Landwirtschaft
Biologischer Landbau erzielt laut Schweizer Studie 85 % der konventionellen Erträge
Eine 47-jährige Schweizer Studie zeigt: Der biologische Landbau erreicht 85 % der Erträge der konventionellen Landwirtschaft und kommt dabei mit deutlich weniger Dünger und Pestiziden aus.

Der Mythos, dass der biologische Landbau auf der globalen Bühne nicht konkurrenzfähig sei, ist durch beinahe ein halbes Jahrhundert rigoroser Schweizer Forschung widerlegt worden. Eine bahnbrechende Erkenntnis aus dem «Methusalem unter den Feldversuchen» in Therwil, Basel-Landschaft, bestätigt: Die biologische Landwirtschaft erzielt erstaunliche 85 % der Erträge der konventionellen Landwirtschaft und übertrifft damit ihre Möglichkeiten deutlich. Das ist keine kurzfristige Ausnahme, sondern das Ergebnis des DOK-Versuchs, eines weltweit einzigartigen Experiments, das seit 1978 ununterbrochen läuft.
Die vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) und Agroscope geleitete Studie begegnet der Skepsis gegenüber nachhaltiger Landwirtschaft mit harten Fakten. Kritikerinnen und Kritiker führen Ertragslücken häufig als Ausschlussgrund an, doch die Schweizer Ergebnisse zeichnen ein anderes Bild: Hohe Produktivität ist auch ohne den massiven Einsatz von Chemikalien möglich. Der Versuch zeigt, dass der Zielkonflikt zwischen Ertrag und Nachhaltigkeit viel geringer ist als bisher befürchtet. Damit sind die Schweizer Methoden des biologischen Landbaus ein überzeugendes Modell für die Zukunft der globalen Ernährungssicherheit.
Weniger Einsatzmittel: 92 % weniger Pestizide
Die überraschendste Kennzahl aus dem DOK-Versuch betrifft nicht die angebauten Pflanzen, sondern das, worauf verzichtet wurde. Biologische Anbausysteme erzielten weiterhin beeindruckende Erträge und setzten dabei lediglich 8 % der Pestizide ein, die in der konventionellen Landwirtschaft verwendet werden. Das entspricht einer massiven Verringerung der Schadstoffbelastung um 92 % und senkt das Risiko deutlich, dass Schadstoffe das Schweizer Wasser, die Lebensmittel und das Tierfutter verunreinigen.
Zudem zeigt die Studie, dass Biobäuerinnen und Biobauern diese Ergebnisse mit nur 65 % der Stickstoffdüngermenge erzielen, die ihre konventionell wirtschaftenden Kolleginnen und Kollegen benötigen. Diese Effizienz ist revolutionär. Die konventionelle Landwirtschaft kämpft mit einer Abhängigkeit von chemischen Hilfsmitteln, um auch noch die letzten 15 % Ertrag herauszuholen. Die biologischen Methoden weisen dagegen ein deutlich besseres Verhältnis zwischen eingesetzten Mitteln und Ertrag auf. Die Daten vermitteln eine klare Botschaft: Der hohe Chemikalieneinsatz in der modernen Landwirtschaft bringt immer geringere Zusatzgewinne, während biologische Systeme sich als sparsamer, sauberer und bemerkenswert widerstandsfähig erweisen.
Kulturpflanzen im Vergleich: Soja überzeugt, Weizen schwächelt
Nicht alle Kulturen schneiden im biologischen Landbau gleich gut ab, und der Schweizer Versuch zeigt deutliche Unterschiede. Bei Soja gibt es einen überraschenden Erfolg für nachhaltiges Eiweiss: Die Erträge sind bei biologischem und konventionellem Anbau identisch. Das stellt die Annahme infrage, dass biologische Methoden immer geringere Erträge erzielen. Bei Soja besteht kein Ertragsvorteil durch den Einsatz von Chemikalien.
Bei Grundnahrungsmitteln wie Weizen und Kartoffeln ist die Lage jedoch komplexer. Diese Kulturen verzeichnen im biologischen Anbau grössere Ertragsverluste, was die biologischen Herausforderungen ohne synthetische Hilfsmittel verdeutlicht. Auch die Ertragsstabilität bleibt eine wichtige Hürde: Im biologischen Landbau schwanken die Erträge von Jahr zu Jahr stärker. Die Durchschnittswerte sind zwar hoch, die Erträge aber weniger konstant. Das birgt ein konkretes Risiko, mit dem die Landwirtinnen und Landwirte umgehen müssen. Die Daten zeichnen ein differenziertes Bild: Bei bestimmten Kulturen ist der biologische Landbau besonders leistungsfähig, bei anderen bleibt die Gleichstellung der Erträge ein Ziel.
Der Zielkonflikt beim Klima: Kohlenstoff und Stabilität
Über die Ernte hinaus zeigt der DOK-Versuch einen wichtigen Umweltvorteil: Biologisch bewirtschaftete Böden entwickeln sich zu wirksamen Kohlenstoffsenken. Die Studie bestätigt, dass der biologische Landbau pro Fläche deutlich weniger Lachgas ausstösst, ein wichtiger Gewinn im Kampf gegen den Klimawandel. Da biologische Böden mit der Zeit mehr Kohlenstoff speichern, verbessert sich die langfristige Klimabilanz der Flächen gegenüber konventionell bewirtschafteten Parzellen erheblich.
Die Effizienzrechnung ist jedoch kompliziert. Weil die Erträge im biologischen Landbau pro Hektar geringer sind, bleiben die Emissionen pro Produkteinheit ähnlich hoch wie bei konventionellen Systemen. Dennoch dürfen die umfassenderen ökologischen Vorteile nicht ausser Acht gelassen werden. Aus dem Versuch sind mehr als 140 Fachpublikationen mit Peer-Review hervorgegangen, und der wissenschaftliche Konsens festigt sich. Die Schweiz zeigt: Biologischer Landbau verlangt zwar, dass man stärkere Schwankungen in Kauf nimmt, bietet aber eine solide Lösung für gesunde Böden und einen geringeren Chemikalieneinsatz, die konventionelle Methoden schlicht nicht erreichen können.