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Swiss Observer

Velounfälle in der Schweiz im vergangenen Jahrzehnt um 50 Prozent gestiegen

Der Schweizer Unfallversicherer meldet einen alarmierenden Anstieg der Velounfälle um 50 Prozent. Die meisten Unfälle werden durch Ablenkung durch Mobilgeräte und Kopfhörer verursacht.

Velounfälle in der Schweiz im vergangenen Jahrzehnt um 50 Prozent gestiegen
AISWI swissinfo.ch

Die Schweizer Strassen werden für Pendlerinnen und Pendler auf zwei Rädern zunehmend unfreundlicher. Eine alarmierende Erkenntnis, die sofortige Aufmerksamkeit verlangt: Die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva) meldet, dass die Zahl der Velounfälle im vergangenen Jahrzehnt um 50 Prozent gestiegen ist. Die Zahlen zeichnen ein düsteres Bild der sich wandelnden städtischen Mobilität: Zwischen 2018 und 2022 ereigneten sich auf Schweizer Strassen insgesamt 26'100 Velounfälle. Das steht in deutlichem Gegensatz zu den 17'400 Unfällen zwischen 2008 und 2012.

Dabei handelt es sich nicht bloss um eine statistische Schwankung, sondern um eine ernsthafte Sicherheitskrise. Die Beliebtheit des Velofahrens ist zwar unbestreitbar gestiegen, begünstigt durch milde Winter, veränderte Freizeitgewohnheiten und den Trend zu umweltfreundlichen Verkehrsmitteln. Doch die Infrastruktur und das Verhalten der Velofahrenden haben offensichtlich nicht Schritt gehalten. Der Zusammenhang ist deutlich: Je mehr Velofahrende längere Strecken zurücklegen, desto häufiger kommt es zu Kollisionen und Stürzen. Die Dynamik der Verkehrssicherheit verändert sich grundlegend. Es braucht dringend Massnahmen, bevor die Zahl der Unfallopfer weiter steigt.

Digitale Scheuklappen: Ablenkung auf zwei Rädern

Hauptursache für diesen Anstieg sind nicht rutschige Strassen oder rücksichtslose Autofahrende, sondern das Gerät in der Tasche. Erschreckende 84 Prozent dieser Unfälle sind auf einen Kontrollverlust zurückzuführen, wobei Ablenkung und mangelnde Aufmerksamkeit die wichtigsten Auslöser sind. Wir erleben eine Epidemie von «Zombie-Velofahrenden»: Sie schotten sich mit geräuschunterdrückenden Kopfhörern und anspruchsvollen Smartphone-Bildschirmen vollständig von ihrer Umgebung ab.

Umfragen aus dem Jahr 2023 zeigen, dass jede fünfte velofahrende Person zugibt, während der Fahrt abgelenkt zu sein. Ein Blick auf die Altersgruppen zeigt, wie sich dieses riskante Verhalten auswirkt. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 15 und 29 Jahren wirken Kopfhörer wie digitale Scheuklappen und unterbrechen die akustische Verbindung zur Strasse. Bei den 30- bis 44-Jährigen verschärft sich die Gefahr: Die Nutzung des Mobiltelefons ist eine ebenso wichtige Unfallursache wie Ablenkung durch Audioinhalte. Andrea Lenz, Leiterin der Unfallprävention im Bereich Velo bei der Suva, warnt: Wer durch Technologie von seinen Sinnen abgelenkt wird, kann den Überblick über die Strasse nicht behalten. Die Botschaft ist klar: Abgekoppelte Velofahrende verunfallen so häufig wie noch nie.

Der Anstieg bei älteren Velofahrenden: erhöhtes Risiko

Während Ablenkung bei den Jüngeren ein Problem ist, zeichnet sich bei den älteren Generationen eine andere Krise ab. Den stärksten Anstieg in der Unfallstatistik verzeichnet die Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen. Die Unfallzahlen haben sich mehr als verdoppelt. Zwischen 2008 und 2012 entfielen auf diese Altersgruppe 2'300 Unfälle. Zehn Jahre später waren es bereits 4'700, ein Anstieg um massive 104 Prozent.

Dieser Anstieg ist wahrscheinlich auf die weite Verbreitung von E-Bikes zurückzuführen. Sie ermöglichen älteren Velofahrenden, schneller und Strecken zurückzulegen, die zuvor ausser Reichweite lagen. Die grössere Mobilität hat jedoch einen hohen Preis in Sachen Sicherheit. Die Daten zeigen zudem 2020 einen aussergewöhnlichen Anstieg in allen Altersgruppen: Während der Covid-Pandemie stiegen viele Menschen auf das Velo um, um den öffentlichen Verkehr zu meiden. Dadurch erreichte die Zahl der Unfallopfer einen aussergewöhnlichen Höchststand. Die Anfälligkeit der 55- bis 64-Jährigen zeigt, dass Erfahrung allein nicht mehr ausreicht, um sich vor den Herausforderungen des modernen, dichten Verkehrs in der Schweiz zu schützen.

Die Strasse zurückerobern: Kampf um die Aufmerksamkeit

Die Entwicklung dieser Zahlen ist nicht nachhaltig. Um den Trend umzukehren, muss sich die Velokultur grundlegend ändern. Die Suva gibt klare und verbindliche Empfehlungen: Mobiltelefone ausschalten, Kopfhörer in der Tasche verstauen und beide Hände am Lenker behalten. Sichtbarkeit ist lebenswichtig: Das Licht muss eingeschaltet sein, und reflektierende Kleidung ist nicht freiwillig, sondern unerlässlich.

Andrea Lenz betont, dass technische Sicherheit nur die eine Hälfte der Aufgabe ist. Die andere ist der menschliche Austausch. «Um Unfälle zu verhindern, müssen wir auch den Austausch zwischen den Verkehrsteilnehmenden, etwa durch Blickkontakt, pflegen und fördern», sagt sie. Wir müssen vom passiven Unterwegssein zu einer aktiven und vorausschauenden Fahrweise übergehen. Gefahren früh zu erkennen und richtig zu reagieren, indem man die Geschwindigkeit anpasst und klar signalisiert, ist der einzige Weg, das Risiko eines Kontrollverlusts zu verringern. Während die Schweiz das Velo immer stärker nutzt, müssen wir uns entscheiden: Fahren wir mit erhobenem Kopf, oder scrollen wir weiter, bis wir in der Notaufnahme landen?