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Swiss Observer

Die kritische Wohnungsnot in der Schweiz erreicht neue Ausmasse

Die Wohnungskrise verschärft sich: Die Leerwohnungsziffer in Zürich erreicht mit 0,07 % einen Rekordtiefstand und löst Proteste sowie landesweite Besorgnis über die Verfügbarkeit von Wohnraum aus.

Die kritische Wohnungsnot in der Schweiz erreicht neue Ausmasse
AISWI swissinfo.ch

Zürich hat praktisch keine Wohnungen mehr frei. In einem dramatischen Einbruch der Verfügbarkeit ist die Leerwohnungsziffer der Stadt auf winzige 0,07 % gesunken. Das ist nicht einfach nur ein Mangel, der Markt ist wie gelähmt. Von 10 000 Wohnungen in der Schweizer Finanzmetropole sind derzeit nur sieben verfügbar. Diese Zahl macht die Stadt für Neuzuziehende praktisch unzugänglich und erschwert es den heutigen Bewohnerinnen und Bewohnern, eine andere Wohnung zu finden. Der Wert dürfte der tiefste in der gesamten westlichen Welt sein und signalisiert eine Krise von bisher unbekanntem Ausmass.

Zürich ist zwar seit Langem für seinen umkämpften Immobilienmarkt bekannt, doch dieser neue Tiefstand steht für einen grundlegenden Wandel. Die Zeiten der schwierigen Wohnungssuche sind vorbei, wir sind im Zeitalter der unmöglichen Wohnungssuche angekommen. Dieser statistische Wert nahe null schafft ein verzweifeltes Umfeld, in dem der Wettbewerb hart ist und der gesellschaftliche Zusammenhalt der Stadt auf die Probe gestellt wird, während systemrelevante Arbeitskräfte und Familien sich die Mieten nicht mehr leisten können oder ganz von der Wohnungssuche ausgeschlossen werden.

Zündstoff auf den Strassen: Der «Sugus»-Aufstand

Die Statistiken tragen sich auf die Strasse. Ende 2024 kochten die Spannungen über, als 100 Mieterinnen und Mieter der sogenannten «Sugus-Häuser» nur wenige Tage vor Weihnachten die Kündigung erhielten. Diese brutale Massnahme einer wohlhabenden Erbin, die sich weigerte, mit den städtischen Behörden ins Gespräch zu kommen, wurde zum Auslöser der grössten Wohnungsdemonstration, die Zürich seit der Jahrtausendwende erlebt hat. Am 5. April marschierten Tausende und verwandelten die schwelende Frustration in einen lauten öffentlichen Protest.

Die «Sugus»-Siedlung hat sich von einem Wohnblock zu einem starken Symbol für die grösseren Versäumnisse des Schweizer Wohnungsmarkts entwickelt. Sie steht für ein System, in dem Renovationen oft Verdrängung bedeuten und in dem Eigentumsrechte zunehmend mit dem grundlegenden menschlichen Bedürfnis nach einem Dach über dem Kopf kollidieren. Das Ausmass dieser Proteste zeigt, dass die Wohnungskrise über eine wirtschaftliche Belastung hinausgewachsen und zu einem brisanten sozialen Konflikt geworden ist.

Eine Nation am Abgrund: Das landesweite Defizit

Während Zürich nach Luft schnappt, muss der Rest der Schweiz den Gürtel enger schnallen. Die landesweite Leerwohnungsziffer liegt derzeit bei prekären 1,08 %. Damit liegt sie zwar knapp über der offiziellen Schwelle des Bundesamts für Wohnungswesen von 1 %, ab der Wohnungsnot gilt, doch der Abstand ist hauchdünn. In zentralen Lagen im ganzen Land ist dieser Puffer bereits verschwunden: Die Verfügbarkeit ist deutlich unter die kritische Schwelle von 1 % gesunken.

Die Verknappung betrifft das ganze Land. Die Bautätigkeit hat mit der starken Zuwanderung nicht Schritt gehalten und die Kluft zwischen Angebot und Nachfrage vergrössert. Wir erleben ein strukturelles Defizit: Der Bau neuer Wohnungen bleibt gefährlich weit hinter dem Bevölkerungswachstum zurück. Der Schweizer Markt ist nicht mehr nur «angespannt», er steht am Rand einer systemischen Knappheit, die die Mobilität und das Wirtschaftswachstum in den Kantonen zu ersticken droht.

Im Rückstand: Der Vergleich mit Europa

Die Schweiz liegt inzwischen allein am unteren Ende. Ein vernichtender Vergleich der Daten zeigt: Abgesehen von den kleinsten Mikrostaaten hat die Schweiz die tiefste Leerwohnungsziffer in Europa. Selbst Schweden, das in den OECD-Ranglisten zuvor zusammen mit der Schweiz den letzten Platz belegte, verzeichnet eine leichte Entspannung auf 1,3 %. Die Schweiz hingegen setzt ihren Abwärtstrend fort.

Robert Weinert, Chefanalyst bei Wüest Partner, bestätigt die Schwere der Lage: «Mit Ausnahme der sehr kleinen Länder hat die Schweiz derzeit die tiefste Leerwohnungsziffer in Europa.» Auch Weltmetropolen wie London, Paris und München kämpfen mit ähnlichen Engpässen, doch die Krise in der Schweiz ist durch ihre landesweite Intensität einzigartig. Während unsere Nachbarn Wege finden, ihre Märkte zu stabilisieren, droht die Schweizerische Eidgenossenschaft zum warnenden Beispiel für eine verfehlte Raumplanung und eine misslungene Bewältigung des demografischen Wandels zu werden.