verdienen. Die Forschung zu schweren Krankheiten kann Verfahren umfassen, die starke Schmerzen, länger anhaltendes Leiden oder eine erhebliche Beeinträchtigung verursachen und damit der Schweregradstufe 3 zugeordnet werden. In der Mitteilung des Bundes wird nicht angegeben, welche Krankheiten, Tierarten oder Institutionen für den Anstieg auf rund 29’400 Tiere verantwortlich waren.
Im längerfristigen Vergleich ist der Anstieg beträchtlich. Der Einsatz von Tieren in Stufe 3 nahm gegenüber dem Vorjahr um 7,4 Prozent zu und erreichte den höchsten Stand seit 26 Jahren, obwohl die Gesamtzahl der Versuchstiere einen Rekordtiefstand verzeichnete. Diese Kombination zeigt, dass die blosse Zahl der Tiere kein vollständiges Bild der Belastung durch die Forschung vermittelt.
Die Schweiz weist Schweregrade aus, um die Bedingungen zu unterscheiden, denen Tiere während Versuchen ausgesetzt sind. Diese Einstufung bietet einen Rahmen für die öffentliche Kontrolle. Die hier veröffentlichten Zahlen enthalten jedoch keine Erläuterungen auf Projektebene, Angaben zu Ergebnissen oder Einzelheiten zu Massnahmen zur Begrenzung des Leidens. Um festzustellen, ob der Anstieg auf neue Behandlungen, Änderungen im Studiendesign, längere Verfahren oder andere Faktoren in der Krebs- und neurologischen Forschung zurückzuführen ist, wären detailliertere Informationen nötig.
KI bietet einen möglichen Weg weg von Tierversuchen
KI-Modelle halten Einzug in die Schweizer Debatte darüber, wie der Einsatz lebender Tiere reduziert werden kann. Die Zahlen für 2025 zeigen jedoch nicht, in welchem Umfang sie die Laborpraxis verändert haben. Der Bericht von Swissinfo verweist auf eine bei Empa entwickelte KI-Maus, deren erklärtes Ziel es ist, Tierversuche zu verringern.
Solche Systeme könnten Forschenden helfen, biologische Reaktionen digital zu modellieren, mögliche Behandlungen zu prüfen oder Versuche zu verfeinern, bevor eine Studie mit lebenden Tieren beginnt. Sie könnten zudem in bestimmten Forschungsphasen dazu beitragen, Tiere zu ersetzen oder ihre Zahl zu verringern. Die verfügbaren Zahlen enthalten allerdings keine Angaben dazu, wie viele Versuche dank KI vermieden wurden, wie viele Projekte Computermodelle einsetzten oder ob diese Werkzeuge den Anstieg bei den Versuchen der Schweregradstufe 3 beeinflussten.
Diese Lücke ist wichtig, um Fortschritte beurteilen zu können. Eine tiefere Gesamtzahl kann auf ein verbessertes Studiendesign, weniger Tiere pro Projekt oder Veränderungen bei der Forschungsaktivität zurückzuführen sein. Gleichzeitig können die verbleibenden Tiere intensiveren Verfahren ausgesetzt sein. Ohne Daten auf Projektebene lässt sich anhand der nationalen Statistiken nicht feststellen, welche Erklärung am stärksten ins Gewicht fällt.
Die Arbeit der Empa steht für Schweizer Investitionen in Alternativen. Die Rekordzahl schwerer Versuche zeigt jedoch, dass technologische Entwicklungen den Bedarf an Studien mit hoher Belastung in der biomedizinischen Forschung bislang nicht beseitigt haben.
Die Zahlen werden die nächste Abstimmung in der Schweiz prägen
Die Schweizer Tierversuchspolitik wird auch nach den Zahlen für 2025 politisch umstritten bleiben. Eine 2024 eingereichte Volksinitiative fordert ein umfassendes Verbot von Tierversuchen. Ein Abstimmungstermin steht noch nicht fest, während der Bundesrat empfiehlt, die Initiative abzulehnen.
Die jüngsten Statistiken liefern beiden Seiten Argumente für die Debatte. Befürworterinnen und Befürworter strengerer Einschränkungen können auf den Anstieg der Versuche der Schweregradstufe 3 verweisen. Sie betrafen rund 29’400 Tiere und erreichten den höchsten Stand seit 26 Jahren. Wer die Fortführung der Forschung verteidigt, kann auf die Gesamtzahl von 507’863 Tieren verweisen, den tiefsten Wert seit Beginn der amtlichen Aufzeichnungen, sowie auf die Bedeutung der Forschung zu menschlichen Krankheiten.
In der nächsten politischen Debatte wird es auch um die Glaubwürdigkeit von Alternativen gehen. KI-Modelle und andere Methoden ohne Tiereinsatz können den Einsatz lebender Tiere in ausgewählten Forschungsphasen reduzieren. Die verfügbaren Daten für 2025 beziffern ihre Wirkung jedoch nicht. Ebenso wenig erklären sie die Ursachen des Anstiegs bei den schweren Versuchen auf Projektebene.
Für die Schweizer Stimmberechtigten wird die spätere Entscheidung von mehr als der Gesamtzahl abhängen. Die amtliche Statistik weist nun zwei Entwicklungen in entgegengesetzte Richtungen aus: insgesamt weniger Tiere, aber mehr Tiere, die der höchsten Belastungskategorie ausgesetzt sind.