Politik
Studie zeigt weit verbreitete Belästigung von Schweizer Politikerinnen und Politikern
Eine neue Umfrage zeigt: 98 % der Bundesparlamentarierinnen und Bundesparlamentarier haben Anfeindungen erlebt. Am stärksten betroffen sind Mitglieder der Schweizerischen Volkspartei und der Grünen.

Erstaunliche 98 % der Schweizer Bundesparlamentarierinnen und Bundesparlamentarier waren in den letzten zwei Jahren Anfeindungen ausgesetzt. Diese Zahl zerstört die Illusion einer zivilisierten Schweizer Politik. Es handelt sich nicht um ein Randphänomen, sondern um eine nahezu universelle Erfahrung für jene, die durch die Gänge des Bundeshauses gehen. Laut einer umfassenden neuen Umfrage der Universität Zürich (UZH), die im Auftrag des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements (EJPD) durchgeführt wurde, müssen sich praktisch alle gewählten Amtsträgerinnen und Amtsträger in Bern inzwischen durch ein Minenfeld von Beschimpfungen bewegen.
Die Anfeindungen beschränken sich nicht auf wütende E-Mails. Die Studie zeigt ein beunruhigendes Spektrum von Aggressionen: persönliche Herabsetzungen, Hassrede, Verleumdung und Nachstellung sind weit verbreitet. Noch alarmierender ist, dass der Bericht Fälle von Vandalismus und direkter Gewalt dokumentiert. Diese Daten zeichnen ein düsteres Bild einer belagerten politischen Klasse, für die der Preis des öffentlichen Dienstes darin besteht, einem ständigen Hagel von Drohungen standzuhalten. Das gewaltige Ausmass der Übergriffe, von denen beinahe jedes einzelne Mitglied beider Kammern betroffen ist, deutet auf eine kritische Verschlechterung der Sicherheit der höchsten Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger des Landes hin.
Polarisierte Ziele: Grüne und SVP im Visier
Die politische Polarisierung heizt die Lage an, wobei die politischen Pole die Hauptlast der Aggression tragen. Die UZH-Umfrage nennt ausdrücklich Mitglieder der Schweizerischen Volkspartei (SVP) und der Grünen als häufigste Ziele dieser Anfeindungen. Die Daten legen nahe, dass jene, die im politischen Spektrum klare, eigenständige Positionen vertreten, mit verstärktem Hass bestraft werden.
Es handelt sich nicht um einen einseitigen Angriff, sondern um ein Kreuzfeuer, das sich über die ideologischen Gräben hinweg erstreckt. Die Formen der Übergriffe sind ähnlich, darunter Drohungen, Beleidigungen und Einschüchterungen. Die Ziele werden jedoch aufgrund ihrer Sichtbarkeit und politischen Ausrichtung ausgewählt. Indem sie ihre Wut auf die SVP und die Grünen richten, versuchen die Angreifer, die lautstärksten Strömungen der Schweizer Politik zum Schweigen zu bringen. Dieser Trend droht den politischen Diskurs zu vereinheitlichen, weil der persönliche Preis für eine starke Haltung gefährlich hoch wird.
Vor Ort: Das politische Schlachtfeld an der Basis
Die Vergiftung sickert nach unten und verseucht die Wurzeln der Schweizer Demokratie. Während die Zahlen auf Bundesebene enorm sind, ist die Lage auf kantonaler und kommunaler Ebene ebenso kritisch. Die Umfrage zeigt, dass drei Viertel der kantonalen Parlamentarierinnen und Parlamentarier sowie beinahe die Hälfte (45 %) der kommunalen Amtsträgerinnen und Amtsträger Opfer von Anfeindungen geworden sind.
Auf lokaler Ebene verändern sich die Formen der Übergriffe, bleiben aber schädlich. Die Studie hebt hervor, dass Frauen, Politikerinnen und Politiker der Linken sowie Angehörige sozialer Minderheiten häufiger als durchschnittliche kommunale Politikerinnen und Politiker zur Zielscheibe werden. Diese gezielte Auswahl bestimmter Bevölkerungsgruppen stellt eine direkte Bedrohung für die Vielfalt der politischen Vertretung dar. Anders als in der anonymen Bundespolitik findet die Belästigung vor Ort oft von Angesicht zu Angesicht statt, im Lebensmittelladen oder im Gemeindehaus. Dadurch wird die Einschüchterung für jene, die ihren Nachbarinnen und Nachbarn dienen, zutiefst persönlich und unausweichlich.
Systemische Bedrohung: Das Milizsystem schützen
Mit über 3500 befragten Politikerinnen und Politikern ist das Urteil eindeutig: Das Schweizer Milizsystem steht vor einer beispiellosen Belastungsprobe. Wenn 98 % der politischen Führungskräfte auf Bundesebene und beinahe die Hälfte der lokalen Amtsträgerinnen und Amtsträger Übergriffen ausgesetzt sind, ist die Gewinnung künftiger Führungskräfte gefährdet. Wer wird sich noch zur Verfügung stellen, wenn Verleumdung und Gefahr die Gegenleistung sind?
Das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) steht nun in der Pflicht zu handeln. Es geht nicht mehr nur um die Sicherheit Einzelner, sondern um die Widerstandsfähigkeit der Schweizer Institutionen. Setzt sich der Trend fort, droht der Politik eine Abwanderung von Talenten: Fähige Bürgerinnen und Bürger könnten sich weigern, für ein Amt zu kandidieren, um ihre Familien und ihre psychische Gesundheit zu schützen. Die Normalisierung von Gewalt und Hassrede gegen Amtsträgerinnen und Amtsträger ist nicht bloss ein Ärgernis, sondern eine existenzielle Bedrohung für das Funktionieren der direkten Demokratie in der Schweiz.