Energie
Während Europa auf erneuerbare Energien setzt, hinkt die Schweiz in der Ölkrise bei der Einführung hinterher
Während der anhaltende Konflikt im Nahen Osten die Nachfrage nach Solarpanels und Wärmepumpen in ganz Europa stark ankurbelt, stehen Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz Berichten zufolge vor Hürden, die den Umstieg bremsen. Dies deutet auf einen möglichen Rückstand bei der nationalen Strategie für erneuerbare Energien hin.

Eine geradezu erstaunliche Zunahme der Nachfrage nach erneuerbarer Energie um 80 Prozent erfasst Europa, während der Konflikt im Nahen Osten die Treibstoffpreise ins Trudeln bringt. Während die Nachbarländer auf Energieunabhängigkeit zusteuern, tritt die Schweiz auf der Stelle. Der Kontrast ist frappant: Während Haushalte in Deutschland, Frankreich und Grossbritannien fieberhaft Solarpanels und Wärmepumpen installieren, um sich der Volatilität des Ölpreises zu entziehen, bleibt die Nachfrage in der Schweiz auffallend stabil. Das liegt nicht an mangelndem Umweltbewusstsein, sondern an einem systemischen Versagen, Interesse in Kilowatt umzusetzen. Schweizer Energieversorger berichten, dass die Bevölkerung zwar mehr Fragen stellt als je zuvor, sich aber weigert, Verträge zu unterzeichnen. Die «Energiewende» ist hier an eine Wand des Zögerns gestossen. Dadurch bleibt die Alpenrepublik genau jenen globalen Erschütterungen ausgesetzt, denen sie entgehen will. Während der Rest des Kontinents das Tempo erhöht, läuft der Schweizer Motor angesichts einer historischen Chance im Leerlauf.
Dezentralisierung führt zu Stillstand
Sechsundzwanzig verschiedene Strategien für ein kleines Land: Der Föderalismus der Schweiz macht den grünen Wandel zu einem bürokratischen Labyrinth. «Jede Offerte war anders, die Förderbeiträge hängen vom Kanton ab und die Regeln ändern sich ständig», klagt Patrick Andres, ein Hauseigentümer in Freiburg, der stellvertretend für Tausende frustrierte Einwohnerinnen und Einwohner steht. Dieser regulatorische Papierkrieg ist mehr als eine Unannehmlichkeit, er wirkt abschreckend. Während Frankreich und Deutschland unkomplizierte, landesweite Darlehen zu tiefen Zinsen und umfangreiche Zuschüsse anbieten, die die Anfangskosten senken, müssen Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer in der Schweiz ein Flickwerk kantonaler Fördermassnahmen durchblicken, die je nach Postleitzahl stark variieren. Diese Zersplitterung fördert eine «Abwarten-und-schauen»-Haltung. Potenzielle Investorinnen und Investoren werden von der Angst gelähmt, heute die «falsche» Wahl zu treffen und morgen von einer besseren Förderung zu erfahren. Ohne einen einheitlichen Fahrplan des Bundes bleibt der Schweizer Weg zu Netto-Null ein verwirrender Pfad mit lokalen Umwegen.
Die Förderlücke bremst Innovationen aus
Mit dem Ende der Befreiung von der Einfuhrsteuer für Elektrofahrzeuge im Jahr 2024 hat die Schweiz die Elektromobilität praktisch ausgebremst. Die Folgen sind vorhersehbar und düster: Die Verkäufe von Elektrofahrzeugen stagnieren und bewegen sich auf dem Niveau von vor vier Jahren, während Elektroautos in nordischen Nachbarländern wie Norwegen und Dänemark dank grosszügiger Steuervorteile den Markt dominieren. Die steuerlichen Rahmenbedingungen für grüne Technologien werden insgesamt enger. Bis 2029 will die Schweiz die meisten Steuerabzüge für Gebäudesanierungen abschaffen und damit ein wichtiges Zeitfenster schliessen, in dem Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer ihre Heizsysteme modernisieren können. Die Installationen von Wärmepumpen, einst ein Aushängeschild der Schweizer Ingenieurskunst, gingen 2024 und 2025 stark zurück. In einem Markt mit weiterhin hohen Anfangskosten ist der Wegfall finanzieller Abfederungen ein Todesstoss für eine rasche Einführung. Die Schweiz entscheidet sich für Sparpolitik statt Beschleunigung, obwohl die Ölkrise die Kosten des Nichtstuns täglich erhöht.
Schatten der Kernenergie und künftige Reibungsverluste
Die anhaltenden Debatten über die Zukunft der Kernenergie werfen einen langen Schatten auf Investitionen in erneuerbare Energien und senden widersprüchliche Signale an den Markt. Wird die nationale Strategie als unentschlossen wahrgenommen, zieht sich privates Kapital zurück. Manfred Joss von BKW bestätigt eine «deutliche Lücke» zwischen öffentlichem Interesse und tatsächlicher Umsetzung. Dabei geht es nicht nur um Geld, sondern auch um Vertrauen. Während Europa entschlossen auf dezentrale Solar- und Windenergie setzt, um sich von geopolitischen Unsicherheiten abzukoppeln, bremst die interne Schweizer Debatte über den Energiemix den Fortschritt. Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Wenn die Schweiz ihre Fördermassnahmen nicht aufeinander abstimmt und sich nicht entschlossen auf einen Weg mit erneuerbaren Energien festlegt, droht sie zu einer Energieinsel zu werden, nicht aufgrund ihrer geografischen Lage, sondern weil sie mit der Zeit nicht Schritt hält. Das Zeitfenster für einen geförderten Wandel schliesst sich. Für die Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz wird die Entscheidung immer deutlicher: jetzt durch den Papierkrieg navigieren oder später den Preis für die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zahlen.