Politik
Neuer Vorstoss zur Abschaffung des Stimmrechts für Ausländerinnen und Ausländer in Genf
Die Genfer Sektion der Schweizerischen Volkspartei (SVP) lanciert eine Initiative zur Abschaffung des Stimmrechts für ausländische Einwohnerinnen und Einwohner bei Gemeindewahlen. Damit entfacht sie die landesweite Debatte über die politische Integration der nichtschweizerischen Bevölkerung neu.

Die politische Landschaft Genfs steht vor einem Erdbeben: Die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei (SVP) erklärt den etablierten Rechten der nichtschweizerischen Bevölkerung den Kampf. In einem mutigen Schritt, der das Herz der lokalen Demokratie trifft, hat die Genfer SVP-Sektion eine aggressive Initiative zur Abschaffung des Stimmrechts von Ausländerinnen und Ausländern bei kommunalen Abstimmungen und Wahlen angekündigt. Dabei geht es nicht bloss um eine geringfügige Anpassung der Politik, sondern um eine grundlegende Herausforderung des Integrationsmodells einer der internationalsten Städte der Schweiz.
Der Vorschlag will Tausenden langjährigen Einwohnerinnen und Einwohnern ihre Mitsprache in lokalen Angelegenheiten entziehen und entfacht damit die explosive Debatte darüber neu, wer wirklich zur Schweizer Politik gehört. Genf galt lange als Hochburg des fortschrittlichen Stimmrechts. Das Vorgehen der SVP signalisiert nun eine deutliche Wende hin zu mehr Ausgrenzung. Die Partei macht sich eine wachsende Stimmung zunutze, wonach die politische Teilhabe ausschliesslich Schweizer Passinhaberinnen und -inhabern vorbehalten bleiben müsse, unabhängig davon, wie lange ausländische Einwohnerinnen und Einwohner zur lokalen Wirtschaft und Gesellschaft beigetragen haben.
Eine gespaltene Nation: Der Trend zur Ablehnung
Landesweit wendet sich die Stimmung gegen eine Ausweitung der politischen Rechte für Nichtbürgerinnen und Nichtbürger. Erst letzten Monat erteilten die Stimmberechtigten in zwei Kantonen den Integrationsbemühungen eine deutliche Abfuhr und lehnten es kategorisch ab, ihren langjährigen ausländischen Einwohnerinnen und Einwohnern das Stimmrecht zu gewähren. Das Ergebnis bestätigt eine unnachgiebige Realität: In den meisten Schweizer Kantonen dürfen ausländische Einwohnerinnen und Einwohner nicht abstimmen. So bleibt eine starre Grenze zwischen Wohnsitz und politischer Mitsprache bestehen.
Die jüngsten Abstimmungen im November sind ein düsteres Vorzeichen für die ausländische Bevölkerung Genfs. Die Ablehnungen sind Teil eines etablierten und sich verstärkenden Trends in der ganzen Eidgenossenschaft. Befürworterinnen und Befürworter des Stimmrechts argumentieren, Besteuerung ohne politische Vertretung untergrabe den gesellschaftlichen Zusammenhalt. In vielen Regionen überzeugen sie die Stimmberechtigten jedoch nicht. Derzeit spricht die Dynamik eher für Einschränkungen als für eine Ausweitung. Das gibt der SVP kräftigen Rückenwind bei ihrem Versuch, die bestehenden inklusiven Regelungen Genfs abzubauen.
Seltene Ausnahmen: Wo Teilhabe weiter möglich ist
Im deutlichen Gegensatz zur restriktiven Welle, die das Land erfasst, gibt es noch vereinzelte Orte mit Stimmrecht für Ausländerinnen und Ausländer, die sich dem Trend zur Ausgrenzung widersetzen. Während die SVP in Genf die Türen schliessen will, verfolgen kleine Gemeinden wie Albula/Alvra in Graubünden weiterhin einen anderen Kurs. Dort erhalten ausländische Einwohnerinnen und Einwohner nach acht Jahren Wohnsitz das Stimmrecht. Das ist ein Beispiel für einen stärker lokal geprägten und pragmatischen Umgang mit Integration.
Diese seltenen Ausnahmen zeigen, wie uneinheitlich der Schweizer Föderalismus ist. Der Weg zur uneingeschränkten politischen Teilhabe bleibt jedoch beschwerlich. Für viele führt der einzige garantierte Weg zur Urne über das aufwendige Einbürgerungsverfahren, das mehr als ein Jahrzehnt dauern kann. Wie neue Schweizer Bürgerinnen und Bürger berichten, setzt der Schritt vom Wohnsitz zur Stimmberechtigung oft mindestens zehn Jahre Aufenthalt und bis zu 18 Monate Bearbeitungszeit voraus. Das heutige Genfer System ermöglicht eine Abkürzung zur lokalen Mitsprache, die nun unmittelbar bedroht ist.
Viel steht auf dem Spiel für die Schweizer Demokratie
Die in Genf gezogenen Fronten markieren einen entscheidenden Wendepunkt für die Zukunft der Schweizer Demokratie. Sollte die SVP diese Rechte abschaffen, wäre dies eine beunruhigende Botschaft an die internationale Gemeinschaft, die die Wirtschaft der Stadt trägt: Ihr dürft hier arbeiten, aber nicht mitbestimmen. Die Initiative zwingt zur Auseinandersetzung mit zwei konkurrierenden Vorstellungen von der Schweiz: Die eine sieht die Staatsbürgerschaft als einziges Kriterium für politische Rechte, die andere schätzt die Mitwirkung aller dauerhaft ansässigen Personen.
Die Folgen reichen weit über die Kantonsgrenzen hinaus. Ein Sieg der SVP in Genf könnte ähnliche Bewegungen in den wenigen anderen Gebieten ermutigen, in denen Ausländerinnen und Ausländer derzeit abstimmen dürfen. Während sich die Debatte zuspitzt, wird die Definition politischer Integration gerade neu geschrieben. Für die ausländische Bevölkerung wird das Ergebnis dieses Vorstosses darüber entscheiden, ob sie weiterhin aktiv am Leben ihrer Heimatstadt teilhaben kann oder auf die Rolle stiller Zuschauerinnen und Zuschauer verwiesen wird.