Technologie
In der Schweiz entwickelte KI hilft Biologen, Wildtiere weltweit zu identifizieren und zu verfolgen
Von Bären in Alaska bis zu Hirschen in den Alpen: Ein von Schweizer Forschenden entwickeltes System mit künstlicher Intelligenz revolutioniert den Wildtierschutz, indem es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ermöglicht, einzelne Tiere zu erkennen und zu überwachen.

Die Schweiz behauptet ihre Vorreiterrolle im globalen KI-Wettlauf, doch diesmal ist die Wildnis das Schlachtfeld. Forschende an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) haben bisherige technologische Grenzen überwunden und ein KI-System entwickelt, das einzelne Tiere mit chirurgischer Präzision identifiziert. Während traditionelle Methoden auf invasive Markierungen oder GPS-Halsbänder setzen, nutzt dieses in der Schweiz entwickelte System ausschliesslich visuelle Daten, um Tiere zu erkennen, von Bären in Alaska bis zu Hirschen in den Schweizer Alpen. Das ist nicht bloss ein Software-Update, sondern ein grundlegender Wandel darin, wie die Menschheit die Natur überwacht. Das System begegnet dem Chaos der Natur mit der Ordnung von Algorithmen und ermöglicht es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Bewegungen über riesige Gebiete hinweg zu verfolgen, ohne das Tier jemals zu berühren. Während die Biodiversität weltweit rapide abnimmt, bietet der Beitrag der Schweiz einen wichtigen Rettungsanker für Arten, die am Rand des Aussterbens stehen.
Das Unerkennbare entschlüsseln
Vor dem Winterschlaf kann ein Bär innerhalb eines einzigen Jahres eine erstaunliche Gewichtszunahme von 100 Kilogramm verzeichnen, eine physiologische Veränderung, die Computer-Vision-Systeme bisher vor grosse Rätsel stellte. Anders als die statischen Streifen eines Zebras verändert sich das Aussehen eines Bären ständig. Sein Fell ändert die Farbe, seine Silhouette wird fülliger, und seine Narben können verblassen oder zahlreicher werden. Doch das EPFL-Modell ist dort erfolgreich, wo andere scheiterten. Indem sich die KI auf unveränderliche Skelettmerkmale und die spezifische Form der Schnauze konzentriert, kann sie einzelne Tiere trotz dieser drastischen saisonalen Veränderungen weiterhin eindeutig identifizieren. Dieser Durchbruch ist beispiellos. Das System sieht nicht einfach einen Bären, sondern «Bär Nr. 42», ein bestimmtes Tier mit einer eigenen Geschichte. Diese Detailgenauigkeit ermöglicht es, die Dynamik von Populationen mit einer Auflösung abzubilden, die einst als unmöglich galt. Sie beweist, dass Schweizer Ingenieurskunst selbst in den rauesten und unberechenbarsten Umgebungen der Erde erfolgreich sein kann.
Das Zusammenspiel von Mensch und Maschine
Maschinen sind keine Wunderwesen, sondern Schüler menschlicher Meister. Diese revolutionäre KI wurde durch die 20-jährige Felderfahrung der Biologin Beth Rosenberg geprägt. Rosenberg lebte im Buschland Alaskas ohne Strom und fliessendes Wasser und lernte, Bären an der subtilen Art zu erkennen, wie sie fischen oder spielen. Über sechs Jahre stellte sie Tausende von Bildern manuell zusammen, um dem Schweizer Algorithmus «beizubringen», worauf er achten soll. Diese Verbindung aus menschlicher Intuition und enormer Rechenleistung ist das Erfolgsgeheimnis des Projekts. Die KI ahmt das geübte Auge einer Wissenschaftlerin nach, die ein Leben in der Natur verbracht hat, tut dies aber in einem Umfang, den kein Mensch je erreichen könnte. Sie verarbeitet jahrelanges Filmmaterial in Sekunden und erkennt neue sowie wiederkehrende Tiere mit einer Zuverlässigkeit, die Forschenden erlaubt, tiefergehende ökologische Fragen dazu zu stellen, wie diese Spitzenprädatoren auf ein sich rasch erwärmendes Klima reagieren.
Eine neue Ära für den weltweiten Artenschutz
Die Auswirkungen dieser in der Schweiz entwickelten Technologie sind global und unmittelbar. Während sich der Klimawandel beschleunigt, ist es kein Luxus mehr, zu verstehen, wie sich Wildtiere bewegen und anpassen, sondern eine Überlebensnotwendigkeit. Die KI wird nun eingesetzt, um Hirsche in den Alpen und Raubtiere in Nordamerika zu überwachen. Sie liefert damit eine skalierbare Vorlage für den weltweiten Artenschutz. Der Erfolg am McNeil River ist erst der Anfang. Wir treten in eine Ära ein, in der «nicht invasiv» zum Goldstandard wird, und die Schweizer Technologie gibt dabei den Takt an. Indem die KI Bilder über Zeit und Raum hinweg miteinander verknüpft, enthüllt sie das verborgene Leben der Tiere und eröffnet einen Einblick in ihre Welt, der bisher versperrt war. Für die Schweiz bekräftigt dies eine nationale Identität, die sowohl auf verantwortungsvollem Umgang mit der Umwelt als auch auf technologischer Exzellenz beruht. Die Botschaft ist klar: Die Zukunft der Wildnis wird digital sein und aus der Schweiz kommen.